Der wundersame Solarforscher aus Zürich

Erfinder Nunzio La Vecchia pries am Autosalon einen revolutionären Solarwagen an. Nun mehren sich Zweifel am Knowhow des Millionärs und Sängers. Eine Investorin geht gar vor Gericht.

Versprach eine epochale Solartechnologie für seinen Sportwagen: Nunzio La Vecchia am Genfer Autosalon 2009.

Versprach eine epochale Solartechnologie für seinen Sportwagen: Nunzio La Vecchia am Genfer Autosalon 2009. Bild: Moteur Nature

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Der Prototyp des Solar-Sportwagens NLV Quant sorgte am Autosalon in Genf diesen Frühling für Aufsehen. «Mit Sonnenenergie von 0 auf 100 in 5,2 Sekunden», versprach der Werbetext. Das geniale Konzept des Öko-Racers stammt vom Zürcher Erfinder Nunzio La Vecchia: hauchdünne Solarzellen auf der Karosserie und ein spezieller Hochleistungsakku. Projektpartner des Zürchers in Sachen Design und Karosserie ist der schwedische Spezialautobauer Christian von Koenigsegg, der derzeit von GM die Marke Saab erwerben will.

Vom «Tages-Anzeiger» auf die technischen Eigenschaften des Wunder-Autos angesprochen, schaltet La Vecchia einen Gang zurück: Der Quant sei eher ein Elektro- als ein Solarauto, und die Sonnenenergie reiche allenfalls fürs Autoradio oder die Klimaanlage.

Koenigsegg ist nicht mehr Partner

Damit nicht genug: Koenigsegg distanziert sich unterdessen vom gemeinsamen Baby: «Der NLV Quant gehört der Schweizer Firma NLV. Wir sind seit einiger Zeit vertraglich nicht mehr verpflichtet, weiter an dem Projekt zu arbeiten», zitierte die «Wochenzeitung» eine Sprecherin der Schweden. Man habe von NLV die Information erhalten, dass das Projekt immer noch am Laufen sei und wünsche der Firma Glück damit. La Vecchia sagt, es sei noch kein Entscheid gefällt worden, ob und in welcher Form eine weitere Zusammenarbeit mit Koenigsegg angestrebt werden soll.

Laut Zeitungsbericht sind in der 8000 Quadratmeter grossen Halle in München, die La Vecchia für seine Solar-Produktion angemietet hat, derzeit keine Arbeitskräfte am Werk. Er sagt dazu, er habe Herrichtung und Unterhalt der Reinraumhallen im Outsourcing vergeben. «In dieser Form arbeiteten bis zu 35 Personen daran.»

Umtriebiger Millionär

Der umtriebige Millionär, der auch als Musiker und Produzent von Videoclips von sich reden macht, muss demnächst vor Bundesgericht erscheinen. Die Unternehmenserbin, die 2001 für über 50 Millionen Franken Aktien von La Vecchias Firma NLV Solar mit einem Nennwert von 25'000 Franken kaufte, geht vor Bundesgericht. Das bestätigt ihr Anwalt dem «Tages-Anzeiger».

Die Frau hatte an die epochale Solartechnologie geglaubt und sieht sich vom Secondo mit seinen angeblich sensationellen Erfindungen arglistig getäuscht. Das Zürcher Obergericht attestierte ihr jedoch eine überdurchschnittliche Geschäftserfahrung und befand, sie hätte deshalb die Werthaltigkeit des Engagements näher überprüfen müssen. Im Juni entschieden die Richter darum, das Strafverfahren gegen La Vecchia einzustellen.

La Vecchia als Kunde

«Hätte man mich gefragt, hätte ich jeden Investor vor einem Investment bei La Vecchia gewarnt», sagt Peter Toggweiler, Geschäftsführer der Solarfirma Enecolo in Mönchaltorf ZH. Er, der selber im Bau von Solarmobilen tätig war, kennt das in Küsnacht angemeldete Multitalent gut: Ende der Neunzigerjahre hat seine Firma ihm ein Patent verkauft, La Vecchia war auch über längere Zeit Kunde.

Was die Solartechnologie anbetrifft, habe er dessen verheissungsvollen Ankündigungen aber nie geglaubt, sagt Toggweiler. «Seine Zellentechnologie habe ich nie gesehen, und ein Muster hat er mir nie zeigen wollen.» Er sei auch einige Male in seinem picobello ausgestatten Büro im Zürcher Seefeld gewesen, habe dort aber nie jemanden an der Arbeit angetroffen. «Das riesige, moderne Büro ist eine einzige Show.» La Vecchia sagt, bei der Entwicklung der von ihm patentierten Solarzelle sei Toggweiler nicht involviert gewesen. «Deshalb kann er dazu keine Angaben machen.»

Solarzelle wohl nur vorgetäuscht

Eine Show war auch der Auftritt von La Vecchia am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen AG, das 1999 eine Messung der Effizienz der Solarzelle des Zürcher Tüftlers vorgenommen hat. Wilhelm Durisch, langjähriger Fotovoltaik-Experte des PSI, durfte die Solarzelle selber nicht in die Hand nehmen und nur aus zwei Meter Distanz betrachten. Die Messung ergab einen Wirkungsgrad von über 50 Prozent; theoretisch lassen sich mit dem von La Vecchia in seinem Patent angegebenen Material aber nur 18 Prozent erreichen.

Auch die Unternehmenserbin glaubte seinerzeit an das Messprotokoll des PSI und darauf basierende Studien zum Potenzial der Solarzelle. Für Physiker wäre indes erkennbar gewesen, dass die Messung einen sehr ungewöhnlichen Verlauf aufzeigt, der auf einen Zellensimulator hinweist. «Das elektrische Verhalten einer Solarzelle kann durch einen äquivalenten Schaltkreis nachgebildet beziehungsweise simuliert und zur Vortäuschung einer Solarzelle missbraucht werden», schrieb das PSI in einer Stellungnahme an die Bezirksanwaltschaft Zürich.

Nunzio La Vecchia teilt die Meinung von Durisch keineswegs. Zudem habe der PSI–Forscher seine Aussagen erst Jahre nach Durchführung des Tests gemacht.

Und was ist mit La Vecchias Patenten, die auf der ganzen Welt angemeldet sind? Deren Aufrechterhaltung über Jahre kostet sehr viel Geld. «Anmelden kann man vieles», sagt Alban Fischer, Leiter der Patentabteilung im Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum in Bern. «Geprüft wird nicht die technische oder wirtschaftliche Realisierbarkeit, sondern die Neuheit und erfinderische Tätigkeit einer Erfindung.»

Fazit: La Vecchias Solartechnologie tönt verheissungsvoll – aber sie existiert bisher nur auf dem Papier. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.08.2009, 09:00 Uhr)

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