«Die Interpretationen von Economiesuisse sind völlig überzogen»

Die ETH-Studie zur Energiewende gibt zu reden – die Schlussfolgerungen vom Wirtschaftsdachverband auch. Ein Gastkommentar über die Verantwortung von Studienauftraggebern und Wissenschaftlern.

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Die Studie von Professor Peter Egger und seinem Mitarbeiter ist wissenschaftlich sauber und seriös. Sie verwendet ein in der wissenschaftlichen Literatur anerkanntes Modell. Wie bei jedem Modell sind die Folgerungen daraus entscheidend davon abhängig, was modelliert wird und welche Annahmen getroffen und für eine Simulation variiert werden. Die Aussagekraft der Arbeit von Egger ist sehr beschränkt; die Interpretation und Schlussfolgerungen von Economiesuisse daraus völlig überzogen.

Warum: Es handelt sich um ein statisches Weltmodell mit der Schweiz, eingebettet in 34 Nationen (EU, OECD). Die Strukturvariablen sind aus den Statistiken für das Jahr 2000 ermittelt worden. In diesem Modell werden über Annahmen gewisse Grössen unter sonst gleichen Bedingungen variiert und die Konsequenzen für das BIP pro Kopf simuliert. Die Ergebnisse der Simulation werden mit der effektiven Grösse des BIP pro Kopf im Jahr 2000 verglichen. Es handelt sich also um eine vergleichend statische und keine dynamische Betrachtung; es werden keine Zeitreihen untersucht und damit keine Prognosen gemacht. Damit bleibt auch die Technologie konstant, wie sie im Jahr 2000 bestand.

Je nach getroffenen Annahmen fällt das Ergebnis der Simulation im Vergleich zum effektiven BIP pro Kopf im Jahr 2000 mehr oder weniger tiefer aus. Zum Beispiel: Würde die Schweiz im Alleingang das Kopenhagen-Abkommen erfüllen, wäre es 1,7 Prozent tiefer; bei einer Belastung der Wirtschaft mit einer CO2–Abgabe von 1140 Franken pro Tonne bei Ausnahme bestimmter Unternehmen wäre dieses 14,3 Prozent tiefer usw.

Die weitere Entwicklung der Wirtschaft ab dem Jahr 2000 sowie Krisen oder Strukturbrüche werden nicht berücksichtigt. So wird auch der technische Fortschritt, wie er von 2000 bis heute und/oder in der Zukunft erwartet werden könnte, nicht berücksichtigt. Ja umgekehrt: Egger will mit den Resultaten darauf hinweisen, was der technische Fortschritt in Zukunft leisten müsste, um den Wandel erträglich zu machen. Das Worst-Case-Szenario basiert auf extremen Annahmen, die so nie eintreffen werden. Selbst die in der Simulation gerechneten Richtlinien des Kopenhagen-Klimagipfels sind extrem ambitiös. Werden die Annahmen auf realistische Grössen reduziert, so sind die Effekte eher bescheiden und tragbar.

Fazit: Die Studie ist wissenschaftlich sauber durchgeführt. Sie ist gemessen an der Bedeutung der Effekte eine Studie zu den Konsequenzen von Massnahmen zur CO2- und damit zur Klima-Problematik. Die Variante, die nur und allein den Atomausstieg rechnet, kommt zu relativ leicht tragbaren Folgen für die Volkswirtschaft der Schweiz. Die Aussagekraft des Modells ist jedoch äusserst begrenzt. Daraus Schlüsse über die Machbarkeit oder Durchführbarkeit der Energiestrategie 2050 zu ziehen, ist nicht möglich. Eine andere Frage ist, wie die politischen Gruppen diese Studie verwenden. Obwohl ein Wissenschaftler darauf nur beschränkten Einfluss hat, muss er doch eine gewisse Verantwortung dafür übernehmen.

(Erstellt: 31.01.2013, 18:03 Uhr)

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Die Vorgeschichte

ETH-Professor Peter Egger hat im Auftrag des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse eine Studie zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende erstellt. Titel: «Energiewende in der Schweiz: Simulationsergebnisse zur Energiestrategie
des Bundes.» Economiesuisse hat gestützt darauf seine Ablehnende Haltung zur Energiewende formuliert, die Grundlagen der Energiestrategie 2050 seien «unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich». (wir berichteten)

Professor Egger stellte heute in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet klar: «Meine Studie macht keine Prognosen. Wir haben nur Szenarien angeschaut und daraus errechnet, welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Wege der Energiewende ausüben.»

Gleichzeitig sagte Egger, was Economiesuisse aus seinen Resultaten mache, sei deren Sache. Uni-Professor Beat Hotz teilt diese Meinung nicht ganz, wie er nebenstehend schreibt. (cpm)

«Die Frage ist, wie die politischen Gruppen diese Studie verwenden. Obwohl ein Wissenschaftler darauf nur beschränkten Einfluss hat, muss er doch eine gewisse Verantwortung dafür übernehmen»: Beat Hotz-Hart. (Bild: zvg)

Zur Person

Beat Hotz-Hart (1948) ist Professor ad personam für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Seine Forschungsbereiche sind Ökonomie und Politik von Bildung, Forschung und Innovation. Er forschte und arbeitete an der ETH Zürich und den Universitäten Zürich, Freiburg, Münster (D), Warwick (UK), J.F. Kennedy School of Government und Economics Department von Harvard (USA), war 18 Jahre Vizedirektor beim Bund zuletzt beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie und arbeitet zurzeit beim ETH-Rat.

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