Wirtschaft
«Die Kriminalisierung der Beratung steht im Vordergrund»
Von Arthur Rutishauser. Aktualisiert am 03.03.2010 16 Kommentare
Artikel zum Thema
- Aufschrei in der Finanzbranche gegen die neue Boni-Regelung
- «Der Wilderer ist auch ein guter Wildhüter»
- Finma: Katastrophenszenarien für Grossbanken durchgespielt
- Neuer Finma-Chef: «In diesem Job muss man pessimistisch sein können»
- «Die Tatsache, dass Boni hoch bleiben, macht mich ratlos»
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Herr Raaflaub, Sie haben gestern einen Bericht herausgegeben, der zwar zeigte, dass viele Kunden mit Produkten der Lehman Brothers grosse Verluste erlitten, aber letztlich ist wieder einmal kein Banker wirklich schuld.
Wenn ein Kunde Beratungsfehler geltend machen kann, dann ist das Sache des Kunden, dies im Zivilprozess zu beweisen. Unsere Aufgabe ist, abzuklären, ob Aufsichtsrecht gravierend verletzt wurde. Das konnten wir nicht feststellen.
Aber es gibt Handlungsbedarf.
Richtig. Das wichtigste ist, dass der Kunde richtig informiert wird. Und zwar auf einfache, klare Art. Das wird heute nicht so gemacht, wie das ursprünglich die Idee war. Darum fordern wir griffigere Regeln.
Viele Kunden fühlten sich betrogen, weil sie glaubten, CS-Papiere zu kaufen, nicht Lehman-Produkte.
Das Problem war, dass im Anlegerprospekt das CS-Logo sehr prominent war, und erst nach dem Konkurs gewisse Anleger merkten, dass sie ein Papier der Lehman Brothers erworben hatten. Das war tatsächlich problematisch.
Was soll nun ändern?
Wir fordern, dass in der Anlageberatung der Berater künftig einschätzen muss, ob der Kunde ein solches Risiko eingehen kann. Zudem muss das Verlustrisiko künftig in den Prospekten gleich prominent und verständlich erklärt werden wie die Gewinnchancen. Weiter muss darauf geachtet werden, dass der Kunde sein Vermögen diversifiziert und nicht einfach Produkte verkauft werden.
Sie haben auch den Fall Maddoff untersucht. Was ist Ihr Befund?
Das war ein Betrugsfall, der sich unter der Nase der SEC, einer wichtigen Aufsichtsbehörde in den USA, ereignet hat. In der Schweiz wurden die Anlagen primär an qualifizierte Anleger verkauft. Auch hier gab es Nachlässigkeiten bei der Diversifikation der Vermögen. Da fehlte vonseiten der Banken teilweise die elementare handwerkliche Sorgfalt.
Gab es Berufsverbote?
Nein, aber es gab Einzelfälle bei denen Beratungsfehler begangen wurden. Unser Plan ist, im Sommer einen umfassenden Bericht mit Lösungsansätzen und Forderungen an die Politik zusammenzustellen.
Die Politik beäugt die Finma kritisch. Etwa in der Standortfrage. Machen Sie eine Filiale in Zürich?
Nein. Der Verwaltungsrat hat im Februar beschlossen, dass wir das nicht wollen und wir in Zürich lediglich ein paar Sitzungsräume mieten und eine Handvoll mobiler Arbeitsplätze einrichten werden. Dafür wollen wir in Bern einen Standort, der näher am Bahnhof liegt.
Ihre Rolle beim UBS-Debakel wird untersucht. Wo steht man da?
Die Berichte der beiden externen Experten sind abgeliefert, und wir rechnen in den nächsten Wochen mit einem Entwurf des Schlussberichts an den Bundesrat. Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass wir in unserem Bericht letzten Herbst alles Nötige gesagt hätten.
Was muss zur Krisenbewältigung noch getan werden?
Es wurde schon einiges zur Stärkung der Banken getan. So haben wir die Eigenmittelanforderungen massiv erhöht und eine Begrenzung des Bilanzwachstums eingeführt. In Anbetracht dessen, dass wir ein Einlagensicherungssystem haben, welches bei den Grossbanken nicht glaubwürdig ist, spielt für uns die Liquiditätsregulierung eine zentrale Rolle.
Warum ist die Einlagensicherung nicht glaubwürdig?
Weil sie eine Obergrenze bei 6 Milliarden hat. Das reicht bei den Grossbanken niemals. Darum haben wir ein Szenario vorgegeben, das Abflusssraten auf bestimmten Einlagen von einer Woche und einem Monat festlegt. Damit zwingen wir die Banken, mehr Liquidität zu halten.
Die Grossbanken leisten heftigen Widerstand. Kommen Sie mit Ihrem Anliegen durch?
Kann sein, dass unsere Verfügung vor Gericht angefochten wird. Wir riskieren nötigenfalls den Rechtsweg. Zudem kostet das die Grossbanken nicht so wahnsinnig viel, wie teilweise behauptet wird. Es geht grob gesagt um einige 100 Millionen, nicht um Milliarden.
Das grösste Problem für den Finanzplatz ist das Bankgeheimnis, das nicht mehr gehalten werden kann. Könnte es zu bedrohlichen Geldabflüssen kommen?
Für uns steht momentan die akute Gefahr der Kriminalisierung des grenzüberschreitenden Beratungsgeschäfts im Vordergrund. Das ist ein Risiko für die ganze Bank, siehe UBS
(UBSN
13.12
1.71%)
in den USA. Da braucht es bilaterale Verhandlungen um klare Regeln.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.03.2010, 11:30 Uhr
WRITE A COMMENT
16 Kommentare
Leider ist es so, dass in unserer Gesellschaft das Risiko totgeschwiegen wird. Jeder der sein Geld anlegt, muss sich aber im Klaren sein was damit passiert und wie risikoreich die Anlage ist. Mit der Zeit sollte man da realisieren, dass man sein Geld selbst am besten verwaltet. Das erspart auch die Gebuehren der Banken. Das erfordert aber dass man lernt, sich weiterbildet und informiert. Antworten
Let's face it: Schuld an allem ist die Politik (von links bis rechts). Sie erlassen Gesetze oder ändern sie...Sowohl links bis rechts ist doch schon lange keine Volksvertretung mehr. Bei den einen sind Gewerkschaften etc., welche drücken, bei den anderen sinds Wirtschaftsverbände...aber stets gehts nur egoistische Interessen! Wenn ein Baum schlecht wächst liegts oft nicht am Ast... Antworten
Direktor Raaflaub wie VR-Präsident Haltiner predigen beide Wasser und trinken Wein. Auf der einen Seite heuchelt die Finma der Öffentlichkeit etwas vor, auf der anderen Seite vorenthält die Finma der Staatsanwaltschaft Daten und Informationen (siehe Fall Sogevalor). Was sagt das EJPD dazu: Die Finma gehöre zum EFD, das EJPD sei nicht für eine Beschwerde zuständig, die Finma sei dem EFD zugeteilt. Antworten
Man kann jetzt natürlich die FINMA wieder kritisieren, dass sie nicht weit genug geht. Würde sie das tun, dann hätten die Bundesratsparteien sogleich wieder ein Problem mit ihren Lobbyisten auszustehen. Die FINMA scheint ein Problem zu haben, dass sie nicht unabhängig von der Politik wirken kann. Sie müsst ähnlich der Nationalbank einen Sonderstatus kriegen...halten wir uns an P.Hildebrand (SNB). Antworten
Zur Lehmanpleite und unsern Verlusten genügt ihr Kommentar nicht: "Das war tatsächlich problematisch" - Mit diesem Satz kann man sich nicht aus der Verantwortung stehlen - da besteht immer noch dringender Handlungsbedarf. Da muss die Finma etwas tun!!! Antworten
@hans müller: Kanal-Banken? "Totgeschwiegen"...Die Banken hier hätten auch alles totgeschwiegen, wenn kein Druck da gewesen wäre. Unsere armen Banken. Sonst globale Konzerne, plötzlich nationale Symbole. Je nach Wind. Aber wenn sie der grosse Aufräumer sind, dann benennen sie bitte alle. Im Ausland und v.a. im Inland. Das klingt sehr nach "Wir nicht, die auch." Antworten
Die Banken scheffeln Milliarden, weil sie bei den Beratern, die simple Verkäufer sind, sparen. Intellektuell unfähig, die Mechanismen der Wirtschaft zu verstehen. Kleine Soldaten, von oben gelenkt. Ihre dunklen Schalen täuschen Kompetenz vor, die nicht vorhanden ist. In einer Zeit, in der jeder der auf zwei zählen kann studiert, wird das Niveau bei den Bänklern weiter sinken. Antworten
"Kriminalisierung des Bankgeschaeft". Das liest sich so, als waeren die andern Staaten und ihre Organe die Boesen, haetten z.B. die UBS in's Elend gefahren. Das ist nun wirklich der groesste Witz in dieser leidigen Geschichte. Die UBS wirbt fuer Schwarzgeld und nun sind die andern schuld... Antworten
Man kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass es fahrlässig ist, in komplexe Bankprodukte zu investieren, wenn man gar keine Ahnung davon hat. Manchmal denke ich, dass es auch eine Art von Gier ist, wegen einiger Franken mehr Jahresrendite sein ganzes Vermögen zu riskieren. Warum kaufen die Leute nicht einfach gut dokumentiere Fonds und erkundigen sich über die Risiken bei unabhängigen Stellen? Antworten
Ich finde es mit Verlaub sehr problematisch, wenn sich der Direktor der obersten Regulationsbehörde der Banken auf diese polemische und undifferenzierte Art zum Thema äussert. Diese pauschale Verurteilung der Grossbanken ist unangemessen und dient der Sache nicht. Wenigstens die FINMA sollte sich bemüssigt fühlen, sich in der Oeffentlichkeit sachlich und lösungsorientiert zu verhalten. Antworten
Man kann sich vorstellen, was das bedeutet, wenn die CS oder UBS oder wer auch immer wegen 500 Mio Fr. vor Gericht geht: Sie haben nicht einmal soviel flüssig. Zu den Lehman- und anderen Papieren muss man halt sagen: Wer Papier kauft, hat Papier. Es gibt auch noch andere Sachen, die man kaufen kann. ;) Antworten
Bezeichnend für die Finma ist, dass sie internationale Initiativen (MiFID) zur Sicherung der Beratungsqualität und Ausführung von Bankgeschäften ("Best execution") in der Schweiz nicht umgesetzt haben. Gerade die Grossbanken und führende Privatbanken haben dies getan um mit EU-Recht kompatibel zu sein. Für Einlagesicherung existieren effiziente Lösungen, welche die Finma einmal mehr nicht umsetzt. Antworten
Man sollte festhalten dass nicht nur die CS Lehmann-Papiere verkauft hat, sondern im grossen Stil auch die Kanal-Banken, dies wird aber interessanterweise immer totgeschwiegen, obwohl auch bei den KB's die Verluste der Kunden nicht rückerstattet wurden. Die Finma hat ausserdem festgehalten dass die CS nicht die Kunden übervorteilt hat, d.h. sie hat selber genauso Verlust erlitten wie ihre Kunden. Antworten



Silvio Zürcher
@Beat Keller. Auch Ramschpapiere sind oft "gut dokumentierte Fonds". @Bruno Froehlich. Schwarzgeld ist das Hauptgeschäft der Schweizer Banken. @Hans Müller. Kanal-Banken sind von den Schweizer Banken kontrolliert ! Antworten