Wirtschaft
Deutsche Zeitschriftenverlage schröpfen Schweizer Kunden
Von René Staubli. Aktualisiert am 19.12.2011 95 Kommentare
Kursvorteile für die deutschen Verlage: Während der Wechselkurs sinkt, steigen die Abopreise. (Bild: TA-Grafik kmh / Quelle: Swissquote, TA)
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Die Hoffnung stirbt zuletzt, heisst es, doch nun ist sie gestorben – zumindest was die Abopreise für deutsche Zeitschriften in der Schweiz betrifft. Obwohl der Euro gegenüber dem Franken auch in diesem Jahr an Wert verloren hat, geben die Abopreise nicht nach. Der «Spiegel» soll weiterhin stolze 361.40 Franken kosten, der «Stern» und «Die Zeit» 322.40 Franken.
2007 war das «Spiegel»-Abo noch für 260 Franken zu haben. Seither ist das Nachrichtenmagazin rund 40 Prozent teurer geworden. Während der Euro in den letzten vier Jahren gegenüber dem Franken mehr als 26 Prozent seines Wertes eingebüsst hat, haben die deutschen Verlage ihre Abo-Preise um 8 bis 14 Prozent angehoben. Dass nun auch der «Spiegel» als teuerstes Produkt für 2012 den Abopreis einfrieren will, ist offiziell noch nicht bestätigt. Beim Abonnentenservice heisst es: «Wir gehen davon aus.»
Preisüberwacher machtlos
Laut «Spiegel»-Verlagssprecherin Anja zum Hingst gibt es «einige grundsätzliche Gründe dafür», dass das Nachrichtenmagazin in der Schweiz ein Drittel teurer ist als in Deutschland, wo das Jahresabo 197.60 Euro kostet (umgerechnet 247 Franken). Die Logistikkosten seien in der Schweiz höher, sagt sie, und «es fehlen uns die Anzeigenerlöse, wie wir sie in Deutschland generieren können». Natürlich spiele auch der Wechselkurs eine Rolle: «Doch diesen können wir nicht beeinflussen, und Schweizer Bürger zahlen in Schweizer Franken.»
Wenig Verständnis für diese Argumentation hat Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SK): «Die riesigen und nicht nachvollziehbaren Preisunterschiede bei Zeitschriften» seien «ein grosses Ärgernis». Rund jede sechste Reklamation der Konsumenten beziehe sich auf diesen Bereich. Stalder: «Das überhebliche Verhalten ausländischer Verlage muss gestoppt werden.» Fragt sich nur wie.
Ergebnislose Gespräche mit deutschen Verlegern
Am nächsten Mittwoch werden im Parlament drei Motionen zum Problem überteuerter Importprodukte behandelt. Eingereicht hat sie die Präsidentin der SK, Prisca Birrer-Heimo (SP). Sie fordert griffige gesetzliche Massnahmen gegen den Missbrauch.
Derweil beklagt Preisüberwacher Stefan Meierhans seine Machtlosigkeit. Weil es mit Deutschland auf diesem Gebiet keine Amtshilfeabkommen gebe, sei man auf den Goodwill der deutschen Verleger angewiesen. Im August hatte sich Meierhans in Bern mit einer deutschen Delegation getroffen. Die Gespräche verliefen ergebnislos. Anschliessend drohte Ludwig von Jagow vom Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) gar mit einem Ausstieg aus dem Schweizer Geschäft. Konsumentenschützerin Stalder bezichtigte ihn daraufhin der Arroganz (TA vom 24. September). Im kommenden Jahr will Meierhans das Problem mit zusätzlichen Ressourcen untersuchen: «Die sind uns jetzt auch vom Parlament bewilligt worden und dürften ab Neujahr zur Verfügung stehen.»
Die «Zeit» hat investiert
Beim «Spiegel»-Verlag wird Meierhans auf harten Widerstand stossen. Dort sieht man nämlich keinen Anlass für Preiskonzessionen. Sprecherin Anja zum Hingst verweist auf die Qualität des Angebots: «Gemessen an den redaktionellen Seiten ist der ‹Spiegel› immer noch günstiger als Schweizer Mitbewerberprodukte.» Was zum Hingst unerwähnt lässt: Das deutsche Wirtschaftsmagazin «Brand eins» hat Anfang Oktober den Preis um fast 40 Prozent gesenkt – als direkte Reaktion auf die zahlreichen Beschwerden von Schweizer Lesern.
Die «Zeit» kann für ihre Hochpreispolitik zumindest gute Gründe anführen. Es wurden beachtliche Investitionen getätigt. Ende 2008 wurde die Schweiz-Ausgabe mit drei zusätzlichen Regionalseiten für die hiesige Leserschaft eingeführt. Unter der Leitung des renommierten Schweizer Journalisten Peer Teuwsen unterhält «Die Zeit» ein Redaktionsbüro in Baden, das aktuell produziert. «Wir bieten den Lesern deutlich mehr als 2007», hält Verlagssprecherin Silvie Rundel fest.
Keine Reaktion auf Kursschwankungen
Auch der «Spiegel» hatte Anstrengungen unternommen. Mitte 2007 heftete er der Normalausgabe einen 50-seitigen Sonderteil mit Schweizer Themen bei, um den Markt zu testen. Ende 2008 beerdigte der Verlag das Projekt in aller Stille.
«Stern»-Sprecherin Melanie Schehl sagt, der Verlag reagiere bei der Preisgestaltung «grundsätzlich nicht auf Kursschwankungen». Dies gelte in Zeiten eines schwachen Frankens genauso wie umgekehrt. Schehl: «Momentan bedeutet das zwar einen Kursvorteil für den Verlag, bei Kursverfall jedoch tragen wir auch das Währungsrisiko.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.12.2011, 07:58 Uhr
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