«Der chinesische Ansturm hört nie auf»

Xiangdong Zhao erklärt, wie er mit chinesischem Wirtschaftsoptimismus seine Lauterbrunner Hotels zum Brummen bringt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Xiangdong, wie kommen Sie darauf, ausgerechnet in Lauterbrunnen zwei Hotels zu übernehmen und zu führen?
Xiangdong Zhao: Ich arbeite seit 2008 in Zürich und trug schon längere Zeit den Wunsch mit mir herum, selbstständig zu werden, eine eigene Firma zu gründen. Die Schweiz ist weltbekannt als sehr schönes Reiseland, also schien es auch meiner Familie und meinen Freunden logisch, in den touristischen Bereich zu investieren. Wenn man ein Hotel übernimmt, kann man sehr schnell anfangen zu wirtschaften. Man öffnet die Türen, die Gäste kommen, es geht los. Das gefällt mir.

2014 kauften Sie in Lauterbrunnen das Familienhotel Jungfrau.
Genau, und schnell stellte sich heraus, dass das Jungfrau allein zu klein ist für uns. Meine Frau und ich führen das Hotel ge­meinsam, und wir wurden von der Nachfrage vor allem aus Asien überrannt. Wahnsinnig. ­Also suchten wir ein zweites Hotel, möglichst in der Nähe. Es ist ein Glücksfall für uns, dass wir im letzten Sommer das nur wenige Meter entfernte Hotel Schützen übernehmen konnten, das sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand.

Suchen Sie nach weiteren Hotels?
Im Moment nicht. Es stimmt zwar, dass wir eine sehr grosse Nachfrage haben. Aber ich will Schritt für Schritt machen. Wenn man zu schnell wächst, wird das wirtschaftliche Risiko zu gross. Ich stabilisiere lieber zuerst die beiden Hotels, ehe ich den nächsten Schritt mache, in einem Jahr vielleicht. Wir müssen die beiden Betriebe an unsere Arbeitsmethoden anpassen. Das braucht etwas Zeit. Ich bin ja eben erst ins Hotelbusiness eingestiegen. Es ist keine einfache Branche, aber mir macht es Freude.

Viele Hoteliers in der Schweiz beklagen sich über die schwierige Wirtschaftslage. Sie nicht.
Ohne Optimismus kommt man nicht voran. Aber ich sehe, dass es sehr schwierig ist, wenn man so stark auf das saisonale Geschäft setzt wie viele Hotels in der Schweiz. Ich staune, dass man so viele kalte Betten in Kauf nimmt. Nehmen wir diesen Winter: Der hohe Frankenkurs schreckt die europäischen Touristen ab, dann blieb sehr lange noch der Schnee aus, und schon ist die Saison praktisch zum Vergessen. Zwar gibt es auch bei den asiatischenReisegruppen saisonale Schwan­kungen, aber die sind niemals so stark. Sie kommen das ganze Jahr, das macht mein Businessmodell stabiler.

Wie überzeugen Sie chinesische Kunden davon, nach Lauterbrunnen zu kommen?
Kein Problem. Chinesen sehen das grosse Bild: Die Jungfrauregion liegt perfekt auf ihrer goldenen Linie: Mailand–Interlaken–Luzern–Paris, meist in neun Tagen. Das Jungfraujoch ist das absolute Highlight. Da wollen alle hinauf. Sie kommen mit dem Bus nach Lauterbrunnen, steigen um auf den Zug, fahren auf das Jungfraujoch und wieder zurück nach Lauterbrunnen. Meistens müde. Für eine Übernachtung stehen unsere beiden Hotels genau am richtigen Punkt. Es ist für mich keine Überraschung, dass wir sie gut füllen können.

Wie wichtig ist es, dass Sie als Chinese die Hotels führen?
Es ist ein unschätzbarer Wett­bewerbsvorteil, die chinesische Kultur gut zu kennen und auf sie eingehen zu können. Ich war vor ein paar Wochen in Peking für Gespräche mit chinesischen Reiseveranstaltern. Es ist verrückt: Man bestürmte mich richtiggehend. Ich könnte, zumindest in der Sommersaison, in Lauterbrunnen 150 Reisegruppen pro Monat beherbergen. Natürlich übersteigt das unsere Kapazität im Moment bei weitem. Aber es zeigt, dass Chinesen auf Reisen in Europa chinesische Fixpunkte suchen – schon nur, weil sie meist nur Chinesisch sprechen.

Ist es vorstellbar, dass Chinesen dereinst auf andere Ziele ausweichen und die Jungfrauregion links liegen lassen?
Nein. Der chinesische Ansturm hört nie auf. Es gibt einfach so viele Chinesen, und die goldene Linie bleibt unschlagbar. Was allein die Mundpropaganda unter chinesischen Reiseveranstaltern im Fall unserer Hotels ausgelöst hat, ist unglaublich.

Ist es realistisch, Chinesen als künftige Skitouristen zu sehen?
Sicher. 2020 finden in Peking die Olympischen Winterspiele statt. Das wird dem Skisport in China einen Schub geben. Und Skifahren in China ist nur unwesentlich günstiger als in der Schweiz.

Warum haben Sie nicht in den mondäneren Orten Grindelwald oder Interlaken ein Hotel gekauft?
In Grindelwald fanden wir keinen geeigneten Standort, Interlaken war zu teuer. Lauterbrunnen ist perfekt. Chinesische Gruppen suchen nicht unbedingt den Luxus, mit unseren Dreisterne­hotels kommen wir auf ein ideales Preis-Leistungs-Verhältnis. Es behagt chinesischen Touristen, eine Nacht in der traditionellen Chaletarchitektur Lauterbrunnens zu verbringen, aber nach chinesischen Standards verköstigt und beherbergt zu werden. Ein sehr guter Mix.

Die Jungfraubahnen wollen mit dem V-Projekt die Fahrt aufs Jungfraujoch über Grindelwald schneller und attraktiver machen. Lauterbrunnen droht, ins Abseits zu geraten.
Ich bin noch gar nicht so sicher, ob das V-Projekt überhaupt gebaut wird. In der Schweiz müssen ja bei solchen Grossprojekten zuerst immer sehr viele Leute einverstanden sein. Aber wir haben die Situation analysiert. Wir haben viele Direktbuchungen aus China von Gruppen, die in einem chinesischen Hotel übernachten wollen. Für sie spielt das V-Projekt keine Rolle. Was wichtiger ist: Der Preis für die Fahrt auf das Jungfraujoch beträgt umgerechnet etwa 1000 Yuan, das ist etwa die Hälfte von dem, was eine Mittelstandsfamilie in China pro Monat als Lebenshaltungskosten budgetiert. Sehr teuer.

Was bedeutet es konkret, Ihre Hotels den chinesischen Bedürfnissen anzupassen?
Es reicht natürlich nicht, als Hotelier Chinese zu sein. (lacht) Wir haben im Hotel Jungfrau neue Fliessböden verlegt sowie Betten und Bettbezüge erneuert. Chinesen schätzen es, wenn es so sauber ist wie zu Hause. Sehr wichtig ist die Küche. Wenn man für Chinesen chinesisch kocht, muss man es authentisch tun. Wir haben die eine Hälfte der Küche auf Gasbetrieb umgerüstet, einen chinesischen Koch angestellt und decken uns meist im bestens sortierten asiatischen Le­bensmittelgeschäft A Chau Trading in Köniz mit den originalen Zutaten ein. Man muss aber auch auf Details achten – zum Beispiel, dass auf jedem Zimmer die Möglichkeit besteht, Wasser zu kochen. Das ist vor allem für ältere Chinesen elementar.

Werden wegen des rückläufigen Wirtschaftswachstums in China weniger chinesische Touristen nach Europa kommen?
Ich weiss, dass es hier in der Schweiz diese Befürchtungen gibt. Sie sind unbegründet. Weil die soziale Absicherung in China nicht so stark ausgebaut sind, ­legen Chinesen selber viel Geld auf die Seite. Auch für eine Reise nach Europa, die für den chinesischen Mittelstand heute zu etwas geworden ist, das man sich nach dem anstrengenden Arbeitsleben gönnt. Viele Chinesen, die zu uns kommen, sind pensioniert, und es gehört zum chinesischen Familienverständnis, dass die Kinder ihre Eltern aus Dankbarkeit bei einem solchen Reiseprojekt unterstützen. Deshalb glaube ich, dass weder das abgeschwächte Wirtschaftswachstum noch der starke Franken chinesische Eu­ropareisen ernsthaft beeinträchtigen werden.

Aber Terroranschläge in europä­ischen Metropolen?
Ja. Der Terror in Paris hat auch bei uns in Lauterbrunnen dazu geführt, dass 50 Prozent der Buchungen aus China storniert wurden. Diese Angst wird rasch verschwinden. Was mir mehr Sorgen macht, ist die Visumpolitik der Schweiz. Chinesen müssen für ihr Reisevisum auf der Botschaft einen Fingerabdruck abgeben. Das können sie derzeit nur in Peking, Shanghai oder Guangzhou tun, was zur Folge hat, dass man allein für das Visum unter Umständen weite Reisen in Kauf nehmen muss.

Diese Woche hat Bundesrat Didier Burkhalter mit dem chinesischen Aussenminister vereinbart, dass die Schweiz in wei­teren chinesischen Städten Visaausgabestellen eröffnen wird.
Gut so. Das muss jetzt aber schnell passieren. Ich weiss, die Praxis mit dem Fingerabdruck hat mit dem Schengen-Abkommen zu tun. Aber die Schweiz muss doch alles tun, um die Einreise aus einem für das Land so wichtigen Tourismusmarkt wie China möglichst zu erleichtern. Sonst muss man sich nicht wundern, wenn die Branche kriselt.

Wie sind Sie in Lauterbrunnen aufgenommen worden?
Am Anfang war ich ja schon die grosse Überraschung. (lacht) Es ist menschlich, dass man uns gegenüber zurückhaltend war, weil man uns nicht kannte. Ich glaube aber, dass man jetzt gesehen hat, dass wir nicht alles auf den Kopf stellen. Wir kochen auch schweizerisch, der langjährige Koch des Hotels Jungfrau arbeitet weiter bei uns, schliesslich richten wir uns nicht nur auf chinesische Gäste aus. Und auch das im Moment aus Kostengründen geschlossene Restaurant im Schützen werden wir für die Sommersaison wieder eröffnen. Ich habe den Eindruck, dass langsam ein kulinarischer und kultureller Austausch stattfindet.

Haben Sie vor, in der Schweiz zu bleiben?
Meine Frau und ich leben in Baden, wo wir auch noch eine Import-Export-Firma im Bereich des Maschinenbaus betreiben. Ziemlich viel Arbeit. (lacht) Zwei- bis dreimal die Woche sind wir in Lauterbrunnen, und es kann gut sein, dass wir bald einen Manager für die beiden Hotelbetriebe anstellen. Als ich 2008 in die Schweiz kam, traf ich noch kaum hier lebende Chinesen auf der Strasse. Das ist jetzt ganz anders. Gemäss Statistik leben fast 20 000 Chinesen in der Schweiz. Es ist normaler geworden, Chi­nese in der Schweiz zu sein. Die Schweiz ist unsere zweite Heimat. Unsere Lebensplanung sieht vor, dass wir im Pensionsalter nach China zurückkehren werden. In unsere erste Heimat. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 24.01.2016, 09:00 Uhr)

Stichworte

Zur Person

Bestens gelaunt setzt sich Xiangdong Zhao (45) in der Gaststube des Hotels Jungfrau zum Gespräch. Er spricht gut Deutsch, trotzdem ergibt sich die eine oder andere kleine Verständigungsschwierigkeit. Xiangdong überbrückt sie mit sonnigem Humor. Kleinliche Bedenken sind seinem optimistischen Weltbild fremd. Er denkt in grosszügigen Kategorien der Machbarkeit. Xiangdong wuchs in der bei Peking gelegenen Millionenstadt Tianjin auf, wo er in den 90er-Jahren auch in einem Hotel arbeitete. Später studierte er Maschinenbau in Stuttgart. Er arbeitete für eine deutsche Firma, unter anderem in China, wo er zu einem Schweizer Ar­beitgeber wechselte und 2008 nach Zürich kam. 2013 machte er sich in Baden, wo er mit seiner Frau Jun Liu lebt, selbstständig.

Artikel zum Thema

Inder und Chinesen retten Schweizer Hotels vor grösserer Krise

Die Schweizer Hotellerie durchlebt wegen der Frankenstärke schwierige Zeiten. Zusätzliche asiatische und arabische Gäste bewahren die Hotels vor Schlimmerem. Mehr...

Zahl deutscher Touristen bricht ein

Ein sattes Minus bei Gästen aus dem Nachbarland im Norden beschert dem Schweizer Sommertourismus ein schlechtes Resultat. Mehr...

Luxushotels ins Ausland verkauft

Chinesen und Amerikaner übernehmen mit dem Luzerner Palace und dem Parkhotel Waldhaus in Flims Nobelherbergen. Denn Schweizer Hotels gelten als sichere Geldanlage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Imposant: Der Vollmond geht über dem Eiger auf (21. Mai 2016).
(Bild: Peter Schneider) Mehr...