«Die Nationalbank hat wie in einem Krieg alle Mittel einzusetzen»

Christoph Blocher forderte den Rücktritt von SNB-Präsident Philipp Hildebrand. Jetzt stellt er sich demonstrativ hinter dessen Kampf gegen den starken Franken. Im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Interview erklärt er seine Beweggründe.

«Wäre er CEO in einem meiner Unternehmen, hätte er gehen müssen»: Christoph Blocher steht weiterhin zu seiner früher geäusserten Rücktrittsforderung an die Adresse von Philipp Hildebrand.

«Wäre er CEO in einem meiner Unternehmen, hätte er gehen müssen»: Christoph Blocher steht weiterhin zu seiner früher geäusserten Rücktrittsforderung an die Adresse von Philipp Hildebrand. Bild: Thomas Burla

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Blocher, hat Ihre Tochter, EMS-Chefin Magdalena, Ihnen nahegelegt, die Nationalbank beim Kampf gegen den starken Franken jetzt doch zu unterstützen, weil die Firma leidet?
Nein. So einfach funktioniert das bei mir nicht. Klar hat die Firma – wie alle Exportunternehmen – wegen des starken Frankens auch Einbussen, aber zugrunde geht sie deswegen nicht.

Bislang kritisierten Sie die Nationalbank für ihre Interventionen am Devisenmarkt und nun fordern sie genau das. Warum dieser plötzliche Richtungswechsel?
Das ist kein Richtungswechsel: Anfang 2010 kaufte die Nationalbank für etwa 130 Milliarden Euro bei einem Kurs von rund 1.40 Franken. Das war leichtsinnig, nutzlos und führte zu einem Verlust von Volksvermögen von über 60 Milliarden. Das ist unverantwortlich. Heute stellt sich die Situation wie folgt dar: Die Nationalbank (SNB) stellte letzte Woche meines Erachtens zu Recht fest, dass der Eurozerfall bei einem Kurs von fast 1:1 «absurd» und «katastrophal» ist und zu einer «Krise» führen werde. Wenn man zu dieser Beurteilung kommt, ist das ernst zu nehmen. Bei diesem Kurs stellt sich die Frage, ob die SNB nicht einen unteren Wendepunkt ins Auge fassen und gegen den schwachen Euro intervenieren muss. Meines Erachtens ist dies ein Krieg gegen den Euro, den man – auf diesem Niveau – gewinnen kann. Die SNB wird darauf keine Verluste mehr haben, aber eine gewisse Gefahr einer späteren Inflation besteht, wenn man später nicht Gegensteuer gibt.

Eben noch forderten Sie die Absetzung von SNB-Präsident Hildebrand. Jetzt stützen Sie ihn.
Nein, ich stütze ihn nicht. Ich unterstütze eine risikoreiche Intervention zugunsten der Schweiz. Ich fordere aber auch, dass entschieden und glaubwürdig gehandelt wird.

Sie sind immer noch der Meinung, dass Hildebrand die Konsequenzen der Ihrer Ansicht nach unnötigen und misslungenen Intervention von vor gut einem Jahr ziehen muss?
Natürlich. Ich wäre an seiner Stelle zurückgetreten. Wäre er CEO in einem meiner Unternehmen, hätte er gehen müssen.

Sie sagen, die Nationalbank muss mit Entschiedenheit handeln. Was meinen Sie damit?
Dass der Euro wegen der europäischen Misswirtschaft fast auf Parität zum Franken fallen konnte, ist extrem. Darum muss man mit Entschlossenheit handeln. Entschlossen heisst: Die SNB erklärt, ein weiteres Absinken nicht zuzulassen und wirft die erforderlichen Mittel ein. Die Marktteilnehmer werden dies testen. Beissen sie auf Granit, beginnt der Kurs zu drehen. Aber nur bei nachhaltiger Entschiedenheit.

Das heisst, Sie stützen die Nationalbank auch dann, wenn sie Hunderte von Milliarden Franken druckt und damit Devisen kauft?
Sie hat wie in einem Krieg alle Mittel einzusetzen. Je entschiedener sie handelt, desto weniger Geld muss sie drucken.

Und wenn es schiefgeht, fallen Sie dann Hildebrand in den Rücken?
Wenn es richtig gemacht wird, sicher nicht. Natürlich ist dies stets ein Risiko. Wenn die Nationalbank ankündigt, sie erwäge alle möglichen Mittel einzusetzen, darf sie auch nicht davor zurückschrecken, dies zu tun.

Und wenn es dennoch schiefgeht?
Wenn die SNB entschieden auftritt, ist die Chance gross, dass es gelingt. Anzeichen sind vorhanden.

Welches Ziel muss die SNB anvisieren?
Die SNB muss für sich einen unteren Wendepunkt festlegen. Ob sie diesen bekannt geben will, muss ich ihr überlassen. Ich würde es an ihrer Stelle nicht tun.

Der Wendepunkt scheint bereits erreicht. Noch vor wenigen Tagen hatten wir praktisch Parität, heute lag der Kurs wieder über 1.10 Franken.
Es sind Anzeichen, dass es funktioniert. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Die Märkte werden noch ein paarmal austesten, wo der Boden ist. Jetzt heisst es durchhalten.

Die Nationalbank agiert per Gesetz unabhängig. Trotzdem haben Sie ihr immer wieder dreingeredet, ja gar Hildebrands Rücktritt gefordert. Wie halten Sie es denn nun mit der Unabhängigkeit?
In ihrem Kernauftrag, nämlich als Verantwortliche für die Geldversorgung und als Hüterin der Geldwertstabilität, ist die Unabhängigkeit richtig. Spekulative Käufe gehören nicht dazu. Da braucht es eine Aufsicht. Die SVP hat entsprechende Vorstösse eingereicht. Übrigens: Unabhängigkeit verbietet nicht Kritik.

Und darum wollen Sie hier mitreden? Sehen Sie doch, was jetzt passiert. Es gibt eine breite Debatte unter Einbezug der Ökonomen, der Politiker, der Betroffenen über die aktuelle Lage. Es ist gut, wenn die Nationalbank breite Unterstützung für eine so heikle Angelegenheit bekommt.

Was meinen Sie mit heikel?
Mit der Ausweitung der Geldmenge erhöht sich die Gefahr von Inflation. Also Geldentwertung. Das ist sehr heikel. Das muss öffentlich diskutiert werden, damit die Leute wissen, worauf man sich einlässt. Und dass man später auch alles tun wird, um eine Teuerung zu verhindern. Das heisst, das gedruckte Geld muss wieder reduziert werden. Vor einem Jahr in einer ganz anderen Situation agierte Philipp Hildebrand quasi in Eigenregie und im Dunkeln. Es gab keine Debatte, worin auch die Konsequenzen dieses Handels offen gezeigt worden wären. Ich glaube nicht, dass sie sonst passiert wäre.

Sie sind also bereit, Ihren Wählern zu sagen, wir müssen nun eingreifen, mit dem Risiko, dass Sparern und Rentnern das Geld per Inflation unter den Fingern wegrinnt?
Natürlich gibt es die Schlaumeier, die sagen, es gäbe sicher keine Inflation. Wenn eine Krise droht und man in ausserordentlicher Situation ausserordentliche Massnahmen ergreift, muss man auch sagen, was die Risiken dabei sind. Damit man später die Nachteile verhindert.

FDP-Nationalrat Ruedi Noser verlangt von der SVP eine Entschuldigung dafür, dass sie den SNB-Präsidenten persönlich angegriffen hat.
Jetzt ist Wahlkampf. Wer 60 Milliarden Volksvermögen leichtsinnig verprasst, hat die Konsequenzen zu tragen, auch wenn diese Person aus Ruedi Nosers Filz stammt.

Gestern erschien die neuste «Weltwoche» mit einem Bekenntnis für eine Intervention der Nationalbank. Haben Sie sich mit Roger Köppel abgesprochen?
Nein. Ich habe gesehen, dass Kurt Schildknecht – den ich sehr schätze – über die Angelegenheit geschrieben hat. Gelesen habe ich es noch nicht.

Wer berät Sie in diesen technisch komplexen Fragen wie Geld- und Währungspolitik?
Ich informiere mich über Zeitungen und rede mit vielen Personen, die etwas verstehen und stütze mich auf meine Lebenserfahrung: Die heutige Situation ist ja nicht neu.

Reden Sie mit Martin Ebner darüber?
Selbstverständlich rede ich auch mit ihm. Wer mir übrigens besonders Eindruck macht, ist der grosse Währungsspezialist Professor Ernst Baltensperger. Ein ausgewiesener, bewährter Kenner dieser Materie. Ich rede mit Leuten aus Banken und Politik und – wenn ich ihn sehe – auch mit Philipp Hildebrand. Es geht um die Sache und nicht um Köpfe. Aber für eine gute Sache braucht es auch fähige Köpfe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.08.2011, 22:39 Uhr)

Artikel zum Thema

Blocher macht auf Tea Party

Es musste ja so kommen: Blocher will mit Steuergeschenken für die Superreichen gegen den starken Franken kämpfen. Ein Kommentar. Mehr...

«… und wieder produziert Blocher etwas Wind»

Zankapfel Franken: Auf die Forderungen von SVP und FDP, Steuern zu senken und beim Staat zu rationalisieren, reagierten viele Leserinnen und Leser mit Unmut – und dem Vorwurf von Profiteur-Politik. Mehr...

Christoph Blocher und der Gotthard-Mythos

Alt-Bundesrat Christoph Blocher sprach vor dem Gotthard-Hospiz über die Unabhängigkeit der Schweiz. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete über die wichtigsten Reden. Mehr...

Werbung

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen: Am 26. und 27. Mai findet in der japanischen Stadt Shima der G7 Gipfel statt. Das Hotel Kanko wird schon im Vorfeld streng überwacht. (25. Mai 2016)
(Bild: Issei Kato) Mehr...