Die 250-Milliarden-Dollar-Frage

Nie hat ein US-Unternehmen so viel Gewinn gehamstert wie Apple. Das freut die Aktionäre, ärgert aber den Staat. Wie kann Tim Cook das Dilemma auflösen?

Apple-Chef Tim Cook im Firmen-Hauptsitz (27. Oktober 2016). Marcio Jose Sanchez (AP, Keystone)

Apple-Chef Tim Cook im Firmen-Hauptsitz (27. Oktober 2016). Marcio Jose Sanchez (AP, Keystone)

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Apple druckt Geld in rauen Mengen und hat einen Gewinn angehäuft, der höher ist als die Währungsreserven von Kanada und Grossbritannien zusammen. Die Schallgrenze von 250 Milliarden Dollar wurde im letzten Quartal durch­brochen, und der Konzern ist wieder an die Spitze der höchstbewerteten Unternehmen zurückgekehrt. Für Tim Cook stellt sich aber klarer denn je die Frage, was er mit dem Gewinn machen soll. Denn im Hintergrund lauern Präsident Trump und die Idee einer forcierten Rückführung der im Ausland steuergünstig parkierten Mittel.

Der Apple-Chef signalisierte zwar schon Anfang Jahr sein Interesse, einen Teil der im Ausland parkierten Gewinne in die USA zurückzubringen, falls die ­Regierung einen vorteilhaften Deal anbietet. Auch Finanzchef Luca Maestri wäre für eine Repatriierung der Profite zu haben, da ihm die dies noch mehr Möglichkeiten gibt, Kapital an die Aktionäre auszuschütten. Das würde insbesondere Warren Buffett zufriedenstellen, hat dieser doch seine Investitionen in Apple massiv aufgestockt und kontrolliert nun 2,5 Prozent des Unternehmens. Doch konkrete Zusicherungen der Apple-Führung fehlen. Und die amerikanische Regierung hat bisher nicht mehr offeriert als vage Ideen. Offenbar ist eine Sondersteuer von nur gerade 8,5 Prozent im Gespräch, womit die in die USA zurückgeführten Gewinne drei- bis viermal tiefer besteuert würden als in den USA selber.

Grafik: Apple parkiert Gewinne im AuslandZum Vergrössern klicken.

Für Apple fällt diese Differenz besonders in Gewicht, hat das Unternehmen doch seit 2011 einen immer grösseren Teil seiner Profite im Ausland parkiert. Heute weist das Unternehmen noch weniger als zehn Prozent der Gewinne im eigenen Land aus. «Ich habe noch nie eine Firma in einer derart extremen ­Situation gesehen», sagt Jennifer Blouin, Finanzprofessorin an der Wharton-Wirtschaftshochschule in Pennsylvania, wo auch Donald Trump studiert hatte. «Apple ist zu einer Cash-Schatztruhe geworden.» Die jüngsten Zahlen bestätigen den Trend: Trotz einem leicht enttäuschenden iPhone-Absatz steigerte Apple im letzten Quartal den Gewinn um über elf Milliarden Dollar. Damit hat der Konzern mehr als 250 Milliarden auf die Seite ­gelegt; so viel, wie noch nie ein Unternehmen zuvor.

Fokus auf den Aktionären

Steve Jobs war knausrig, wenn es um die Aktionäre ging. Er investierte den Gewinn lieber in neue Produkte, als ihn in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen aus der Hand zu geben. Doch für Tim Cook wurde der Druck zu gross. Hedgefonds und institutionelle Investoren drängten auf die Auszahlung der Gewinne, was Cook in eine Zwangslage brachte. Wollte er die Aktionäre bedienen, musste er die Auslandgewinne zurückführen, aber auch versteuern. Cook umging das Problem, indem er mehr als 85 Milliarden Dollar an den Kapitalmärkten aufnahm, also Schulden machte, und diese Mittel auszahlte. Erklärtes Ziel ist, mehr Geld in Aktienrückkäufe zu stecken, als dies je ein anderes Unternehmen getan hat. Mehr als 200 Milliarden Dollar sollen so verwendet werden. Cook erreicht zweierlei: Er verringert die Zahl der Aktien, was deren Wert erhöht; und er signalisiert, dass er den Kauf der eigenen Aktien als die beste Investitionsmöglichkeit betrachtet. Der Markt gibt ihm recht: Apple ist mit 775 Milliarden Dollar weltweit wieder das höchstbewertete Unternehmen ­geworden. Der Ölkonzern Exxon ­andererseits, der diesen Titel lange Jahre gehalten hatte, ist nun weniger als halb so viel wert.

Die totale Bevorzugung der Aktionäre kann sich Cook leisten, weil das iPhone zehn Jahre nach seiner Lancierung noch immer seine beste Cash-Cow ist. Apple hat weltweit mehr als eine Milliarde iPhones abgesetzt und steht mit dem iPhone8 vor einem neuen Nachfrage­zyklus. Allen Skeptikern zum Trotz hat Cook das iPhone zum erfolgreichsten, von der Konkurrenz beneideten Minicomputer gemacht. Daneben ist er auf seine eigene Art knausrig: Er investiert nur wenig Geld in die Ideen von anderen. Sein einziger Grosskauf liegt drei Jahre zurück, als Cook den Musikanbieter Beats für drei Milliarden Dollar übernahm. Das ist fast nichts im Vergleich zu den Firmenkäufen von Microsoft, Google oder Facebook.

Tesla auf dem Radar?

Hat Cook Alternativen zu seiner aktionärsfreundlichen Gewinnpolitik? Umfragen unter US-Konsumenten weisen auf wenige Optionen. Aus ihrer Sicht macht nur der Markt mit selbstfahrenden Autos Sinn, doch sehen nur gerade 22 Prozent der vom Forschungsinstitut Baird Befragten darin ein in fünf Jahren realisierbares Szenario. Ein Zusammengehen mit Tesla steht dabei im Vordergrund. Das würde Apple rund 75 Milliarden Dollar kosten, wenn eine Prämie von 50 Prozent auf den Marktwert geschlagen wird. Tesla ist aber auch heikel. Die Nähe von Konzernchef Elon Musk zu Präsident Donald Trump dürfte Cook von jeder noch so vagen Kaufabsicht abhalten, umso mehr, als eine laufende öffentliche Kampagne den Tesla-Chef auffordert, sich von Trump zu distanzieren. Wahrscheinlicher ist, dass Cook mehr Mittel ins eigene Autoprojekt «Titan» steckt. Vor wenigen Tagen erst erhielt er dafür in Kalifornien die Lizenz, Testfahrer auf den öffentlichen Strassen einzusetzen.

Cook hätte auch genügend Mittel, um tiefer ins Unterhaltungsgeschäft einzusteigen, zum Beispiel mit dem Kauf des Video-Streaming-Anbieters Netflix. Doch solange das iPhone seine dominante Marktposition behält, dürfte Cook die sichere Karte spielen und die Aktionäre zufriedenstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2017, 00:13 Uhr

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