Wirtschaft
Die Inder, die alles besser können
Von Adrian Sulc, Mumbai. Aktualisiert am 28.08.2010
Riyaz Gomes ist der Einzige mit einem eigenen Büro. Der junge Firmeninhaber blickt von hier aus in einen grösseren Raum, wo seine Angestellten arbeiten: Das Licht spenden einige Neonröhren, das Mobiliar beschränkt sich auf Computer mit alten Röhrenbildschirmen und abgewetzte Bürostühle. Doch was auf den Rechnern entsteht, ist durchaus Ware für den Weltmarkt. Dimension-Z heisst das kleine Unternehmen von Riyaz Gomes, es bietet dreidimensionale Animationen aller Art an.
«Die meisten Kunden waren noch nie in unserem Büro», sagt Gomes. Vielleicht hätten sie das Unternehmen auch gar nicht gefunden: Dimension-Z hat seinen Sitz zwar zentral in Mumbai, der grössten Stadt Indiens. Doch das Gelände der alten Mühle im Stadtteil Mahalaxmi ist verwinkelt, Strassenschilder fehlen. Verschiedenste Betriebe haben sich hier niedergelassen – in einem kleinen Gebäude im Innenhof der Anlage auch die Firma von Gomes.
Ein Auftrag auch aus der Schweiz
Auf dem Bildschirm eines Angestellten dreht sich ein rotes Blutkörperchen um die eigene Achse – es entsteht ein medizinisches Lernprogramm. Daneben werden die Umgebung für ein neues Computerspiel sowie Skizzen für 3-D-Filmsequenzen entworfen. Die Kunden von Dimension-Z sitzen in den Bürogebäuden Mumbais, aber auch in den USA, den Niederlanden – und in der Schweiz. «Ohne das Internet wäre ein grosser Teil unserer Arbeit nicht möglich», sagt Gomes, der seine Firma 2002 gegründet hat.
So hat Dimension-Z letztes Jahr etwa im Auftrag einer Genfer Firma das Online-Spiel Oodyss animiert. Kunde der Genfer Firma war wiederum ein kleines Unternehmen aus der Waadt, welches das Spiel schliesslich unter dem eigenen Namen herausgab. Für ein holländisches Unternehmen realisierten Gomes’ Angestellte dreidimensionale Schiffsmodelle im Computerspiel Ship Simulator. Beides sind keine Produkte der obersten Liga. Doch wird die Fleissarbeit der 3-D-Animationen ins günstige Indien ausgelagert, ist sie auch für kleinere Unternehmen bezahlbar.
Grosse Auswahl an Spezialisten
Das Internet hat die Globalisierung in den Dienstleistungsbereich gebracht: Hunderte, wenn nicht Tausende kleiner und grosser indischer Unternehmen bieten der Welt online ihre Dienstleistungen an. Aus der Milliardenbevölkerung lassen sich genügend Arbeitskräfte rekrutieren, die sowohl des Englischen wie auch der Computertechnik mächtig sind. So haben vor allem amerikanische Konzerne nicht nur ihre Kundendienst-Abteilungen nach Indien ausgelagert, sondern auch ganze Buchhaltungen. Finanzunternehmen lassen sich die Abrechnungen der Kreditkarten ihrer Kunden in Indien erstellen, Betreiber von Bilddatenbanken schicken Tausende von digitalen Fotos nach Indien zur Nachbearbeitung.
Es gibt auch Inder, die dank Outsourcing das europäische Strassennetz so gut kennen wie sonst kaum jemand: Um die GPS-Navigationsgeräte der hiesigen Autofahrer auf dem neusten Stand zu halten, wird ganz Europa regelmässig abgefahren. Die digitalen Filmaufnahmen der Fahrten werden einem indischen Betrieb übermittelt, wo die Mitarbeiter jedes geänderte Verkehrszeichen und jeden neuen Strassenabschnitt registrieren.
Alleine die drei grossen Spieler auf dem indischen Outsourcing-Markt, Tata Consultancy Services, Infosys und Wipro, beschäftigten Anfang Jahr über 340'000 Personen – Tendenz steigend. Analysten der New Yorker Investmentbank Agile Equity schreiben, Indien bleibe trotz neuer Konkurrenz, etwa von den Philippinen, das attraktivste Land in Sachen Outsourcing. Bis 2012 soll der indische Markt für IT-Dienstleistungen auf ein Volumen von 80 Milliarden US-Dollar anwachsen, prognostiziert Indiens Handels- und Industrieministerium.
Obama kritisiert Geschäftsmodell
Über 60 Prozent seiner digitalen Dienstleistungen verkauft Indien heute in die USA. Dies nicht zur Freude aller: Anfang August kritisierte US-Präsident Barack Obama zum wiederholten Mal heimische Unternehmen, die Stellen in die Tieflohnländer China und Indien auslagern.
In den fensterlosen Räumen von Dimension-Z in Mumbai stapelt Riyaz Gomes bei der Frage nach den Löhnen tief: Tiefe Löhne sei nicht das, womit er bei seinen Kunden werbe. «Eventuell ist ein Freelancer in den USA günstiger.» Doch die vier jungen Angestellten und das Dutzend freischaffender Mitarbeiter arbeitet im internationalen Vergleich günstig. So lohnt es sich für Softwareunternehmen in Europa oder den USA auch, die 3-D-Modellierung einzelner Elemente eines Computerspiels in Mumbai in Auftrag zu geben.
Seine Kunden fänden ihn vor allem über die Google-Suche oder über andere Internetseiten, sagt Gomes. Aktiv muss er sich derzeit kaum um Aufträge bemühen. Für den indischen Markt arbeitet Dimension-Z vorallem an digital animierten Fernsehwerbespots, daneben bietet das Unternehmen Schulungen ins Sachen 3-D-Animation an. Die Aufträge werden ihm wohl nicht ausgehen – der Internationale Währungsfonds prognostiziert der indischen Wirtschaft für das laufende Jahr ein Wachstum von 9,4 Prozent. (Der Bund)
Erstellt: 28.08.2010, 22:44 Uhr



