Die CSS erlebt in Liechtenstein ein Debakel

Eine Tochterfirma der ­Krankenkasse CSS in ­Liechtenstein hat fast 200 Millionen Verlust ­akkumuliert. Die Führung blieb lange inaktiv.

Die Tochter in Liechtenstein hat der Krankenkasse CSS einen Verlust von einer halben Milliarde eingebracht.

Die Tochter in Liechtenstein hat der Krankenkasse CSS einen Verlust von einer halben Milliarde eingebracht. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Im CSS-Verwaltungsrat sitzen bekannte Politiker wie der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber und die Sankt Galler CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-­Schatz. Beide gehören seit Jahren zum Spitzengremium der grossen Krankenversicherung.

Nun hat die CSS im Fürstentum Liechtenstein ein Debakel der besonderen Art erlitten. Die Folgen tragen die CSS-Zusatzversicherten. Deren Prämien müssen das Verlustloch in Vaduz sowie weitere Abschreiber aus der Übernahme der Intras-Krankenversicherung decken.­ Gemäss einem Insider hat die CSS damit einen Totalverlust von 500 Millionen Franken erlitten.

Dass die CSS in Turbulenzen steckt, wurde vor zwei Wochen bekannt, als die Zeitung «Schweiz am Sonntag» von Verlusten der CSS-Tochter in Vaduz von 150 bis 200 Millionen Franken berichtete, die seit 2007 angefallen waren. Geschäftsberichte der CSS Vaduz, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, bestätigen die Dimension. Letzte Woche hat der CSS-Verwaltungsrat an einer ausserordentlichen Sitzung die Sanierung beschlossen. Der Vaduz-Ableger könnte mit einer Mitgift von 50 Millionen Franken für das Herunterfahren des Altgeschäfts abgestossen werden.

Die Krankenversicherung bestätigt, dass sie ihr Vaduz-Geschäft sanieren muss. «Die eingeleiteten Massnahmen laufen», sagt Sprecherin Ute Dehn. CSS-Gesellschaften, also auch die Tochter im Ländle, seien stets «vorbehaltlos» revidiert worden, mit der Aufsicht in Liechtenstein und der Schweiz sei man «in engem Kontakt». Es gebe «keine aufsichtsrechtlichen Verfahren».

Viel zu tiefe Prämien

Die CSS hatte aus Vaduz heraus den Zahnversicherungsmarkt Deutschland aggressiv in Angriff genommen. Anfang 2008 hatte die Krankenkasse in Deutschland erst 6000 Versicherte. Zwei Jahre später waren es 111'000. Unter deutschen Zahnärzten war die CSS-Versicherung zum Insidertipp geworden, mit einem unschlagbar günstigen Versicherungsschutz. Damit führten die Zahnärzte teure Komplettsanierungen bei den Patienten durch – zulasten der CSS, welche vertraglich verpflichtet war, die Kosten zu tragen.

In der Folge geriet die CSS Vaduz aus dem Lot. Die viel zu tiefen Prämien führten zu stets neuen roten Zahlen. Auch die Kosten für Marketing und Vertrieb waren erheblich. Die CSS-Spitze am Hauptsitz in Luzern reagierte lange nicht. Erst 2012 erhöhte sie die Prämien, worauf neue Kunden ausblieben. Letztes Jahr wurde das Management in Vaduz abgesetzt.

In den CSS-Geschäftsberichten deutete in all diesen Jahren nichts auf das Loch hin. Die Verluste wurden durch Gewinne mit den Zusatzversicherungen kompensiert. Das gibt CSS-Sprecherin Dehn implizit zu. «Die vergangenen Aufwendungen und Erträge von Tochtergesellschaften der CSS-Gruppe werden in der Konzernrechnung voll konsolidiert, welche wir im Geschäftsbericht nach Sparten publizieren», sagt sie. Die Einzelabschlüsse der Töchter wurden also nicht separat offengelegt, sondern auf die Sparten – neben der Zusatzversicherung ist das vor allem die obligatorische Krankenversicherung – verteilt.

Der Kritiker wurde nicht Chef

Es stellt sich die Frage, wer wann von den Verlusten wusste. Ein CSS-Insider berichtet von Ende 2010, als es darum ging, wer den Präsidenten und starken Mann in der CSS, den Jurassier Pierre Boillat, an der Spitze beerben würde. Es kam zu einer Kampfwahl zwischen zwei Kandidaten, die beide aus dem 40-köpfigen Mitgliederrat in den Verwaltungsrat gekommen waren. Der Mitgliederrat ist das Machtzentrum des Vereins CSS, welchem die CSS-Gruppe gehört, und ist proportional zu den Versicherten in den Kantonen zusammengesetzt.

Die beiden Kandidaten waren Jodok Wyer aus dem Wallis und Urs Zurfluh aus dem Kanton Zürich. Zurfluh galt als interner Kritiker des Vaduz-Geschäfts und der Übernahme der Intras-Krankenversicherung im Jahr 2008. In Zurfluhs Bewerbungspräsentation vor dem Mitgliederrat, die laut dem Insider gegen den Willen des Gremiums stattgefunden hatte, habe der Ökonom die Probleme in Vaduz klargemacht. «Danach wussten alle, was es geschlagen hat.»

Doch nicht Zurfluh machte das Rennen ums CSS-Präsidium, sondern der Walliser Jodok Wyer. Nach dem Stabswechsel im Juni 2011 blieben die Verluste der Tochter in Vaduz im Mitgliederrat und im Verwaltungsrat ein Randthema. Auf die Frage, warum er nicht intervenierte, verwies CVP-Ständerat und CSS-Verwaltungsrat Konrad Graber ans Unternehmen. Lucrezia Meier-Schatz liess eine Anfrage unbeantwortet.

Die horrenden Verluste gingen nicht spurlos am Geschäft vorbei. Das Durchschnittsalter der obligatorisch Versicherten stieg bei der CSS zwischen 2010 und 2013 von 40,6 auf 42,3 Jahre. Die Risiken wurden somit schlechter. Gleichzeitig sank der Bestand an Versicherten von 1,78 Millionen im 2010 auf 1,73 Millio­nen im letzten Jahr. Das Minus wäre deutlicher ausgefallen, wenn nicht Kleinversicherte über die Tochter in Vaduz und andere Versicherungsangebote zur CSS geströmt wären. Der Rückgang bei den Versicherten ist eine Reaktion auf die steigenden Prämien. Und diese haben ihre Ursache im Debakel von Vaduz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.07.2014, 08:38 Uhr)

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