Interview

«Die Finanzwirtschaft fährt nicht schlecht»

Schwarzmalerei und Emotionalisierung prägten den Abstimmungskampf. Nun zeigt sich, wo die wirklichen Schlupflöcher sind. Lohnexperte und Unternehmensberater Sacha Cahn im Interview.

«Die Ablehnung des Vergütungssystems wäre für ein Unternehmen ein absolutes Horrorszenario»: Protestaktion gegen Finanzhaie auf dem Paradeplatz.

«Die Ablehnung des Vergütungssystems wäre für ein Unternehmen ein absolutes Horrorszenario»: Protestaktion gegen Finanzhaie auf dem Paradeplatz. Bild: Keystone

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Herr Cahn, wir schreiben den Tag eins nach Annahme der Abzockerinitiative. Haben die Schweizer Verwaltungsräte eine schlaflose Nacht hinter sich?
Wohl kaum. Ein Grossteil der Unternehmen macht seine Sache schon jetzt sehr professionell. Die Verwaltungsräte dieser Firmen überlegen sich sehr gut, wie viel Geld sie bereit sind, für das Management auszugeben.

Die erweiterten Aktionärsrechte sind für sie kein Grund zur Sorge.
Wenn Unternehmen die Vergütung ihrer Geschäftsleitungsmitglieder plausibel erklären können, wird ihnen die Zustimmung der Aktionäre auch künftig sicher sein. Ein Indiz dafür sind die Konsultativabstimmungen, die in manchen Firmen bereits heute durchgeführt werden. Mehr als 40 Prozent Gegenstimmen, wie es in einem Jahr bei der UBS der Fall war, gab es bislang noch nie.

Die Furcht vor wütenden Aktionären ist also kein echtes Druckmittel.
Das würde ich nicht so sagen. Die Ablehnung des Vergütungssystems durch eine bindende Abstimmung wäre für ein Unternehmen ein absolutes Horrorszenario. Künftig werden sich Unternehmen bemühen, die Aktionäre vorzeitig noch detaillierter über alle Aspekte der Vergütung zu informieren. Als Folge der Minder-Initiative dürfte die Transparenz zunehmen.

Wurden die Bedenken im Vorfeld der Abstimmung hochgekocht?
Im Abstimmungskampf wurde mit Emotionen und weniger mit Inhalten gespielt, das ist sicher. Konkret ändern werden sich für die Unternehmen einige organisatorische Abläufe. Der Aktionär wird als zusätzliche Instanz mehr Beachtung erhalten. Wirklich heikel könnte es nur bei den Antrittsentschädigungen werden.

Das heisst?
Unternehmen kaufen Managern beim Stellenwechsel oft die Aktienpakete des alten Arbeitgebers ab und ersetzen diese mit eigenen Aktien. Ob diese Praxis auch unter die gemäss Minder-Initiative verbotenen Vorauszahlungen fällt, wird noch zu bestimmen sein. Ein politisches Hickhack ist absehbar.

Wie steht es mit den Abgangsentschädigungen?
Es wird weiterhin möglich sein, abtretende Manager als Berater zu beschäftigen. Mit etwas bösem Willen lässt sich dies als Schlupfloch gegenüber der Initiative bezeichnen. Diese verbietet Abgangsentschädigungen explizit. Unter welchen Umständen ein solcher Vertrag missbräuchlich ist, werden Gerichte zu beurteilen haben – sofern ein Aktionär tatsächlich einmal Klage wegen einer gezahlten Abgangsentschädigung einreicht.

Die Hoffnung der Stimmbürger ist, dass Verwaltungsräte künftig mehr Zurückhaltung bei den Managerlöhnen üben. Ist sie berechtigt?
Dass Aktionäre in guten Jahren wegen hoher Löhne aufmucken werden, kann ich mir kaum vorstellen. In schlechten Jahren dürften die Wellen etwas höher schlagen. Allerdings werden Grossaktionäre nach wie vor eine langfristige Beurteilung vornehmen – und insofern wohl auch in mageren Jahren ein Auge zudrücken bei der Entlöhnung.

Es wird also weiter Lohnexzesse geben.
Missbrauchspotenzial besteht immer. Beispielsweise bei der Berechnung sogenannter Wettbewerbslöhne bei den Managern: Durch geschicktes Auswählen der Vergleichsfirmen lassen sich die Gehälter in die Höhe treiben, wenn ein Vergütungsausschuss das wirklich will und der Verwaltungsrat es absegnet.

Diese Verwaltungsräte müssen sich aber künftig jedes Jahr einzeln zur Wiederwahl stellen.
Was sicher zu interessanten Abstimmungen führen wird. Gut möglich, dass Mitglieder von Vergütungsausschüssen dann und wann etwas schlechtere Wahlergebnisse einfahren werden. Dies dürfte für diese Personen aber verkraftbar sein, solange sie wiedergewählt werden und davon überzeugt sind, langfristig im Interesse der Firma zu handeln. Möglich ist allerdings, dass sich gewisse Mandatsammler aus Furcht vor erbosten Aktionären von selbst etwas Zurückhaltung auferlegen.

Neu besteht ein Stimmzwang für Pensionskassen; Organ- und Depotstimmen werden abgeschafft. Wird dies nicht zu einem veränderten Abstimmungsverhalten führen?
Das hängt davon ab, wie streng die Initiative in diesem Punkt umgesetzt wird. Wahrscheinlich läuft der Stimmzwang für Pensionskassen darauf hinaus, dass der Stiftungsrat im Interesse der Versicherten die Empfehlung eines Beraters einholt oder die Stimmausübung an einen unabhängigen Vertreter delegiert.

Ethos und andere Institute erhalten also deutlich mehr Einfluss.
Je breiter das Aktionariat gestreut ist – das heisst, je weniger Grossaktionäre ein Unternehmen dominieren –, desto eher ist das der Fall. Gut möglich, dass sich in diesem Bereich ein grösserer Markt entwickelt und weitere Beratungsunternehmen als unabhängige Anbieter für Aktionärsdienstleistungen auftreten.

Das heisst, die Umsetzung der Initiative muss nicht zwingend teuer sein.
Über den Preis solcher Dienstleistungen kann nur spekuliert werden. Auf dem Markt werden sicher Paketangebote erhältlich sein, beispielsweise für Stimmempfehlungen zu Unternehmen aus bestimmten Ländern oder Börsenindizes.

Die Linke fürchtete sich vor heuschreckenartigen Firmenübernahmen …
Das ist wohl Schwarzmalerei.

… während die Bürgerlichen vor Standortnachteilen warnten.
Das stabile Rechtssystem, die tiefe Unternehmensbesteuerung, die wirtschaftliche Stabilität: Diese Standortfaktoren sind insgesamt weitaus wichtiger. In Europa soll nun ein Bonusdeckel im fixen Verhältnis zum Grundgehalt eingeführt werden. Im Vergleich zur Minder-Initiative ist diese 1:1-Regel bei der Vergütung ein viel stärkerer Eingriff für die Unternehmen. Gerade der Finanzsektor fährt gegenüber der Konkurrenz aus London mit der Abzockerinitiative nicht schlecht – sofern die Schweiz diese EU-Regel nicht übernimmt.

Werden andere Länder das Schweizer Modell nachahmen?
Die neuen Regeln bei der Aktionärsdemokratie sind wirklich ein Meilenstein. In unserer globalisierten Wirtschaftswelt wird das nicht ohne Signalwirkung bleiben – zumal die Schweiz bislang stets ein Nachzügler war. In der internationalen Presse schwingt nicht nur Verwunderung, sondern auch Bewunderung mit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2013, 15:25 Uhr

Zur Person

Sacha Cahn leitet bei Mercer Schweiz den Bereich Human Capital. Er berät Industrie- und Finanzunternehmen seit 14 Jahren bei der Vergütungspolitik, Leistungsmessung und dem Talentmanagement. Zuvor arbeitete Cahn bei der UBS und Zurich Financial Services. Der Ökonom ist 39 Jahre alt, verheiratet und hat drei Töchter. Er lebt in Zürich.

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