Wirtschaft
Die Migros setzt Standard & Poor’s vor die Tür
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 22.02.2012 106 Kommentare
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«Es ist schon sehr speziell, wenn ein Grossunternehmen einen Vertrag kappt, ohne zu kommunizieren weshalb.» Gion Reto Capaul, Kopf der Visual Finance, eines Winterthurer Unternehmens für Finanzanalyse und Vermögensverwaltung, ärgert sich darüber, dass die Migros ohne entsprechende Information den Vertrag mit Standard & Poor’s (S&P) aufgelöst hat. Der Grossverteiler informiere auf seiner Internetsite prominent über das Animanca-Sammelspiel. Obligationäre behandle er aber stiefmütterlich. Dabei müssten doch die Gläubiger mit kreditrelevanten Informationen versorgt werden.
Kurz vor der Vertragsauflösung hat S&P die Bonitätsnote für die Migros zwar bestätigt, den Ausblick aber von «stabil» auf «negativ» korrigiert. Der Verdacht liegt nahe, dass dieser Schritt zumindest zum Entscheid beigetragen hat, S & P vor die Tür zu setzen. Migros-Sprecher Urs-Peter Naef winkt ab: «Nein, die leichte Verschlechterung spielte keine Rolle für die Vertragsauflösung.» Die Migros finanziere sich auf dem Schweizer Markt, begründet Naef den Entscheid, sich von S & P nach 14 Jahren zu lösen. «Die Geldgeber kennen uns. Sie haben nichts von einem internationalen Rating.»
Nicht auf Rating angewiesen
Peter Gasser, bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) als Analyst zuständig für die Migros, zeigt Verständnis. Migros sei ein bekannter Name. «Wenn sie eine Anleihe emittieren will, kann sie problemlos Geld aufnehmen.» Ein Rating wäre wichtig, wenn der Grossverteiler etwa in den USA Geld aufnehmen wollte. «Auch die weniger bekannte Kiosk-Betreiberin Valora kommt ohne Rating einer internationalen Agentur am Schweizer Kapitalmarkt zu vernünftigen Konditionen zu Geld», sagt Gasser. Die Migros hat zurzeit drei Anleihen im Gesamtwert von 500 Millionen Franken im Umlauf.
Weder Gasser noch die Credit-Suisse-Analystin Heike Halsinger wollen den negativen Ausblick von S & P kommentieren. Man warte die Geschäftszahlen von Ende März ab. Erst dann werde man das Rating neu beurteilen. Neben CS und ZKB benotet auch die Bank Vontobel die Schweizer Unternehmen, die über Anleihen Geld aufnehmen.
Im Gegensatz zu den Ratings der unabhängigen Agenturen kosten jene der Banken nichts. «Gewiss», meint der Anlageexperte Gion Reto Capaul, «braucht es Mut für die Ratingspezialisten der Banken, um gegenüber den mächtigen Schuldnern die Beantwortung von kritischen Fragen einzufordern.» Das Problem bei den Banken sei, dass eine Abteilung Kredite an Schuldner vergebe und eine andere Abteilung dieselben Schuldner benote. «Das kann zu Interessenkonflikten führen», sagt Capaul. Die Kosten hätten bei der Vertragsauflösung keine Rolle gespielt, heisst es bei der Migros. Naef beziffert den Aufwand für S & P auf «mehr als 40'000 Dollar» pro Jahr.
Kritik am Kapitalismus
S & P begründet die Verschlechterung des Ausblicks im Migros-Rating mit dem wachsenden Preiskampf im Schweizer Detailhandel. Auch die Bankanalysten gehen von einem zunehmenden Druck auf die Margen aus – verursacht durch den Verdrängungswettbewerb mit dem Markteintritt von Aldi und Lidl und dem wegen der Euroschwäche wachsenden Einkaufstourismus jenseits der Grenze. Vor diesem Hintergrund schlossen auch die Vontobel-Analysten bereits im Oktober eine Verschlechterung der Bonität der Migros auf mittlere Frist nicht aus. Auch stellten sie eine Ratingrückstufung für den Fall in Aussicht, dass die Profitabilität markant sinken sollte.
Möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, dass die Migros den Vertrag mit S & P aufgelöst hat. Migros-Verwaltungsratspräsident Claude Hauser geisselte unlängst in einem Artikel im hauseigenen «Migros-Magazin» die «Ansammlung all dieser Übel» im kapitalistischen System. Dabei bekamen nicht nur die gierigen Manager und die renditehungrigen Aktionäre ihr Fett ab, sondern auch die Ratingagenturen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.02.2012, 19:22 Uhr
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106 Kommentare
Völlig richtig. Wozu ein Rating für die Migros von diesen überflüssigen Agenturen, die Junk Bonds mit AAA Ratings versehen ? Es reicht, wenn die super teuren (und völlig überbezahlten) Audit Firmen sich die Bücher anschauen. Schlussendlich muss das alles der Konsument bezahlen. Antworten
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