Wirtschaft
Die Folgen des Verrats am Kunden
Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 14.12.2009
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Morgen läuft die Frist für die italienische Steueramnestie ab. Wie viel der sogenannte Scudo fiscale eingebracht hat, will Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti erst Ende Monat bekannt geben. Übers Wochenende hat der Chef der italienischen Steuerverwaltung jedoch durchblicken lassen, dass die anvisierte Legalisierung von 100 Milliarden Euro Schwarzgeld erreicht werden könnte. Im Staatsbudget 2010 hat Tremonti Einnahmen von 3,7 Milliarden aus dem Scudo eingesetzt. Dazu bräuchte es legalisierte Vermögenswerte von knapp 80 Milliarden Euro.
Wer sich bei Steuerberatern und Italienschweizern umhört, erhält den Eindruck, dass die Amnestie tatsächlich eine breite Wirkung entfaltet hat. Mit Namen will zwar niemand zum Umgang mit seinen versteckten Reserven stehen, aber anonym geben die Leute durchaus Auskunft. Alle seine Bekannten hätten «den Scudo gemacht», sagt etwa ein langjähriger Italienschweizer. Ein anderer, selbst als Wirtschafts- und Steuerberater tätig, bestätigt: Er könne sich derzeit kaum vor Mandaten wehren.
Die fingierte Erbtante
Ohne einen solchen Berater lässt sich der komplizierte Papierkrieg der Amnestie fast nicht bewältigen. Zudem sind viele dieser «commercialisti» - wie sie in Italien heissen - darauf spezialisiert, die Wirkungen des Scudo mit allerlei Schlaumeiereien abzufedern oder gar zu umgehen. Der Berater erzählt zum Beispiel von italienischen Steuerpflichtigen, die ihr Vermögen in der Schweiz pro forma auf eine ältere Verwandte oder Bekannte überschreiben und es sich als Schenkung oder Erbschaft sofort wieder übertragen lassen. Da Italien die Vermögen im Ausland nicht besteuert, sondern nur eine Deklaration vorschreibt, lässt sich das vorher versteckte Vermögen dank der fingierten Erbtante in der Steuererklärung 2009 auch ohne Scudo - und damit ohne Kosten - legalisieren.
Fast noch schlauer sind jene, die ihr Schwarzgeld in Italien selber haben und eigentlich nicht am Scudo mitmachen könnten. Nicht wenige transferierten es in diesen Tagen in die Schweiz, um es via Amnestie trotzdem legalisieren zu können, sagt der Berater. Die Strafsteuer von 5 Prozent sei um ein Vielfaches günstiger als die Sanktionen, die für Steuerhinterziehung drohten.
Nicht mitzumachen, ist riskant
Auf die Frage, «Haben Sie den Scudo gemacht?», antwortet eine Schweizerin: «Ich habe einen Scudo gemacht.» Will heissen: Sie hat einen Teil ihrer Vermögenswerte in der Schweiz deklariert und setzt darauf, dass sich die Steuerbehörden damit zufrieden geben. Die entsprechende Summe habe sie nach Italien geholt und am Tag später wieder in die Schweiz transferiert. Das ist völlig legal, wenn sie die Überweisung in der diesjährigen Steuererklärung angibt. Von der grosszügigen Seite zeigte sich die Schweizer Bank. Diese habe die Spesen für den Transfer nach Italien und zurück übernommen, sagt die Frau.
Ein anderer Schweizer sagt, er habe seine Vermögenswerte im Ausland erstmals deklariert. «Wissen Sie, weshalb?», fragt er. «Weil die Schweiz nicht mehr ist, was sie einmal war.» Seit das Bankgeheimnis unter Druck geraten sei und die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) ihre Kunden an die USA ausgeliefert habe, sei sein Vertrauen in die Diskretion der Schweizer Banken gesunken. Mit dieser Haltung ist er nicht allein. Der Deal der UBS mit den USA habe die «Situation dramatisch verändert», sagte der Mailänder Steuerberater Federico Cocchi kürzlich an einer Informationsveranstaltung zum Scudo fiscale. An der Amnestie nicht mitzumachen, sei viel riskanter geworden als früher. Behält er Recht, dürfte sich Tremonti über einen schönen Zustupf für die Staatskasse freuen können. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 08:05 Uhr
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