Wirtschaft
Der Premium-Prediger schaut der Krise ins Gesicht
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 17.03.2010
Der Chef und Präsident des Schokoladekonzerns predigte es jahrelang: Auch in schwierigen Zeiten gönnten sich die Konsumenten den kleinen Luxus edler Schokolade, deshalb sei Lindt & Sprüngli (LISN 31820 0.06%) als Premiumhersteller viel besser positioniert als die Konkurrenz, die günstigere Produkte herstellt.
Die Zahlen gaben Ernst Tanner lange Recht. Und es sei gesagt: Trotz Gewinneinbruch steht Lindt auch heute hervorragend da. Aber erstmals muss der vom Erfolg verwöhnte Manager zur Kenntnis nehmen, dass seine Schokolade in der Krise halt doch weniger Käufer findet. In Spanien und Italien war das ganz ausgeprägt der Fall, in Deutschland konnte der Umsatz nur gehalten werden, weil Tafeln und Lindor-Kugeln um 20 bis 25 Prozent herabgesetzt wurden – in Deutschland für Lindt bisher ein Tabu.
Langfristige Marktanteile anstreben
Tanner tröstet sich damit, dass es andere Unternehmen weit schlimmer erwischt hat. Ihm geht es langfristig um Marktanteile, und dafür nimmt er auch geringere Erträge in Kauf – überall auf der Welt. Die Maxime, wonach der Gewinn von Marktanteilen wichtiger ist als kurzfristige Profitmaximierung, hat Tanner bei Johnson & Johnson gelernt. Beim US-amerikanischen Konsumgütergiganten hatte er als 21-Jähriger nach einer kaufmännischen Lehre als Assistent des Finanzchefs der Schaffhauser Tochter Cilag begonnen, 26 Jahre und einige Auslandstationen später landete er als Europachef wieder in der Schweiz.
Nachdem ihn Rudolph Sprüngli 1993 zum Familienkonzern geholt hatte, bewies Tanner sein grosses Talent für den Aufbau von neuen Märkten. Das Unternehmen machte damals 80 Prozent des Umsatzes in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die Wachstumschancen waren sehr begrenzt. Am Dienstag wies der 63-jährige Marketingexperte mit Stolz darauf hin, dass der 1998 in Angriff genommene Markt USA heute der mit Abstand grösste und Lindt von den Absatzmärkten her breit aufgestellt ist.
Ein «langweiliger Mensch»
Tanner bezeichnete sich in einem Interview als einen in mancherlei Beziehung langweiligen Mensch. Er sei seit 36 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, habe während 40 Jahren nur für zwei Firmen gearbeitet und leite ein seit 17 Jahren unverändertes Management. Natürlich kokettiert der Bauernsohn damit nur, denn Konstanz ist für ihn alles. Die Art, wie er den Schokoladeriesen vor den Toren Zürichs führt, hat denn auch etwas Patronhaftes, das sich in börsenkotierten Konzernen sonst nicht findet.
Das gilt auch für seine drei Kollegen im Management, die ihm tatsächlich bereits 15 bis 17 Jahre die Stange halten. Da darf man auf die Lösung der Frage der Nachfolge gespannt sein – denn eine eigentliche Nummer zwei gibt es nicht. Tanner selbst hat angekündigt, spätestens mit 67 kürzertreten zu wollen. Es bleibt also noch etwas Zeit. Sohn Derek, den er unlängst als Manager ins Unternehmen geholt hat, dürfte in der Auswahl keine Rolle spielen; es fehlt ihm an Erfahrung. Seine Ernennung aber hat da und dort für Diskussionen gesorgt. Darf ein Konzernchef, der nicht Inhaber ist, so was tun? Tanner kann und darf das offensichtlich, und der Entscheid passt gut zum patronhaften Auftreten.
Etwa im Umgang mit dem Personal: Um kein Fachwissen zu verlieren, hat der Konzern mitten in der Krise die Löhne der Leistungsträger erhöht. Bei Lindt geht es dabei nicht um Boni in Millionenhöhe; solche kennt Tanner aus seiner Tätigkeit als Verwaltungsrat der Credit Suisse. Doch Gier ist für ihn die schlimmste Antriebsfeder der Unternehmensführung; in seinen Augen fehlt oft die Balance zwischen dem Risiko, das Manager eingehen, und dem Bonus, den sie erwarten. Da hat man bei Lindt mehr Augenmass als bei den Banken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 04:00 Uhr



