Die Immobilienblase ist für den Migros-Bank-Chef bloss Gerede

Harald Nedwed, der Chef der Migros-Bank, versteht die Aufregung um die steigenden Immobilienpreise in der Schweiz nicht. Er bezeichnet das Wachstum der Hypothekarvergaben als normal.

Mehr Leute brauchen immer mehr Wohnraum: Neubausiedlung in Dübendorf.

Mehr Leute brauchen immer mehr Wohnraum: Neubausiedlung in Dübendorf. Bild: Keystone

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«Wenn Sie plötzlich doppelt so viel verdienen, kaufen Sie deswegen nicht doppelt so viel Brot», sagt Migros-Bank-Chef Harald Nedwed. «Und Sie brauchen auch nicht doppelt so viel Zahnpasta. Vielleicht geben Sie aber mehr Geld für Ferienreisen oder für mehr Wohnraum aus.» Will heissen: Mit steigendem Wohlstand fliesst mehr Geld in Luxus-, aber nicht mehr Geld in Basisgüter. Deshalb ist es gemäss Nedwed in einem reichen Land wie der Schweiz normal, dass das Hypothekarvolumen stärker wächst als die Volkswirtschaft.

Inflationsbereinigt haben sich die Hypothekarforderungen pro Kopf der Bevölkerung in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt – von gut 30'000 auf über 60'000 Franken. Dazu beigetragen hat auch das Bevölkerungswachstum. 1992 zählte das Land 6,9 Millionen Einwohner, heute sind es 8 Millionen.

Hypothekarmarkt wächst stetig

Nicht gewachsen ist das Land: Es mass und misst 41'000 Quadratkilometer. Wenn gleichzeitig die Zahl der Einwohner steigt und der Durchschnittsschweizer immer mehr Wohnraum beansprucht, ist ein Anstieg der Landpreise gemäss Nedwed die logische Folge. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass sich die Immobilienpreise in der Schweiz stetig, aber konstant nach oben entwickeln. Das gilt auch für die letzten Jahre. Sorgen bereitet das Nedwed nicht: «Der Landwert an guter Lage, zum Beispiel am Zürichsee, ist für alle Ewigkeit vorgegeben.» Der Migros-Bank-Chef deutet damit an, dass eine Liegenschaft an guter Lage auch eine Erschütterung im Immobilienmarkt übersteht.

Nedwed mag im Hypothekarwachstum auch deshalb nichts Beunruhigendes zu sehen, weil es keine neue Entwicklung ist. Seit 1994 weist der Schweizer Hypothekarmarkt mit nur einer Ausnahme jedes Jahr ein nominelles Wachstum von über 3 Prozent aus. Er sagt: «Wer sich über das heutige Wachstum im Hypothekarmarkt Sorgen macht, hätte dies bereits vor 10 oder 20 Jahren tun müssen.»

Kurz: Der Chef der Migros-Bank hält nicht viel vom Gerede von einer Immobilienblase, obwohl auch er Gebiete wahrnimmt – etwa die Genferseeregion –, wo man «zu einer gewissen Vorsicht mahnen muss». Er rechnet nicht wirklich damit, dass die Nationalbank den antizyklischen Kapitalpuffer aktiviert. Damit müssten die Banken ihre Risikopositionen mit 2,5 Prozent mehr Eigenkapital unterlegen. Nedwed sagt: «Die Chance, dass der Puffer jetzt aktiviert wird, schätze ich auf eher unter 50 Prozent ein.»

Und wenn der Immobilienmarkt doch erschüttert wird? Anders als in der Krise der 90er-Jahre haben die meisten Kreditnehmer Festhypotheken. Steigende Zinsen treffen sie also nicht sofort. «Die Kunden haben viel mehr Zeit, sich anzupassen», sagt Nedwed. Im Vergleich zur letzten Krise habe sich das Risiko von den Hausbesitzern in die Bilanzen der Banken verschoben. Das sei gut, weil die Banken damit besser umgehen könnten als die Kunden.

Onlinehypothek im Netz

Die Migros-Bank selbst weist für das vergangene Jahr ein Wachstum der Hypothekarkredite von 5,5 Prozent aus. Damit liegt sie über dem Marktwachstum. Sie begründet dies mit den im Vergleich zur Konkurrenz besseren Konditionen. Noch ist der Wachstumshunger nicht gestillt. Im März stellt die Migros-Bank eine Onlinehypothek ins Netz, über die sie sowohl Ablösungen von bisherigen Hypotheken wie auch Neugeschäfte abwickeln will.

Vorausgegangen ist die Glarner Kantonalbank mit ihrem Hypomat.ch. Die Zürcher Kantonalbank will mit einem Hypothekenportal im laufenden Jahr folgen. Beide werden ihre angestammte Region verlassen, sagt Peter Lämmli, Finanzchef der Migros-Bank. «Wir kennen den ganzen Markt bereits.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.01.2013, 08:54 Uhr)

Harald Nedwed, der Chef der Migros-Bank, schätzt die Situation auf dem Immobilienmarkt nicht so dramatisch ein wie andere Experten. (Bild: Keystone )

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