Deutsche Banken unterhalten «schwarze Konti» für Schweizer

Geldinstitute in Süddeutschland machen exakt das, was deutsche Politiker dem schweizerischen Finanzplatz vorwerfen: Sie helfen Steuerhinterziehern.

Felix Schaad

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Bei Banken in süddeutschen Grenzorten stammt jeder zweite bis dritte Kontoinhaber aus der Schweiz. Die Kundschaft mit dem roten Pass profitiert im Nachbarland nicht nur von den vergleichsweise hohen Zinsen und von der inexistenten Besteuerung schweizerischer Vermögen, sondern auch von der Beihilfe zur Steuerhinterziehung.

Konkret bieten die deutschen Grossbanken auswärtigen Anlegern mit unversteuertem Geld an, mehrere Konti zu führen. Dies zeigen fingierte Anfragen des TA in grenznahen Schalterhallen.

Die TA-Recherchen zeigen, dass deutsche Grossbanken ihrer Schweizer Kundschaft genau jenen widerrechtlichen Service anbieten, über den sich Politiker wie der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück im umgekehrten Fall so empören.

Man spricht Schweizerdeutsch

Wie versteckt man illegales Geld am besten? Im vertraulichen Gespräch raten deutsche Banker potenziellen Schweizer Kunden gerne zu illegalen Lösungen.

Man spricht Schweizerdeutsch in der Lobby der Deutschen Bank. Zwei alte Damen, die schwer nach Geld riechen, nippen am Nespresso und parlieren in breitestem Basler Dialekt. Auch der Herr in den Fünfzigern im Outdoor-Gewand stammt von südlich des Rheins. Er drängelt am Empfangsschalter vor und wünscht, seinen Kundenberater zu sprechen. Wie gute Bekannte werden die drei kurz darauf einzeln von überaus freundlichen Bankangestellten begrüsst. Willkommen in Lörrach, willkommen in einer der zahlreichen deutschen Mini-Steueroasen zwischen Bodensee und Basler Rheinknie.

«Ein Drittel unserer Kundschaft stammt aus der Schweiz», verrät der Betreuer, als ich an der Reihe bin. Vielsagend fügt er hinzu: «Tendenz steigend.» Im Séparée hinter Milchglas erklärt er stolz, die Lörracher Filiale mache fast so viel Umsatz wie die Niederlassung im viermal grösseren Freiburg im Breisgau - «wegen der Schweizer».

«Kein Banküberfall, kein Drogengeld»

Mein Anliegen: Ich möchte gegen eine Million Franken aus der Schweiz in einen sicheren süddeutschen Hafen überweisen. Der Grossteil des Geldes - so die erfundene Geschichte - soll von einem Konto einer angeschlagenen Grossbank in Zürich nordwärts transferiert werden. Die restlichen 300'000 Franken lägen aus einer Erbschaft unversteuert und bar daheim. Mein Gegenüber blickt ernst und sagt: «Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass unsere Kunden steuerehrlich sind.» Wichtiger sei jedoch, dass das Geld redlich verdient sei - «kein Banküberfall, kein Drogengeld, nichts aus der Prostitution».

Deshalb schlägt der Angestellte der grössten Bank Deutschlands vor, ein offizielles sowie ein inoffizielles Konto einzurichten. Beim einen würde die Korrespondenz in die Schweiz geschickt, beim anderen würde sie in der Bank lagern. Der Fiskus erfahre kein Sterbenswörtchen, versichert der Bankfachwirt: «Wir haben auch ein Bankgeheimnis.»

Ein paar Häuser weiter die Dresdner Bank, die ähnlich geschäftet. Auch sie behält auf Kundenwunsch die Post zurück - «gegen eine kleine Gebühr von 60 Euro im Jahr». Gibt es dort Hindernisse für unversteuertes Geld? «Aus meiner Warte nicht», sagt der Berater. «Wenn Sie sagen: Das ist eine Erbschaft, und das passt auch, dann ist das alles kein Problem.» Aber ist das Geld auch sicher? Theoretisch, erklärt der Berater, könnten die Schweizer Strafverfolger Rechtshilfe verlangen, aber: «Ich hatte noch nie einen Fall, in dem wir etwas rausgeben mussten.» Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt auch er, «ein schwarzes und ein weisses Konto: das eine postlagernd, das andere geht raus».

«Ich will einen Schweizerfranken-Betrag anlegen»

Bleibt das Transferproblem beim hinterzogenen Bargeld. Es gebe Kunden, führt der Berater aus, die zahlten 100'000 Franken Cash ein. Andere kämen oft mit kleineren Einzelbeträgen über die Grenze. Zollkontrollen seien zwar - anders als in der Gegenrichtung - selten. Trotzdem empfiehlt der Berater, zu stückeln und mehrmals vorbeizuschauen: «Wenn Sie mit Ihrer Partnerin kommen, dürfen Sie bis zu 20'000 Euro über die Grenze nehmen.»

Letzte Station in Lörrach ist die Citibank. «Ich will einen grösseren Schweizerfranken-Betrag anlegen», sage ich mit gedämpfter Stimme. Der Angestellte am Empfang fragt: «Sind es mehr oder weniger als 500'000 Euro?» Ich: «Knapp mehr.» Er schaut auf die Uhr: «Der zuständige Herr ist besetzt. Wir schliessen in einer Viertelstunde. Können Sie morgen wiederkommen?» Es ist 15.45 Uhr.

Nächster Versuch in Waldshut-Tiengen. Punkto Bankendichte macht die Bismarckstrasse der Zürcher Bahnhofstrasse Konkurrenz. Im Internet wirbt die Volksbank Hochrhein mit dem «Fränkli-Transfer». «Willkommen. Grüezi», steht an der Glastür, die sich nicht öffnet. Der Schalter bleibt am Mittwochnachmittag geschlossen. Deutscher Bankbeamter müsste man sein!

Nebenan in der Sparkasse wird allerdings noch gearbeitet. Für die Idee eines Schwarzgeld-Transfers lässt sich der Seniorberater aber nicht erwärmen. Er sieht keine Möglichkeit, Bargeld ohne genaue Herkunftsbeschreibung anzunehmen. Zuletzt rät er allerdings zur Überweisung via Schweizer «Korrespondenzbank» der Sparkasse Hochrhein: via Postfinance oder via Aargauische Kantonalbank.

Deutsche Warnung vor Deutschland

Und wie ist das Geschäftsgebaren rund 50 Kilometer weiter südlich? Auch im Zimmer «Eiger» der Deutschen Bank am Bahnhofquai 9/11 in Zürich empfiehlt der Private Banker mehrere Konti. Er rät jedoch davon ab, Geld über die Grenze zu verschieben: «Das ist eine Dummheit.» Schwarzwald-Schwarzgeld ist in seinen Augen «eine Naivität».

In der Schweiz genössen Bankkunden nach wie vor «Diskretion, Vertraulichkeit, Rechtssicherheit». Deutschland habe da keine Ahnung davon. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.03.2009, 09:39 Uhr)

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