Der Ton der Migros-Bank befremdet Kunden

Die Migros-Tochter drängt Kunden zum Unterschreiben eines neuen Depotvertrags. Wer nicht pariert, soll vor die Tür gesetzt werden.

Die Migros-Bank will sich als «unkompliziert» und «partnerschaftlich» darstellen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Migros-Bank will sich als «unkompliziert» und «partnerschaftlich» darstellen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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«Die sympathische Alternative» – so sieht sich die Migros-Bank auf der eigenen Website. Kunde E. T.* war früher ebenfalls dieser Meinung. «Geh zur Migros-Bank. Das ist eine der vernünftigeren Banken», habe ihm ein Bekannter geraten. E. T. befolgte den Rat. Heute sagt er zur Migros-Bank: «So nicht! Nicht mit mir.»

Wie andere, die bei der Migros-Bank ein Wertschriftendepot unterhalten, erhielt auch E. T. im vergangenen April ein Schreiben, in dem er aufgefordert wurde, den neuen Depotvertrag zu unterzeichnen und zu retournieren. In diesem Vertrag verweist die Bank darauf, dass sie für Finanzprodukte wie Anlagefonds oder strukturierte Produkte von Dritten Vergütungen – auch Retrozessionen genannt – erhält. Es folgte der Satz: «Mit Ihrer Unterschrift bestätigen Sie, auf die Herausgabe dieser Vergütungen zu verzichten.»

Kunde hat Passus gestrichen

Kunde E.T. war dazu nicht bereit. Er verweigerte die Unterschrift, was einen Korrespondenzwechsel mit der Migros-Bank zur Folge hatte. In ihrem vierten Brief von Ende August drohte die Bank: «Ab dem 30. September 2014 werden Depots ohne neuen Depotvertrag saldiert.» E. T. wurde vor die Wahl gestellt, den Depotvertrag zu unterzeichnen oder seine Wertschriften zu einer anderen Bank zu transferieren. Der Kunde sagte Adieu. Er übertrug seine Wertschriften zur VZ Depotbank.

«Ein solcher Ton geht gar nicht», findet E. T. Hunderte hätten wohl ähnlich empfunden wie er. Die meisten würden aber bloss die Faust im Sack machen. «Irgendjemand muss sich aber wehren.» E. T. war nicht der einzige, der rebellierte. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli sagt: «Weniger als 1 Prozent der angeschriebenen, relevanten Depotkunden hat gekündigt.» Wie viele Kunden angeschrieben wurden, will er nicht verraten. Insgesamt zählt die Bank über 800 000 Kundinnen und Kunden.

Die Migros-Bank verweist darauf, dass bei Kunden mit einem Vermögensverwaltungsmandat die Rechtslage nach dem Bundesgerichtsentscheid vom Oktober 2012 klar sei: «Die Retrozessionen dem Vermögensverwaltungskunden.» Bei Depotkunden, welche die Anlageentscheide nicht der Bank überliessen, sondern selber dafür verantwortlich zeichneten, sei dies anders. Man sei bestrebt, Leistungen zu attraktiven Konditionen zu bieten, sagt Aeberli: «Voraussetzung dafür ist eine hohe betriebliche Effizienz, und dazu gehört auch eine einheitliche Rechtsbasis für alle Bankgeschäfte.»

Technisch keine Hexerei

Einigermassen kurios ist, dass E. T. nur Aktien in seinem Depot hat, also keine Anlageprodukte, bei denen Retrozessionen fliessen. Genauso ist es bei einem anderen ehemaligen Migros-Bank-Kunden, J. T.*. Er schrieb deshalb der Bank: «Auf nicht fliessende Retrozessionen kann ich, auch vertraglich, nicht verzichten. Deshalb habe ich den entsprechenden Passus gestrichen.» Dieser Einwand fruchtete nicht. Auch J. T. blitzte bei der Migros-Bank ab. Auch er räumte sein Depot und verschob seine Aktien zu Postfinance. Wer im Online­depot von Postfinance Aktien hält, zahlt dafür keinerlei Gebühren. Allerdings behält auch Postfinance beim Vertrieb von Aktienfonds Entschädigungen von Dritten ein, was der Kunde mit den Teil­nahmebedingungen akzeptieren muss.

«Die unkomplizierte partnerschaftliche Schweizer Bank» – so die Selbstdarstellung der Migros-Bank auf der Website – gibt sich in der Frage des Depotvertrags kompromisslos. Technisch wäre es keine Hexerei, zwei Kategorien von ­Depotkunden zu führen: solche, die dem Vertrag vorbehaltlos zustimmen, und jene, die den Passus über die Retrozessionen ablehnen. Von Letzteren könnte die Bank allenfalls höhere Depotgebühren verlangen für Anlage­produkte, bei denen Retrozessionen ­an­fallen. Eine solche Zweiteilung des Angebots widerspräche gemäss Aeberli der betrieb­lichen Effizienz und damit der Voraussetzung für attraktive Konditionen.

Auch bei den Transferkosten zeigt die Migros-Bank kein Entgegenkommen. Wer sein Depot zu einer anderen Bank verschiebt, muss pro Wertschriftenposten mindestens 100 Franken zahlen, zusätzlich Mehrwertsteuer. Kunde E. T. sagt: «Wer die Spesen verursacht, soll sie zahlen.» Das sei die Bank mit ihrem neuen Depotvertrag. Wenn dem so wäre, argumentiert Aeberli, könnten auch Kunden, die mit einer Gebührenerhöhung nicht einverstanden seien, einen kostenlosen Transfer ihrer Wertschriften geltend machen.

Dialog statt Saldierung

Offenbar gibt es Kunden, die bis heute den neuen Depotvertrag nicht unterschrieben haben. Mit diesen Kunden stehe man «weiterhin in Kontakt», sagt Aeberli. Dann war also die Androhung der Depotsaldierungen per Ende September nicht ernst gemeint? Aeberlis Antwort: «Mit dem Kundenschreiben wollen wir uns die Möglichkeit einräumen, dass wir theoretisch ab Oktober Kundendepots saldieren könnten. Davon werden wir aber unmittelbar keinen Gebrauch machen.» Mit Kunden, die den Depotvertrag noch nicht unterschrieben hätten, stehe man «immer noch im Dialog».

* Namen der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.10.2014, 19:46 Uhr)

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