Wirtschaft
Der Pharmaindustrie steht ein Schreckensjahr bevor
Von Andreas Möckli. Aktualisiert am 10.01.2012 16 Kommentare
Letzte Entlassungsrunde bei Novartis
Bis heute ist unklar, welche Bereiche in den USA vom Stellenabbau betroffen sind, den Novartis im vergangenen Oktober angekündigt hat. Dieser trifft neben 1100 Mitarbeitern in der Schweiz vor allem Angestellte in den
USA. Über die damalige Mitteilung hinaus habe Novartis zu den Plänen in den USA bisher nichts Neueres zu kommunizieren, sagt ein Sprecher.
Ein Teil des Abbaus ist inzwischen jedoch publik geworden. In New Jersey, dem US-Hauptsitz der Pharmadivision, wurden 183 Mitarbeiter entlassen. Dies meldete eine lokale Zeitung und berief sich dabei auf das dortige Arbeitsamt, das monatlich Massenentlassungen von Unternehmen publiziert. Laut der Zeitung sind vor allem Mitarbeiter in der klinischen Entwicklung betroffen. Branchenkenner glauben, dass in diesem Bereich weitere Arbeitsplätze gestrichen werden könnten. Mögliche Opfer seien auch Angestellte in der Verwaltung – darunter vor allem im Einkauf.
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2012 wird bereits jetzt von manchen in der Pharmaindustrie als «annus horribilis» bezeichnet. Der Grund ist der auslaufende Patentschutz mehrerer umsatzträchtiger Medikamente. Diese sogenannten Blockbuster haben den Pharmakonzernen über Jahre Milliarden in die Kassen gespült. Da vielerorts potente Nachfolger fehlen, droht einigen Unternehmen eine happige Umsatzeinbusse. Die Branche spricht von der «Patentklippe».
Prominentestes Beispiel ist der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer. (PFE 22.13 -0.05%) Sein wichtigstes Medikament, der Cholesterinsenker Lipitor, hat in den USA Ende November 2011 den Patentschutz verloren. Zwar wehrt sich Pfizer mit Kräften gegen die Konkurrenz durch Generika (siehe TA vom 23. 11.), doch wird das Unternehmen das Unvermeidliche letztlich nur herauszögern können. Für dieses Jahr erwartet Pfizer wegen des Lipitor-Ausfalls noch einen Gesamtumsatz zwischen 63 und 63,5 Milliarden Dollar: 2010 waren es 67,8 Milliarden Dollar gewesen– ein Rückgang um 6 bis 7 Prozent.
Novartis (NOVN 49.92 0.89%) verliert Milliarden
Laut dem Branchendienst Evaluate Pharma laufen in diesem Jahr Patente von Medikamenten mit einem weltweiten Umsatz von 63 Milliarden Dollar aus – das entspricht rund 9 Prozent des Weltpharmamarktes. Davon sind geschätzte 33 Milliarden Dollar durch günstigere Generika gefährdet. Zu den umsatzstärksten Medikamenten, die dieses Jahr den Patentschutz verlieren, zählt etwa der Blutgerinnungshemmer Plavix von Sanofi sowie Squibb von Bristol-Myers mit einem Jahresumsatz von zusammen 9,1 Milliarden Dollar. Weit vorne auf der Liste befindet sich auch der Blutdrucksenker Diovan von Novartis – mit Verkäufen von insgesamt 6,1 Milliarden Dollar das umsatzstärkste Medikament des Basler Pharmakonzerns.
In Europa hat Diovan den Patentschutz in wichtigen Ländern bereits im vergangenen November verloren. Entsprechend sank der Umsatz in den ersten neun Monaten 2011 um 7 Prozent. Der eigentliche Taucher wird aber in diesem Jahr erfolgen. Schätzungen gehen von einer Einbusse von weltweit bis zu 2 Milliarden Dollar aus. In den USA läuft das Patent zwar erst kommenden September aus, dann dürfte der Umsatz aber beinahe über Nacht einbrechen.
Die Rettung hat Nebenwirkungen
Bereits zuvor ist mit einem Rückgang zu rechnen, weil die Grosshändler ihre Lager abbauen werden. Während Novartis laut Konzernchef Joe Jimenez hofft, einen Umsatz von 2 Milliarden Dollar zu halten, gehen Analysten noch von Verkäufen von 1,5 Milliarden Dollar in fünf Jahren aus. Potenzial hat der Blockbuster einzig in aufstrebenden Schwellenländern.
Wie andere Pharmakonzerne auch, versucht Novartis zumindest einen Teil des Umsatzausfalls aufzufangen. Im Fall von Diovan setzte der Pharmakonzern bisher auf den neuartigen Blutdrucksenker Tekturna. Das Medikament kaufte sich das Unternehmen 2008 mit der Übernahme der Basler Biotechfirma Speedel für 907 Millionen Franken ein – bereits damals mit Blick auf den Patentablauf von Diovan.
Nun könnte eine neue Studie dem Blutdrucksenker, der bereits seit 2007 auf dem Markt ist, ein jähes Ende bereiten. In der Studie wurde Tekturna in Kombination mit herkömmlichen Blutdruckmedikamenten an Diabetes-Patienten mit einer Nierenschädigung getestet. Das Mittel löste unerwünschte Nebenwirkungen wie milde Schlaganfälle sowie weitere Nierenschäden aus. Zudem war gegenüber den bestehenden Medikamenten kein Zusatznutzen auszumachen.
Hunderte von Jobs in Gefahr
Novartis hat die Marketingaktivitäten für das Medikament vorübergehend eingestellt. Ob Tekturna noch eine Zukunft hat, ist ungewiss. «Das könnte der Anfang vom Ende sein», sagt Analyst Karl-Heinz Koch vom Broker Helvea. Er geht davon aus, dass der Anwendungsbereich des Medikaments stark eingeschränkt wird oder das Arzneimittel sogar ganz vom Markt genommen werden muss. Tekturna wird den geschätzten Umsatz von zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Dollar wohl kaum je erreichen. In den ersten neun Monaten 2011 erwirtschaftete Novartis 449 Millionen Dollar mit dem Medikament.
Wird Tekturna vom Markt genommen, steht laut Analysten ein weiterer Stellenabbau ins Haus. Betroffen wären vor allem die Mitarbeiter des Aussendiensts in den USA. Bereits Anfang 2011 entliess das Unternehmen dort 1400 Pharmaverkäufer mit Blick auf das auslaufende Patent von Diovan. Koch geht bei einem Rückzug des Medikaments davon aus, dass nun nochmals bis zu 1000 Angestellte entlassen werden könnten. Die Deutsche Bank schätzt, dass rund die Hälfte der derzeit 1500 bis 2000 Aussendienstmitarbeiter gefährdet sind. Novartis dagegen hält sich bedeckt. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es zu früh für Aussagen, sagt ein Sprecher. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.01.2012, 21:34 Uhr
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16 Kommentare
Die Pharmaindustrie verliert Milliarden, Jobs gehen 'verloren', das sehe ich als Konsequenz der freien Marktwirtschaft. Komisch auch, dass die Pharmaindustrie nicht's im vorhinein unternommen hat, um den Stellenabbau zu minimieren, wissen sie ja nicht erst seit gestern, dass die Patente ablaufen. Abgesehen davon, sind die genannten Medis alles nur Symptombekämpfer der Zivilisationskrankheiten. Antworten
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