Die ETH Zürich produziert Jungfirmen wie noch nie – trotz Krise

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 12.01.2010

24 Forschergruppen der ETH machen sich selbstständig mit Ideen wie Barcode-Leser für Handys, Nanospritzen und Flugrobotern.

Die kleinste Spritze der Welt: So können Medikamente an Einzelzellen getestet werden.

PD

Dient der Verkehrsüberwachung und Katastropheneinsätzen: Ein Flugroboter.

Dient der Verkehrsüberwachung und Katastropheneinsätzen: Ein Flugroboter. (Bild: PD)

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Er wirkt verspielt, der Mini-Helikopter «Coax», den ein Team um Samir Bouabdallah entwickelt hat. Jetzt geht es darum, die Tüftelei in verkaufbare Produkte umzusetzen. Dazu haben die Forscher mit Unterstützung der ETH die Firma Skybotix gegründet. Die nächste, grössere Generation von Flugrobotern soll sich bei Kunden in der Verkehrsüberwachung bewähren und womöglich schon bald bei Naturkatastrophen und Grossbränden zur Beobachtung aus der Luft eingesetzt werden.

24 Forscherteams haben mit Unterstützung der 14-köpfigen Abteilung ETH Transfer im Krisenjahr 2009 die Gründung einer eigenen Firma gewagt, um ihre Ideen zu Geld zu machen. Das ist Rekord. Im ersten Jahr, 1996, waren es sechs. Nach einem Zwischenhoch im Jahr 2000 mit 17 Spinoffs fiel die Zahl solcher Knowhow-Transfers 2005 auf neun, ist seither aber wieder stetig gestiegen.

Auffallend ist der grosse Anteil von Jungfirmen im Bereich Informatik und Telekommunikation, sie machen zehn der 24 Spinoffs des vergangenen Jahres aus. Dies hat laut Silvio Bonaccio, dem Leiter von ETH Transfer, damit zu tun, dass es für Projekte in klassischen Bereichen wie Maschinenbau und Elektrotechnik für die ETH schwieriger ist, Investoren zu finden, die das nötige Risikokapital zur Verfügung stellen. «Der Maschinenbau zum Beispiel ist kapitalintensiv und die Hürden daher sehr hoch», sagt Bonaccio. Maschinenbau und Elektrotechnik stellen darum nur je drei Neugründungen.

Eine Plattform für Musikfirmen

Um Software zu produzieren, braucht es dagegen keine teuren Anlagen, die Kosten bestehen zur Hauptsache aus Löhnen. Informatikfirmen seien darum viel besser skalierbar – sie könnten eher klein anfangen und mit dem Bedarf für ihre Produkte wachsen, sagt Matthias Hölling von ETH Transfer. Hinzu komme, dass die Bedeutung von Informatik und Telekommunikation als Hochtechnologien stetig zunimmt. So entwickelt die Firma Mirasense zum Beispiel eine Software, um Barcodes mit dem Handy ablesen zu können. Eine Idee, die trivial tönt. Die Lösung, mit der ein Handy ohne Autofokus auch unscharfe Barcodes erkennen kann, ist aber technisch anspruchsvoll.

Eine ehrgeizige Vision möchten die Gründer von StreamForge verwirklichen. Sie wollen Plattenfirmen und Filmstudios sichere Verkauf-Websites anbieten, die wie die von den Unterhaltungskonzernen lange Zeit heftig bekämpften Tauschbörsen organisiert sind. Ihr bestes Argument: Die einst von Tüftlerfirmen wie Napster erfundene Peer-to-Peer-Technik, mit der die Rechner der Nutzer zu Tauschbörsen vernetzt werden, ist deutlich kostengünstiger als die riesigen Server-Farmen, welche die Unterhaltungsindustrie üblicherweise betreibt. Der Hauptgrund ist, dass die Rechner der Nutzer im Peer-to-Peer-Verfahren von der Verkaufsplattform als Ressourcen genutzt werden. StreamForge entwickelt Software, die den Verkauf von Filmen und Songs diebstahlsicher über Tauschplattformen abwickeln kann.

Das herausragende Projekt «Greenteg» von Mikrosystemforscher Wulf Glatz hat vom Stromverband Swisselectric bereits einen Förderpreis erhalten. Glatz und sein Team nutzen die Ergebnisse aus ihren Dissertationen und Forschungsarbeiten für den Bau thermoelektrischer Generatoren. Sie sind so klein und flexibel, dass sie am Auto-Auspuff angebracht werden und die Abgaswärme in Strom umwandeln können.

Nanospritzen für die Forschung

Michael Gabi und Pascal Behr haben die Firma Cytosurge gegründet, um die kleinste Spritze der Welt marktreif zu machen. Die Öffnung an der Nadelspitze hat einen Durchmesser von 200 Nanometern – ein Haar ist 500-mal dicker. Mit solchen Nanospritzen können beispielsweise Pharmaforscher unter dem Elektronenmikroskop Wirkstoffe in Einzelzellen einspritzen, um deren Effekt zu testen. Der lasergesteuerte Einstich lässt sich so fein dosieren, dass die Zelle nicht verletzt wird. Die Technologie lässt sich auch zum Aufbau elektronischer Schaltungen im Nanobereich einsetzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2010, 07:18 Uhr

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