Die Industrie ist nicht am Ende

Der Stellenabbau bei General Electric hat nichts mit dem starken Franken zu tun. Und er zeugt auch nicht von einer Deindustrialisierung.

Die Turbinenproduktion bei Alstom leidet unter der stark eingebrochenen internationalen Nachfrage. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Die Turbinenproduktion bei Alstom leidet unter der stark eingebrochenen internationalen Nachfrage. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Die Wurzeln des Übels waren schnell gefunden, als General Electric diese Woche die Streichung von 1300 Stellen in den ehemaligen Schweizer Alstom-Betrieben bekannt gab. Die Bestimmungen zum Schutz der Arbeitnehmer seien hierzulande zu lasch, weshalb zuerst Stellen in der Schweiz abgebaut würden und nicht etwa in Frankreich, meinte der Personalverband Angestellte Schweiz. Der US-Grosskonzern GE setze ausschliesslich auf Gewinnmaximierung und stelle Aktionärsinteressen über alles andere, liess die Gewerkschaft Unia verlauten. Die Schweizer Politik habe im Gegensatz zu Frankreich «nicht den kleinsten Finger gekrümmt», um für den hiesigen Standort zu lobbyieren, meinte die Gewerkschaft Syna. Und schliesslich musste auch noch der starke Franken als Ursache für den Stellen­abbau und die Schliessung der Gas­turbinen­produktion herhalten.

Ohne Zweifel sind die starke Währung, die Arbeitsmarktregulierung, die Aktionärsinteressen und eventuell sogar das Standortlobbying von Politikern Faktoren, die Management-Entscheide beeinflussen. Jedoch greifen die Argumentationen, die wechselnd der Nationalbank, der gewinnversessenen GE-Führung oder der Politik die Schuld für den Stellenabbau zuschieben, zu kurz. Definitiv übertrieben ist schliesslich, der Umbau bei GE als Beweis für eine Deindustrialisierung der Schweiz zu deuten.

Folge des Markteinbruchs

Natürlich, der Abbau von rund einem Viertel der Stellen beim ehemaligen Energiegeschäft des Alstom-Konzerns ist ein herber Schlag für den Industriestandort Schweiz – und zudem einer mit Symbolkraft. Denn die nun zu GE gehörenden Betriebe haben ihren Ursprung bei Brown, Boveri & Cie. Dieses Unternehmen hat im Kraftwerksbau Massstäbe gesetzt, beispielsweise als es vor nicht ganz 80 Jahren das weltweit erste Gaskraftwerk baute. Bitter, wenn nun gerade die Produktion von Gasturbinen in der Schweiz eingestellt wird.

Industriehistorische Sentimentalitäten dürften bei den Überlegungen des GE-Managements jedoch keine Rolle gespielt haben. Entscheidend war wohl vielmehr die aktuelle Marktlage. Diese ist davon geprägt, dass zumindest in Europa kaum noch jemand in thermische Kraftwerke investiert. Gemäss Branchenanalysten der renommierten McCoy Power Reports sind letztes Jahr in Europa die Bestellungen von Gasturbinen im Vergleich zu 2007 um 98 Prozent tiefer ausgefallen. Dieser Markteinbruch ist darauf zurück­zuführen, dass sich Gaskraftwerke aufgrund der Energiepolitik in Europa mittlerweile schlicht nicht mehr rechnen.

Diese Marktrealität hat übrigens auch GE-Konkurrent Siemens veranlasst, im grossen Stil Stellen zu streichen. Der Abbau bei GE, der ja neben der Schweiz auch Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien betrifft, steht also hauptsächlich im Zusammenhang mit energiepolitischen Fragen und allenfalls mit globalen Marktveränderungen. Mit dem starken Franken dagegen hat die schwache Nachfrage nach Turbinen herzlich wenig zu tun.

Innovation macht die Industrie widerstands­fähiger.

Am ehesten noch ausgewirkt haben dürfte sich die Frankenstärke bei jenen Stellen, die durch die Beseitigung von Doppelspurigkeiten bei der Integration in den GE-Konzern wegfallen. Offensichtlich waren die hohen Kosten der Schweizer Standorte aber bei der Restrukturierung der Geschäfte für die GE-Manager kein Killerargument. Sonst wären wohl Standorte ganz geschlossen, mehr Stellen gestrichen und ganz sicher nicht die Zentralen von zwei Geschäftsfeldern in Baden angesiedelt worden. Man darf es GE-Konzernleitungsmitglied Philippe Cochet also durchaus abnehmen, als er im Interview mit der «Aargauer Zeitung» sagte, dass die Schweiz zwar eine starke Währung haben möge, dafür aber über andere Vorteile wie gute Ingenieure und eine hohe Effizienz verfüge.

Solche Stärken sind es denn auch, auf welche die Schweiz weiterhin bauen muss. Die harte Landeswährung wird zwar ihren Teil dazu beitragen, dass der Produktionssektor sich in der Schweiz weiter wandelt. Solche Struktur­veränderungen haben das Land und seine Industrie aber bereits in der Vergangenheit erfolgreich gemeistert, und so wird es auch in Zukunft sein. Der starke Franken kann sogar zusätzlicher Antrieb für Neufokussierungen, Innovation und Produktivitätssteigerungen sein, die den Schweizer Unternehmen auf dem Weltmarkt einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Bildung und neue Technologien

Forderungen nach einer griffigeren Industriepolitik, wie sie von verschiedenen Seiten nach dem Frankenschock geäussert wurden, sind in diesem Zusammenhang durchaus berechtigt. Allerdings tut das Land gut daran, dabei hauptsächlich auf Bildung und neue Technologien zu setzen. Denn Wissen und Innovation sind die Faktoren, die die Schweizer Industrie widerstandsfähig machen. Einer Deindustrialisierung entgegengewirkt werden kann nur, wenn hiesige Arbeitskräfte und Unternehmen für den nächsten Digitalisierungsschritt gerüstet sind.

Ein engagierteres Lobbying der Landes­regierung bei den Konzernen oder ein stärkerer Kündigungsschutz dagegen sind Massnahmen, die falsche Akzente setzen. Denn qualifizierte Fachkräfte, eine grosse Innovationskraft sowie eine hohe Produktivität sind langfristig die besseren Garantien für den Erhalt der Industrie und deren Arbeitsplätze als Deals, wie sie etwa die französische Regierung beim Verkauf der Alstom-Energiesparten mit GE geschlossen hat. Mit rigideren Kündigungsbestimmungen schliesslich würde die Schweiz ihr bisheriges Erfolgsrezept eines flexiblen Arbeitsmarktes untergraben.

Die Entwicklung der Beschäftigten- und Arbeitslosenzahlen zeigen, dass tatsächlich in jenen Ländern mehr Personal eingestellt wird, in denen bei ungünstiger Geschäftsentwicklung gegebenenfalls Stellen auch wieder einfach abgebaut werden können. Für jene Angestellten der einstigen Alstom-Fabriken, die den blauen Brief erhalten werden, mag das zwar zynisch klingen – doch dank des flexiblen Arbeitsmarktes sind auch ihre Chancen auf neue Stellen besser. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2016, 21:09 Uhr)

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Jürg Rüttimann


Wirtschaftsredaktor

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