Wirtschaft

Das Ende der Nachtzüge – mitten im Boom

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 03.12.2009 24 Kommentare

Die Nachtzüge nach Italien werden eingestellt. «Unverständlich», sagt ein Schlafwagenschaffner.

Die Nachtzüge der italienischen Bahngesellschaft FS sollen oft in einem desolaten Zustand sein.

Die Nachtzüge der italienischen Bahngesellschaft FS sollen oft in einem desolaten Zustand sein.

Schlafwagenschaffner Lorenzo Tarquini frühstückt im Nachtzug.

Schlafwagenschaffner Lorenzo Tarquini frühstückt im Nachtzug. (Bild: PD)

Nach Feierabend in den Zug steigen und am Morgen in Italien aufwachen. Das geht ab 13. Dezember nicht mehr. Tempi passati, heisst es ab dem Fahrplanwechsel.

Die SBB und die italienische FS begründen die Einstellung der Nachtzüge mit der «seit Jahren rückläufigen Nachfrage sowie der nicht mehr zeitgemässen Qualität des Angebotes». Dem Schlafwagenschaffner Lorenzo Tarquini bleibt da nur das Staunen: «Die Nachtzüge von und nach der Schweiz waren noch nie so gut ausgelastet wie in diesem Jahr.» Der Nachtzug nach Genf sei fast immer voll gebucht. Und die drei Wagen des Zürcher Zugs seien stets voll gewesen – ausser in traditionell schwachen Zeiten wie November. Und ausgerechnet jetzt stelle man diese Züge ein – «unverständlich».

300 Stellen werden gestrichen

Der Römer Lorenzo Tarquini arbeitet seit 1981 als Schlafwagenschaffner, er begleitete unzählige Reisende von Roma Termini nach Zürich, Genf, Paris oder Amsterdam. Netto, nach Abzug der Steuern, trägt er 1500 Euro im Monat nach Hause. Dennoch liebt der 52-Jährige seinen Job und die Abwechslung, die das Reisen mit sich bringt. Nun bangt er um seine Stelle.

Lorenzo Tarquini weiss noch nicht, ob er den Job verliert – genau wie 500 Kolleginnen und Kollegen in Rom. Klar ist nur: Auf Ende Jahr werden 300 Stellen abgebaut. Besser haben es laut Tarquini die bei der SBB-Tochter Elvetino angestellten und für die Liegewagen zuständigen Schweizer; die wüssten bereits, wie sie in Zukunft beschäftigt würden.

Tarquini kann es kaum fassen, dass für die «treni notte» die letzte Stunde geschlagen hat. Auch Passagiere hätten dafür kein Verständnis: «Sie sind geschockt und fragen sich, wie sie in Zukunft reisen sollen.» Und natürlich lasse man seine Wut auch an ihm aus. «In Uniform repräsentiere ich meinen Arbeitgeber, also beschimpft man mich.»

«Frühstück ist eine Zumutung»

Tarquinis Kundschaft ist heterogen; Touristen, Studenten, Emigranten, Berufspendler, Unternehmer – alles sei im Schlafwagen. Einzig klassische Manager fehlten. Die habens eilig und nehmen das Flugzeug. Und Rucksackreisende den günstigeren Liegewagen.

Die «treni notte» seien sehr beliebt, obschon die Bahnen sie seit Jahren vernachlässigt und den Service abgebaut hätten. «Das Frühstück im Schlafwagen ist eine Zumutung: Es gibt Kaffee, Tee oder Schokolade und ein trockenes Gebäck.» Vor sechs Jahren durfte Tarquini daneben noch Jus, Konfitüre, Honig, Cornflakes, Joghurt, Aufschnitt und Käse servieren. «Da war der Gast noch ein Gast.» Zu Recht, findet der Römer, schliesslich sei die Fahrt im Schlafwagen nicht ganz billig. Absurderweise sei das Frühstück im günstigeren Liegewagen, der von der Schweizer Elvetino betreut wird, sogar besser als jenes im Schlafwagen. Und das auf dem gleichen Zug.

Defekte WC`s

«Wer ist denn dafür verantwortlich, wenn das Angebot nicht mehr zeitgemäss ist, wie die Bahnen sagen?», fragt Tarquini rhetorisch. Das Argument sei nichts als zynisch: «Zuerst baut man den Service ab, nachher begründet man damit die Einstellung. Die Entscheide lassen sich rational nicht erklären.» Es sei denn, man wolle ein Produkt absichtlich schlecht machen.

Immerhin funktioniere auf den Zügen in die Schweiz vieles besser als auf jenen nach Paris. Dort mangle es oft an Toilettenpapier, an Seife – und nicht selten sei das WC defekt. «Verspätungen von bis zu einer Stunde sind zudem an der Tagesordnung. Kein Wunder, jeder beliebige Lokalzug wird ja vor dem Nachtzug abgefertigt.» Zum Nachteil der Geschäftsleute, die Termine in Paris wahrnehmen wollen.

Petition gegen die Abschaffung

Dass die Nachtzüge tagsüber in Rom schlecht gewartet würden, wie es in der Schweiz heisst, will Tarquini nicht bestreiten. «Die Leute vom Unterhalt tun, was sie können.» Doch das Personal sei so stark dezimiert worden, dass tatsächlich nicht alles nach Vorschrift gemacht werden könne.

Auch für die Schlafwagenschaffner sei der Druck heute viel grösser als früher. So ist auf der Strecke nach Paris in Zukunft ein Mann für zwei Waggons zuständig.

Eine spannende Sache

«Als ich vor fast dreissig Jahren begonnen hatte, war das ein interessanter Beruf, auch vom Lohn her», erinnert sich Tarquini. «Heute nicht mehr.» Was bleibt, ist die Möglichkeit, immer wieder in einer anderen Stadt Europas zu sein. Für einen kulturell Interessierten eine spannende Sache.

Für Lorenzo Tarquini ist klar: «Die Leute müssten wählen können: Will ich mit dem Nachtzug fahren und eine Übernachtung einsparen, oder will ich fliegen? Aber diese Wahl will man den Leuten nicht mehr geben.» Ihn freut, dass Bahnkunden im Wallis eine Petition gestartet haben, um die Abschaffung der Nachtzüge zu verhindern. Auch wenn dem Römer klar ist, dass dieser Zug schon lange abgefahren ist. Nach Roma Termini, sozusagen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2009, 07:57 Uhr

24

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

24 Kommentare

Heribert Halter

07.12.2009, 21:30 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Finde es auch sehr schade dass die Nachtzüge nach Italien eigestellt werden.Die Bahnen finden immer eine faule Ausrede wenn Sie ein Produkt nicht mehr wollen. Dass Sieht man auch nach Belgien.Die Nachtzüge waren auch meistens sehr gut besetzt wie auch der nach Paris. Antworten


Peter Kauffmann

03.12.2009, 08:34 Uhr
Melden

Bin mehrfach mit diesem Zug gefahren. Ja, die Qualität liess zu wünschen übrig, aber über schlechte Belegung konnte der Zug nicht klagen. Denn dieses Angebot erfüllte ein echtes Bedürfnis. Nun ist man gezwungen, aufs Flugzeug umzusteigen. Wer will schon tagsüber 10 Stunden mit Umsteigen in Mailand und demnächst auch noch im Tessin für diese Strecke aufwenden? Die Einstellung ist unverständlich. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.