Wirtschaft
Deutsche Banken fürchten Millionendesaster
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 06.01.2010
Für die deutschen Banken ist es ein Desaster mitten in der Ausverkaufszeit: Rund 30 Millionen deutsche EC-Karten und Kreditkarten funktionieren seit dem Jahreswechel nicht mehr. Das ist knapp jede dritte der insgesamt 102 Millionen Karten. Betroffen ist praktisch jede deutsche Bank: Sie alle haben Karten ausgegeben, die nun dem Kunden den Dienst versagen.
Grund ist ein Programmierfehler auf dem goldenen Chip, der aus Sicherheitsgründen auf neuere Karten geprägt ist. Lesegeräte an Bankautomaten und Kassen können bei den betroffenen Chips die Jahreszahl 2010 nicht verarbeiten. Auch in der Schweiz streiken die deutschen Karten, wie Bernhard Wenger vom Zahlungsverkehrsdienstleister Six Group gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. In der Schweiz ausgegebene Karten sind nach bisherigen Erkenntnissen nicht betroffen, da sie mit anderen Chips ausgestattet sind.
Mögliche Kosten von 250 Millionen Euro
In den letzten zwei Tagen haben die deutschen Banken Zehntausende Geldautomaten neu eingestellt, damit sie die Karten verarbeiten können. An den Ladenkassen streiken die Karten jedoch nach wie vor. Bis morgen Donnerstag sollen nach Informationen der Branchenverbände 85 Prozent aller Lesegeräte angepasst werden, bis Montag soll das Problem ganz behoben sein. Laut Six-Group-Sprecher Wenger unterstütze die Six Group ihre deutschen Kollegen. Selber unterhält das multinationale Unternehmen keine Lesegeräte in Deutschland.
Für die beteiligten Unternehmen könnte der Defekt schwerwiegende finanzielle Folgen haben. Laut dem «Handelsblatt» von heute erwägen Zahlungsverkehrsdienstleister und Banken, betroffene Karten auszutauschen. Dies könnte insgesamt Kosten in dreistelliger Millionenhöhe verursachen – das Blatt wagt eine vorsichtige Schätzung von 250 Millionen Euro. Zusätzlich hat die deutsche Ministerin für Konsumentenschutz, Ilse Aigner, gegenüber dem «Tagesspiegel» bereits angedeutet, dass die Banken ihre Kunden für die entstandenen Mühen entschädigen müssten.
Fehler liegt wohl in Frankreich
Noch teurer könnte es kommen, wenn es zu Missbrauchsfällen kommt. Denn nach Informationen aus Branchenkreisen wurde das Problem kurzfristig so gelöst, dass die aus Sicherheitsgründen installierte Chip-Funktion der Karten deaktiviert wurde. Die Lesegeräte müssen gemäss der Quelle nun auf die weniger sicheren Magnetstreifen ausweichen.
Ein Sprecher des deutschen Bankenverbands relativiert: Nur bei den betroffenen Karten würden die Chips umgangen. Das Gerät prüft in einem ersten Schritt, ob es sich um eine solche Karte oder eine alte ganz ohne Chip handelt und schaltet dann auf Magnetstreifen um. «Trotzdem gibt es keine Sicherheitsrisiken für die Kunden.» Die grosse Gefahr bei Magnetstreifen seien kopierte Karten, und deutsche Automaten würden sowieso die Echtheit aller Karten prüfen. Auf die Frage, warum dann überhaupt Chips eingführt worden sind antwortet der Sprecher lediglich: «Weil sie viel mehr Informationen speichern können.»
Möglicherweise können die deutschen Unternehmen einen Teil der Haftung abtreten: Wie der «Kölner Stadt-Anzeiger» heute Morgen mit Verweis auf Branchenkreise berichtet, hat der französische Hersteller Gemalto die Karten fehlerhaft produziert. Ein Sprecher des Unternehmens sagte gegenüber der Nachrichtenagentur «Agence France Presse» bislang lediglich, es werde «fieberhaft nach einem Problem gesucht». Die Karten der Konkurrenten Sagem Orga und Giesecke-Devrient funktionieren laut dem Bericht einwandfrei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.01.2010, 11:55 Uhr
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