Der grosse Anreiz zum Betrügen

Boni für Manager gehören abgeschafft: Davon sind Verhaltensökonomen überzeugt – und erhalten sogar Unterstützung aus der Wirtschaft. Die Gründe.

Für Vollansicht auf Grafik klicken. Infografik: Klaudia Meisterhans

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Es ist Bonussaison. Sieben Jahre nach der grössten Finanzkrise in der jüngeren Zeit fällt der Geldsegen wieder reichlich auf die Wirtschaft nieder, insbesondere auf die Finanzbranche. In der Schweiz führt – wer denn sonst – ein Banker die Hitliste an: Sergio Ermotti hat Anspruch auf 14 Millionen Franken. Weltweiter Taktgeber bei den Vergütungen sind die USA: Die beiden bestbezahlten Banker, Lloyd Blankfein (Goldman Sachs) und ­Jamie Dimon (J. P. Morgan Chase), kommen auf deutlich über 20 Millionen ­Dollar.

Machen Boni glücklich? An der Wallstreet wird gejammert. Neun Prozent tiefer fallen die Zusatzzahlungen für 2015 aus. Ist das einschneidend? Der gesamte an der Wallstreet verteilte Bonustopf von 25 Milliarden Dollar ist derzeit doppelt so schwer wie im Durchschnitt der letzten 30 Jahre, der bei knapp 14,5 Milliarden Dollar liegt. Auch in London ist das Glück derzeit nicht zu Hause. Hier sind die Boni bis zu einem Fünftel tiefer als im Vorjahr. Was das für die Stimmung in den Bankhäusern bedeutet, beschrieb unlängst Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam. Das Vergütungssystem sei ein «Schlachtfeld». Er sei nicht gegen Boni, solange sie stiegen und fielen wie die Performance der Banker. «Aber es ist das Fallen, das die Leute nicht akzeptieren», stellte Thiam fest.

Zweifel nagen auch am Chef der Deutschen Bank, John Cryan. Er wundere sich über die Bezahlkultur in seiner Branche. Er verstehe nicht, wenn Leute sagten, sie strengten sich mehr an, wenn sie dafür nur etwas mehr Geld bekämen. Er, Cryan, werde wegen des Bonus in seinem Vertrag nicht mehr oder weniger hart arbeiten, erklärte er letzten November. Doch auch der Brite, der zuvor bei der UBS Finanzchef war, will keine richtige Revolution anzetteln. Die Deutsche Bank, die unter Milliardenabschreibern und -bussen ächzt, wird weiterhin Sonderzahlungen ausrichten. Allerdings ist die Bonussumme für 2015 um 17 Prozent gekürzt worden, gleichzeitig wurden die fixen Saläre teilweise angehoben.

Anreiz zum Betrügen

Eine richtig schöne Breitseite gegen die Bonuskultur haben jetzt zwei Professoren der London School of Business gefahren: «Hört auf, Topmanager nach Leistung zu bezahlen» titelten die Verhaltensforscher Dan Cable und Freek Vermeulen über ihrem Aufsatz, der in der renommierten Managementzeitschrift «Harvard Business Review» erschienen ist. Die beiden haben 128 Einzelstudien ausgewertet. Ihr Fazit: Leistungsabhängige Bezahlung von Topmanagern hat nur Nachteile. So kann eine solche die Leistung verschlechtern, weil das stetige Schielen auf die vereinbarten Leistungsziele wichtige Prozesse wie Lernen und Entwickeln innovativer Strategien behindert. Die innere (intrinsische) Motivation treibt Menschen von sich aus zu Hochleistung, zu Innovation und Kreativität an, und zwar losgelöst von ihrer Bezahlung. Das sei bei der von aussen gesteuerten (extrinsischen) Motivation über hohe Boni nicht der Fall.

Sukkurs erhalten sie in diesem Punkt vom deutschen Neurobiologen Gerald Hüther, der von «Dressur» spricht. Dem vom Bonus gesteuerten Mitarbeiter werde die Dressurerfahrung vermittelt, er könne überhaupt nur bei Anwendung von Zielvereinbarung und Bonus Leistung erbringen. Der deutsche Anwalt und Berater von Führungskräften, Ulrich Goldschmidt, geisselte in einem ­Beitrag im «Manager Magazin» die herrschenden variablen Vergütungssysteme als «Misstrauenssysteme»: Mit dem Bonussystem sage der Arbeitgeber: «Ich erwarte von dir, meinem Mitarbeiter, 100 Prozent Leistung. Dafür zahle ich dir aber zunächst nur 80 Prozent aus. Den Rest bekommst du erst dann, wenn du deine individuellen Ziele erreichst, denn ich vertraue nicht darauf, dass du wirklich deine volle Leistung bringst.»

Von aktueller Bedeutung ist ein weiteres Argument, das die Briten Cable und Vermeulen vorbringen: Die leistungsabhängige Bezahlung fördert betrügerisches Verhalten. Das ist dann der Fall, wenn die fixierten Ziele nicht oder nur äusserst schwer unter Einhaltung der Spielregeln zu erreichen sind. Die noch immer laufenden milliardenschweren Aufräumarbeiten bei vielen Banken wegen betrügerischen Verhaltens ihrer Angestellten sind Beweis genug für ­Cables und Vermeulens Argumentation.

Zweifel an Messmethoden

Der letzte Punkt, der von den Briten vorgebracht wird, dreht sich um die Messkriterien bei der Festlegung und Überwachung der Leistungsziele. Woran soll man sie festmachen? Die Performance eines Unternehmens wird von so vielen äusseren Gegebenheiten beeinflusst, dass eine nachvollziehbare Messung der Managerleistung extrem schwierig ist. Äussert sich etwa EZB-Chef Mario Draghi, kann dies die Aktienmärkte in die eine oder andere Richtung treiben. Mit der Performance des Managements hat das nichts zu tun.

Die hoch komplizierten Vergütungssysteme sind für die Konzerne aber auch rein administrativ sehr teuer. Ganze Personalabteilungen beschäftigen sich mit Zielerreichungsdefinitionen, Bonusberechnungen und -kontrollen. Laut Insidern können die jährlichen Kosten bis in zweistellige Millionenhöhen wachsen. Rund um diese Abteilungen haben sich externe Vergütungsberater etabliert, die ein gutes Geschäft machen und darum ebenfalls kein Interesse haben, dass die Bonuskultur gekippt wird.

Allerdings orten auch sie Probleme im System. Der an der Universität Zürich lehrende Verhaltensökonom Ernst Fehr, der nebenbei auch Firmen in Vergütungsfragen berät, kritisiert Anreizsysteme, die sich zu stark am Aktienkurs orientierten. Die Boni müssten vom langfristigen, von zufallsabhängigen Faktoren bereinigten Aktienkurs und der Dividendenentwicklung abhängig gemacht und das Ganze zudem mit einer vergleichbaren Unternehmensgruppe gemessen werden. Und Stephan Hostettler vom gleichnamigen Beratungsunternehmen plädiert für eine Trennung von Geld und Führung. Es sei falsch, wenn die Leistung des Einzelnen zu stark an Boni geknüpft werde. Statt Bonusplänen rät er zur Erfolgsbeteiligung.

Bosch machts vor

So eindrücklich die Erkenntnisse sind, die für eine Abschaffung der Boni sprechen, so schwertun sich die Unternehmen, diesen Schritt zu vollziehen. Immerhin hat sich mit dem deutschen Technologiekonzern Bosch nun ein Schwergewicht auf diesen Weg gemacht. Die Boni der Bosch-Führungskräfte werden künftig nicht mehr an deren Einzelleistungen gemessen, sondern am Erfolg des Gesamtunternehmens. Läufts im weltumspannenden Konzern gut, profitieren die Mitarbeiter von einer entsprechenden Prämie. Unterschiedliche Leistungen werden weiterhin unterschiedlich vergütet, allerdings nur mehr über das Grundgehalt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.03.2016, 10:24 Uhr)

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