Der Sturm auf die Banken beginnt

Grosskunden und Banken glauben bei vielen Geldinstituten nicht mehr an deren Finanzkraft und ziehen Gelder ab. Jetzt droht eine erneute Kreditklemme, weil die Kreditwirtschaft den Kollaps befürchtet.

Von dieser Bank soll Siemens hunderte Millionen abgezogen haben: Société Générale.

Von dieser Bank soll Siemens hunderte Millionen abgezogen haben: Société Générale. Bild: Keystone

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Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst einer erneuten Kreditklemme. Bereits zu Zeiten der Lehman-Pleite um das Jahr 2008 ist die Liquidität zuerst am Interbankenmarkt und anschliessend in der Realwirtschaft ausgetrocknet. Die Folge: Steigende Insolvenzen auf Unternehmens- und Bankenseite, die ohne Rettungsmassnahmen kollabieren werden.

Jetzt droht die Wiederholung des Szenarios. Siemens, einer der grössten Konzerne der Welt, hat dieser Tage 500 Millionen Euro von einer französischen Geschäftsbank abgezogen – von der BNP Paribas oder der Société Générale, wird kolportiert. Anschliessend hat der Grosskonzern das Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) geparkt, weil die Erträge dort höher sind und das Geld sicherer angelegt ist. Insgesamt habe der Konzern bereits zwischen vier und sechs Milliarden Euro bei der EZB liegen, berichtet die «Financial Times».

Ebenso habe die Bank Lloyd's of London ihre Positionen bei einzelnen Finanzinstituten in der Eurozone zurückgefahren. Die Bank hat dort sowohl Staatsanleihen verkauft als auch Konten geleert, berichtet der Nachrichtendienst Dow Jones. Die niederländische Bankengruppe ING hat ebenfalls Staatsanleihen abgestossen, und zwar vorwiegend italienische.

Weitere Geldabzüge werden befürchtet, vor allem aus der Automobilbranche. Autobauer wie BMW, Daimler und Volkswagen verfügen über eine hauseigene Bank, um die zahlreichen Leasinggeschäfte für ihre Käufer anzubieten und abzuwickeln. Dazu braucht es eine Banklizenz. Das ermöglicht den Unternehmen sowie Grosskonzernen wie Siemens, das Geld bei der EZB zu hinterlegen. Nur eine Bank hat Zugang zu den EZB-Fazilitäten.

Französische Banken im Fokus

Weil immer weniger Unternehmen und Finanzinstitute glauben, dass die Geldhäuser mit grösseren Forderungen gegenüber den PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) noch zu ihrem Geld kommen, wird das Geld von dort weg und in Sicherheit gebracht.

Insbesondere den französischen Banken wird nicht mehr zugetraut, drohende Abschreiber wegen ihres Griechenland-Engagements schmerzfrei zu überstehen. Frankreich gehört zu den grössten Gläubigern Griechenlands, das erklärt auch den Abzug des Siemens-Konzerns.

Banken im Schuldenstrudel

Der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) gestern veröffentlichte «Global Financial Stability Report» nährt zusätzlich die Sorge der Banken und Firmen, die bei den von Abschreibern gefährdeten Finanzinstituten Anlagen halten. Dort heisst es wörtlich: «Der fiskale Druck auf die Schuldenstaaten der Eurozone droht zu negativen Rückkopplungseffekten zwischen dem Bankensystem und der Realwirtschaft zu führen.»

Bisher habe die Krise der Schuldnerländer die Banken der Eurozone 200 Milliarden Euro gekostet. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Zahl steigt und immer mehr Banken der Eurozone in den Schuldenstrudel geraten, liegt laut dem IWF mittlerweile bei 50 Prozent. In einigen Volkswirtschaften der Währungsunion seien die Refinanzierungsquellen der Banken im Privatsektor bereits jetzt versiegt. Bis die Schuldenkrise gelöst sein könnte, drohe eine Kreditklemme, heisst es im IWF-Report.

Die Rezession scheint perfekt

Blickt man über den Teich, tut sich eine weitere Front für die Kreditwirtschaft auf. Zwar leiden die USA nicht unter denselben Problemen wie die Union der Euroländer. Doch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass auch dort die grössten Banken unter massiven Druck kommen, weil die US-Regierung nicht mehr bereit ist, die Finanzhäuser um jeden Preis aufzufangen. Deshalb ist die Ratingagentur Moody's zum Schluss gekommen, dass die grösste US-Bank Bank of America fast Ramsch-Status verdiene: Baa1 statt A2, wie es im Fachjargon heisst.

Das Fazit: Immer mehr Forderungen der Banken werden uneinbringlich. Weder Unternehmen noch solventere Banken wollen den angeschlagenen Finanzinstituten ihr Geld anvertrauen. Das reisst Milliardenlöcher in die Bankbilanzen bei europäischen und US-Banken. Die betroffenen Institute sind vom Untergang bedroht und verleihen kein Geld mehr. Geld, das in der Folge auf dem Kreditweg der Realwirtschaft fehlt. Ob in Europa oder den USA, das Szenario einer erneuten Rezession scheint perfekt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.09.2011, 14:17 Uhr)

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