Wirtschaft

Der Ökonom, der ein wenig Papst war

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 04.11.2010 4 Kommentare

In seinen Höhepunkten erinnerte sein Stil an die Bibel. Der Inhalt auch. Nun geht Gerhard Schwarz nach 16 Jahren als Chef der NZZ-Wirtschaftsredaktion. Es ist das Ende einer Ära.

Neue Herausforderung: Gerhard Schwarz arbeitet nun beim Wirtschafts-Think-Tank Avenir Suisse.

Neue Herausforderung: Gerhard Schwarz arbeitet nun beim Wirtschafts-Think-Tank Avenir Suisse.
Bild: Keystone

Sein Büro war, wie Besucher erzählen, das, was für ihn die Wirtschaft ist: ein geordnetes Chaos. Seit 1994 sass er in diesem Gebirge aus Papier, inmitten wachsender Aktenstapel mit der Aussicht auf ein Regal voller Fachliteratur.

Zum Besuch sagte er jeweils, leicht verlegen mit Blick auf die Papierstapel: «Ich finde alles!» Und das war über drei Jahrzehnte lang auch genau sein Beruf: Alles in den Papieren zu finden.

Doch seit Anfang dieser Woche steht das Büro leer: Der NZZ-Wirtschaftschef, berühmt als einflussreichster Kommentator der Schweizer Presse, hat etwas getan, was ihm niemand zugetraut hätte: Er hat den Beruf gewechselt.

Der Beamte mit der Bibel

In seinem Äusseren ist Gerhard Schwarz so betont unauffällig, dass er fast aus der Zeit gefallen scheint. Er gleicht der Fotografie eines Beamten irgendwann um 1900: ein kleiner Mann mit hoher Stirn, Kanzleibrille und Schnurrbart.

Und sein Stil hat in seinen besten Momenten eine noch viel ältere Färbung. Wer glaubt, Ökonomie sei eine Wissenschaft mit Tabellen und Formeln, kühl betrieben, kühl serviert, hat die NZZ nie gelesen. Die Lektüre seiner Leitartikel beweist, dass es auch anders geht, voller Leidenschaft, fast zahlenfrei, aber voller Adjektive. Oft klingt es, als wäre die Bibel neu geschrieben worden: voller Mahnungen und Gebote. Die Artikel warnen vor «Teufelskreisen», «Sündenfällen» und zahlreichen «Verlockungen». Leser und Wirtschaftsbosse werden zu «Rückgrat und harter Arbeit», zum «Prinzip der offenen Gesellschaft», der «freien Marktwirtschaft» und des «ordoliberalen Gedankens» aufgerufen, um «harte, aber notwendige», «schmerzliche Schlankheitskuren» und «Fitnessübungen» anzugehen, und auch als Betroffener den «Glauben» an «die spontanen Marktkräfte» nicht zu verlieren, ansonsten «Unheil» und «Realitätsverlust» drohen.

Es ist diese verblüffende Mischung zwischen der ordoliberalen Trockenheit der Botschaft und der archaischen Wucht der Sprache, die Gerhard Schwarz so hervorragend wirksam macht: als Instanz für seine Bewunderer, als Irritation für seine Gegner.

Frivolitäten und Statistik

Gegen seinen Stil ist Schwarz’ Lebenslauf höchst langweilig: Er wuchs im Voralberg auf, studierte in St. Gallen und trat mit 30 in die NZZ ein wie in einen Orden: Empfangen mit einem misstrauischem Interview und einer jahrelangen Probezeit. (Die NZZ, im Innern chaotisch wie alle Zeitungen, stellte ihre Identität mit diesem Rezept her: Neulinge wurden so lange beschnüffelt, bis sie so wie der Rest der Redaktion rochen.)

Seitdem liefert G.S. Artikel wie eine Uhr. Es gibt keine bekannten Brüche in seinem Leben – und keine Anekdoten. Er scheint wie schon immer da gewesen zu sein. Und an Privatem wissen selbst jahrzehntelange Kollegen wenig mehr als dass er drei heute erwachsene Töchter hat und Skifahren, einen Jass und die Berge schätzt. Das Frivolste an ihm ist, dass er als Österreicher Siege über Schweizer Skifahrer befürwortet.

Das Feuer in seinen Artikeln ist seit Jahrzehnten so ungeklärt und unverändert: Niemand weiss, woher dieser Tag für Tag glühende Liberalismus kommt, auch er schien wie von Anfang an da.

Wirklichkeit und Lehrbuch

Die gelegentliche Dramatik seines Werks kam vom Stoff her: Schwarz wurde 1994 Wirtschaftschef – und schrieb damit in der Zeit, in der die Schweizer Wirtschaft in ihre kreativste, unanständigste, übermütigste, lukrativste und gefährlichste Phase eintrat.

Andere Journalisten folgten jeweils der Mode. Sie bejubelten die New Economy und UBS und verdammten sie, beugten sich vor Börsenstars und traten Versager – Schwarz hingegen arbeitete ganz anders. Er verglich die Wirklichkeit mit dem liberalen Lehrbuch.

Dieses Denken zeigt sich in einem kurzen, aber berühmten Interview mit dem (damals für die WoZ arbeitenden) Journalisten Marc Badertscher. Der Hintergund: Damals, 2003, wuchs die Schweiz seit ein paar Jahren kaum mehr. Darüber tobte in Zeitungen und Politik ein bitterer Krieg um die Ursachen. Für Schwarz und die Ordoliberalen gab es nur einen Schuldigen: zu viel Staat. Die Staatsquote sei zu hoch, das ersticke die Wirtschaft. Politisch hiess deshalb die Forderung: Vom Staat wurden radikale Sparmassnahmen gefordert.

Die Gesetze des Marktes

Dann veröffentlichte die NZZ am Sonntag eine OECD-Grafik. Sie zeigte verschiedenste Staaten mit sehr unterschiedlicher Staatsquote, die mehr oder weniger wuchsen. Ein Zusammenhang zwischen Staatsquote und Wachstum war nicht erkennbar. Nicht im geringsten.

Darauf rief Badertscher Schwarz an: B: Ihr Kommentar zur Studie? S: Mich hat die Kernaussage des Artikels nicht überzeugt. B: Es ist aber immerhin eine Studie. S: Ich bin nicht so empiriegläubig wie viele moderne Ökonomen. B: Sondern? S: Für mich sind es eher grundsätzliche Überlegungen, die mich beim Schreiben leiten: Die Gesetze des Marktes gelten ziemlich universal.

Das Fazit: Wenn die Wirklichkeit sich nicht ans Lehrbuch hält, um so schlimmer für das Lehrbuch.

(Die über Jahre geführte Staatsquotendebatte verschwand trotzdem kurz danach – nicht wegen der Grafik, sondern weil die Schweiz plötzlich anfing, auch auch ohne Radikalkur ganz lehrbuchwidrig zu wachsen – warum auch immer.)

Zweifel, Skepsis, Demut

Doch Schwarz' strikte Ablehnung der Empirie und seine Lehrbuch-Sicht der Welt – basiert das nicht auf Arroganz? Liest man ihn, so basiert sie auf dem Gegenteil: auf Skepsis. Ein Herzensthema von Schwarz sind die fundamentalen Zweifel an der Erkennbarkeit, Vorhersagbarkeit und der Planbarkeit von Welt und Wirtschaft. Statistiken, Experimente, Daten zeigen nur, was der Interpret in ihnen sehen will. Und da die Menschen blind und Prognosen unmöglich sind, ziehen Verbesserungen unweigerlich Nebenwirkungen nach sich. Also bleiben dem realistischen Ökonom statt Statistiken und Studien nur: die Prinzipien, die immer gelten.

Und diese sind? Die Prinzipien der Friedrich-August-von-Hayek-Schule: Wettbewerb. Privateigentum. Selbstverantwortung. Eindämmung des Staates.

Tollkühner Sprung in den Glauben

Schwarzs Werk bezieht seinen Charme durch diesen tollkühnen Sprung aus der Skepsis in den Glauben – an diese paar wenigen Prinzipien, an der die Wirklichkeit be- und verurteilt wird.

Der Pfeffer bei dieser Skepsis ist nicht nur der Glaube, sondern dazu eine scharfe 180-Grad-Dialektik: Gutgemeintes führt in die Irre, Regulierungen zu schlimmeren Verstössen, Hilfe zu Unmündigkeit, Sozialstaat zu Sozialismus – allein kaltblütiges Unternehmertum fürt zu Wohlstand. Fazit: Es ist besser, wenn man die Dinge unangerührt lässt.

(Dieses Denken hat nur einen Widerspruch: Wenn Gutgemeintes in Staat oder Business immer Nebenwirkungen hat UND man die Welt nicht durchschauen kann: Woher weiss man dann, dass die Wirkungen stets schlimm sind? «Erfahrung», antwortet Schwarz trocken.) Schwarz’ Philosophie – Prinzipien sind wichtiger als momentane Erkenntnisse, Pragmatimus oft nur ein Opportunimus – führt zu einem reizvollen Fels-in-derBrandung-Journalismus: Das Drama (auch für Nichtgläubige seiner liberalen Schule) entsteht, weil hier ein Journalist versucht, die Wirklichkeit seinen Grundsätzen anzupassen. (Statt umgekehrt.)

Die Haltung bewahrt

Schwarz’ Lesern bietet sich neben Mahnartikeln also immer wieder das Western-Szenario: Ein Mann reitet gegen die Wirklichkeit. Was, wenn das Leben anders läuft als die Prinzipien?

Und die Wirtschaft bot Schwarz seit 1994 einen Rodeo-Ritt: etwa die Nationalbank, die 1992-96 ganz im Sinne der NZZ die Zinsen hoch hielt und die Schweiz zwei Jahre länger als Resteuropa in eine Rezession stürzte; Shareholder-Value, der Managergehälter an den Aktienkurs koppelte, die Manager aber dazu verführte, ihn zu manipulieren und riesige Belohnungen einzusacken; die New-Economy-Blase, der Absturz der Swissair mit der halben FDP-Elite im Cockpit; die Boni-Ausschüttungen; die Finanzkrise; die De-facto-Pleite der UBS.

In einigen Fragen hat Schwarz Haltung bewahrt (er spielt gerne mit dem Gedanken der Privatisierung der Nationalbank), in anderen Haltung bewiesen, indem er sie geändert hat: Nach seinem Manifest gegen Neidökonomie wandte er sich gegen die Boniprofiteure; am Anfang der Krise freute er sich noch aus liberaler Warte über den Lehman-Bankrott («ein reinigendes Gewitter, die Landschaft präsentiert sich danach oft besonders schön und proper») – und danach, als fast das Weltfinanzsystem zusammenbrach, plädierte er in Sachen UBS doch für die Staatsrettung. («Auch wenn mir einige vorwarfen, ich hätte meine Seele verkauft».)

Die seltsame Sache

Kurz: Man konnte ihm beim Denken zusehen. Allerdings fällt auf, dass Schwarz für viele der neuen Probleme als Lösung eine seltsam ökonomiefremde Sache vorschlägt: Moral. Gegen die «Gier» und die unkontrollierte Herrschaft der Manager forderte er etwa «ein Purgatorium», «mehr Anstand», «Charakter», «Werte», «Tradition», weil diese «Selbstdarsteller» «bei den eigenen Leuten» «Resignation und Bitterkeit» hervorrufen würden und «die Akzeptanz der Marktwirtschaft» beschädigten.

Denn, so meist die Pointe dieser Predigten: «Falsch ist es, nach Aufsicht und Regulierung zu rufen.»

Der lange Marsch der NZZ

In der Finanzkrise ist Schwarz’ Art des Journalismus – wenig Recherche, viel Reflexion – an eine Grenze gestossen. Schon allein, weil in vielen Konzernzentralen Englisch gesprochen wird; dann, weil die NZZ nicht recherchierte und von Medien wie der «Financial Times» weit überholt wurde, und endlich, weil sich das Publikum geändert hat: Nach einer Anti-Boni-Predigt von Schwarz, betitelt «Wellenreiter im Selbstbedienungsladen», wurde der Artikel auf einer Jungbankerparty vorgelesen. Die Banker lachten und sagten: «Nächstes Jahr verdienen wir eine Kiste mehr und dann zerreisst es die alten Säcke vor Neid.»

Das zentrale publizistische Problem der NZZ ist, dass sie als Organ der FDP über ein Jahrhundert lang die Zeitung der Partei der Macht war. Es war sogar wichtig, was nicht in der NZZ stand. Denn daran konnte man ablesen, was zählte und was nicht. Ex-FDP-Präsident Franz Steinegger sagte einmal: «Früher haben wir keinen Think Tank gebraucht. Wir lasen die NZZ. Und stimmten dann, wie es dort stand.»

Durch den Kontakt mit der Macht entwickelte sich ein NZZ-Orakel-Stil: voller oft kryptischer Schachtelsätze mit lauter wertenden Adjektiven, Nebenbemerkungen, Raunen, Augenbrauenheben. Kabinettspolitikjournalismus.

Der letzte grosse Vertreter

Mit dem Abstieg des Zürcher Freisinns begann auch sehr langsam der schmerzhafte, lange Marsch der NZZ in die Normalität: in Richtung der jüngeren Schwester «NZZ am Sonntag» – Farbbilder, Recherche, Sparprogramme, klarere Sprache, helles Layout, Abgrenzung von der FDP, weniger Profil: vom Regierungsblatt zur Zeitung.

Gerhard Schwarz, mit allen mächtigen Konzernchefs vernetzt, mehr wissend, als er schrieb, und bei aller Verve in jedem Zweifelsfall für das Nichtstun, also den Status Quo eintretend, dabei glanzvoll mächtig in seiner Unauffälligkeit, ein Ideologe und ein Aristokrat, ist der letzte grosse Vertreter dieser Sorte Zeitung – sein Abgang ist das Ende einer Ära.

Jobwechsel mit 59 Jahren

Er ging, nicht zuletzt, weil «eine beseelte Zeitung» immer schwerer mit einem jener Sparprogramme vereinbar wurde, die er als Journalist anderen als «Schlankheitskur» empfahl. Und «um etwas Neues zu tun».

Schwarz wird mit 59 neuer Chef des konzerngesponsorten Think Tanks «Avenir Suisse» – eines Gebildes, das zwischen Strohfeuerdebatten und esoterischen Studien bisher nie ganz seine Rolle fand. Schwarz’ Vorgänger Thomas Held zog in seinem letzten Interview eine eher traurige Bilanz: «Wir haben ein paar Probleme aufgedeckt, aber passiert ist nichts. Wir müssen uns fragen, wer überhaupt unser Publikum ist.»

Schwarz’ Wechsel wirkt, als hätte ein Papst seine Kanzel mit einer Kleinbühne vertauscht. Und sofort ist er dem Publikum ausgesetzt. An Helds Abschiedsparty raunten die Leute angeblich: «Nicht noch ein liberaler Club!» Und sprachen darüber, dass kaum mehr ein Journalist im Amt pensioniert wird: Alle enden in der Konzernkommunikation. Das scheint auch ein Teil der neuen kapitalistischen Wirklichkeit zu sein.

Und dazu Rilkes alte Weisheit für allen Journalismus: «Wir ordnen’s. Es zerfällt. Wir ordnen’s wieder. Und zerfallen selbst.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2010, 10:19 Uhr

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4 Kommentare

Thomas Läubli

05.11.2010, 00:33 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Schwarz redet vom freien Markt wie von einer göttlichen Ordnung (die unsichtbare Hand als Schöpfer) und von einer Naturordnung, die man in Ruhe lassen soll, weil zu komplex (vgl. Hayek). Übernehmen wir die Natur-Metapher und sehen, wie die Menschheit die Natur beherrschen kann, fragt sich, warum man in einem Urwald nicht ab und zu die Bäume stutzen soll, damit auch zarte Pflänzchen Licht erhalten. Antworten


Willi Arpagaus

04.11.2010, 10:36 Uhr
Melden

Danke für den schönen Artikel! Eine kleine Anmerukung zum Satz "Das Frivolste an ihm ist, dass er als Österreicher Siege über Schweizer Skifahrer befürwortet". G.S. ist in der Tat Schweizer (Österreich kennt die doppelte Staatsbürgerschaft nicht). Antworten



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