Der lange Schatten von Mister Lindt

Seit fünf Monaten ist Dieter Weisskopf der neue Konzernchef von Lindt & Sprüngli. Seinen Vorgänger wird er kaum vollständig ersetzen können. Das muss er vorerst auch nicht.

Das Geschäft mit der süssen Verführung floriert: Lindt & Sprüngli verzeichnete im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast vier Milliarden Franken. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Das Geschäft mit der süssen Verführung floriert: Lindt & Sprüngli verzeichnete im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast vier Milliarden Franken. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Als gestern am Firmensitz des Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli das Jahresergebnis präsentiert wurde, gab es einen grossen Abwesenden. Ernst Tanner, der über 20 Jahre im Konzern das Doppelmandat des Konzernchefs und Verwaltungsratspräsidenten innehatte, war nicht da. Tanner hat Lindt in den letzten Jahrzehnten wesentlich geprägt. Hat aus der Schokoladenfabrik am Zürichsee einen weltweiten Schokoladenkonzern gebaut. Und den Börsenwert des Unternehmens von einer halben Milliarde auf rund 15 Milliarden Franken gesteigert. Tanner hat aber auch das Unternehmen nach aussen verkörpert, ihm ein Gesicht gegeben. Er ist quasi zu ­Mister Lindt geworden.

Der neue Konzernchef Dieter Weisskopf ist da anders. Er ist zwar nicht viel weniger lang als Tanner für Lindt tätig. Er trat 1995 als ­Finanzchef in die Geschäftsleitung ein und hat an Tanners Seite massgeblich zur Entwicklung von Lindt & Sprüngli beigetragen. Dennoch: Als Mister Lindt kann man sich Weisskopf nicht vorstellen. Fotoshootings zusammen mit Markenbotschafter Roger Federer oder in einem goldenen Lindt-Smart dürften ihm – anders als Tanner – weniger behagen. Dafür wurde er unlängst von Amtskollegen zum Finanzchef des Jahres gewählt.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Rolle als Konzernchef wollte Weisskopf gestern vor allem zwei Botschaften vermitteln: Lindt legt grossen Wert auf Kontinuität. Und es bleibt alles gleich. So bezeichnete er etwa bei der Vorstellung der an der Medienkonferenz fast vollständig anwesenden Geschäftsleitung Alain Germiquet als «Rookie». Dabei verantwortet Germiquet das gesamte Geschäft ausserhalb Europas und Nordamerikas auch schon seit 2007. Tatsächlich sind aber die anderen acht Konzernleitungsmitglieder schon länger, nämlich die meisten seit den 90er-Jahren, in ihrer Funktion. «Sie können also nicht sagen, dass das keine Kontinuität ist», wandte sich Weisskopf an die Journalisten. Zwar wurde nach dem Rückzug von Tanner die Konzernleitung mit weiteren Funktionen ergänzt. Die Mannschaft aber ist dieselbe geblieben, die bereits die letzten Jahre den Konzern gelenkt hat.

Teil dieser Mannschaft ist weiterhin auch Tanner. Im Oktober hat er nur das Amt des Konzernchefs abgegeben. Verwaltungsratspräsident bleibt er, und er nimmt auch weiterhin bestimmte exekutive Aufgaben wahr. Und zwar in jenem Bereich, der Weisskopf am wenigsten liegt, im Marketing. Ein Generationenwechsel war der Chefwechsel also keinesfalls, eher eine Rochade. Der neue Konzernchef braucht die Fussstapfen des Vorgängers also gar nicht auszufüllen – weil dieser noch da ist.

7,4 Millionen Lohn

Anders als sein Vorgänger wird der neue Konzernchef auch beim Bonus behandelt. Wurden Tanner bei Geschäftserfolg Jahr für Jahr noch eine bestimmte Zahl von Aktien zugeteilt – was bei den hohen Kursen der Lindt & Sprüngli-Anteilscheine oft zu erklecklichen Entschädigungen führte –, muss sich Weisskopf mit dem Barbonus und dem Optionsprogramm für Partizipationsscheine begnügen. Wie viel der neue Lindt-Chef verdienen wird, ist noch nicht publik. Tanners Flughöhe – in gewissen Jahren betrugen dessen Gesamtentschädigungen über 8 Millionen Franken – dürften aber ausser Reichweite sein. Letztes Jahr bewegte sich der Lohn Tanners inklusive Aktienzuteilung bei rund 7,4 Millionen Franken. Obwohl Tanner weiterhin exekutive Aufgaben wahrnimmt, wird er inskünftig aber auf Aktienzuteilungen verzichten, wie dem Geschäftsbericht zu entnehmen ist.

Profitieren kann der Ex-Konzernchef aber von der Dividende: Diese wird dieses Jahr pro Namensaktie 880 Franken betragen und damit 10 Prozent höher ausfallen als vergangenes Jahr. Bei den über 3000 Namensaktien und 8400 Partizipationsscheinen, die Tanner Anfang Jahr laut Geschäftsbericht besass, kommen da weitere knapp 3,5 Millionen Franken zusammen. Die Erhöhung der Dividenden korrespondiert indes mit dem Geschäftsergebnis: Lindt & Sprüngli konnte den Reingewinn um 10,2 Prozent auf 419,8 Millionen Franken steigern. Der operative Gewinn (Ebit) fiel mit 562,5 Millionen Franken 8,4 Prozent höher aus als im Vorjahr und vermochte damit mit dem Umsatzanstieg von 6,8 Prozent auf 3,9 Milliarden Franken mehr als Schritt zu halten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2017, 23:21 Uhr

Dieter Weisskopf. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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