Post verkauft Wartezeit ihrer Kunden

Den Verkauf von Kioskartikeln musste die Post aufgeben. Die Wartezeit ihrer Kunden bietet sie dennoch an – zum Ärger der Konsumentenschützer.

Keine Wartezeiten, keine Werbung, nur Briefkästen: Postumbau 2014 in Winterthur.  Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Keine Wartezeiten, keine Werbung, nur Briefkästen: Postumbau 2014 in Winterthur. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Auf belebten Plätzen und in Fussgängerzonen gehören sie in Schweizer Städten zum Strassenbild: Junge Menschen in farbigen Jacken, die neue Spender für Hilfswerke suchen. Ihre Arbeit ist nicht immer einfach, da viele Passanten ihnen bewusst aus dem Weg gehen. Anders ist das auf den Poststellen. Wer dort darauf wartet, bedient zu werden, kann nicht vorgeben, keine Zeit zu haben.

Spendensammler können davon ­profitieren: Sie mieten bei der Post eine sogenannte Promotionsfläche und versuchen, die wartenden Kunden für ihr Anliegen zu begeistern. In grösseren Poststellen wie etwa der Zürcher Sihlpost oder der Berner Schanzenpost kostet das pro Tag 400 Franken, an etwas weniger frequentierten Standorten 300 Franken. Steuerbefreite Organisationen erhalten einen Rabatt von 25 Prozent, wie es in einer Broschüre der Post heisst.

Dabei macht die Post auch keinen Hehl daraus, dass sie eigentlich die Zeit verkauft, die sie ihre Kunden warten lässt. Von einer «grossen Zahl von ­potenziellen Kunden in geschützter und entspannter Atmosphäre» ist auf der Internetsite die Rede, auf der die Promotionsflächen angepriesen werden. Spendensammlern und anderen Firmen, die in Postfilialen für ihr Produkt oder ihre Dienstleistung werben wollen, wird ­dabei klargemacht: «Hier haben die Kunden ein bisschen Zeit.»

Ärgern sich die wartenden Kunden denn nicht darüber, wenn sie in den Postfilialen von Spendensammlern angesprochen werden? Post-Mediensprecher Bernhard Bürki verweist dazu auf die Bedingungen, die bei der Benutzung der Postfilialen zu Promotionszwecken eingehalten werden müssen. So dürften etwa nur zwei Personen gleichzeitig im Schalterraum für eine Sache werben. Untersagt ist aber auch sogenanntes Hardselling, also aggressive Verkaufsmethoden. Halten sich die Spendensammler nicht an die Vorgaben, kann die Werbeaktion zudem jederzeit von der Post gestoppt werden. Bisher habe es nur ganz wenige Reklamationen wegen Spendensammlern in Postfilialen gegeben, sagt Bürki.

Weniger entspannt gehen allerdings Kundenvertreter mit dem Thema um. Sie könne zwar nachvollziehen, dass die Post nach zusätzlichen Einnahmequellen suche, sagt Cécile Thomi von der Stiftung für Konsumentenschutz. Dass sie dazu aber die Wartezeit ihrer Kunden vermarkte, gehe nicht an. «Die Filialen müssen den Menschen dazu dienen, ihre Postgeschäfte in Ruhe abzuwickeln, ohne dass sie dabei von Werbung bedrängt werden.» Die Vermarktungsaktionen gingen in dieselbe Richtung wie das Kioskangebot in den Postfilialen, das der Konsumentenschutz erfolgreich ­bekämpft habe.

Teurer Verzicht auf Krimskrams

Vergangenen November hat die Post beschlossen, in ihren Filialen den Verkauf verschiedener Drittprodukte wie Süssigkeiten, Spielwaren oder Heimelektronik einzustellen. Davor hatten Konsumentenschutz und Politik diesen «Krimskramsverkauf», wie er genannt wurde, immer lauter kritisiert. Deshalb sah sich die Post schliesslich gezwungen, das Drittwarensortiment zu verkleinern. Und dies, obwohl sie mit den Produkten einen jährlichen Umsatz von rund 500 Millionen Franken erzielt hat. Die Post geht nun davon aus, dass sie in den Poststellen, die 2014 gemäss Jahresbericht ein Defizit von rund 100 Millionen Franken eingefahren haben, die Umsatzzahlen der letzten Jahre nicht mehr erreichen wird.

Bereit zur Intervention

Mit Promotionsangeboten könne das Defizit etwas verkleinert werden, sagt Mediensprecher Bürki. Wie hoch die Einnahmen daraus sind, gibt die Post allerdings nicht bekannt. Der Konsumentenschutz verfolgt die Promoaktionen jedenfalls aufmerksam: «Wir schliessen nicht aus zu intervenieren, sollten sich die Kunden vermehrt bei uns beschweren», sagt Thomi. Die Abschaffung der Postkioske habe gezeigt, dass solche Interventionen erfolgreich sein könnten.

Dass Postfilialen durchaus attraktive Standorte sein können, um potenzielle Spender anzusprechen, bestätigt die Corris AG in Zürich. Corris ist eine jener Firmen, die im Auftrag von Hilfswerken und Nonprofitorganisationen nach Spendern sucht. «Wir nutzen jene Standorte, an denen eine ausreichend grosse Zahl von Kontakten zu potenziell neuen Spendern möglich ist und die Leute auch bereit sind, sich auf ein Gespräch einzulassen», sagt Corris-Sprecher Bernhard Bircher-Suits.

Corris arbeite seit Jahren mit der Post zusammen und miete Promotionsflächen. Man weise die Angestellten an, höflich und mit einer gewissen Zurückhaltung auf die wartenden Postkunden zuzugehen. «Es liegt weder in unserem Interesse noch in jenem unserer Auftraggeber, wenn sich Leute in den Poststellen bedrängt fühlen», betont Bircher-Suits. Ziel sei es schliesslich, Spender zu finden, welche eine Organisation auf längere Frist hinaus finanziell unterstützen. Das korrekte Verhalten der Angestellten werde im Übrigen durch Testpersonen laufend überwacht.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.02.2016, 22:39 Uhr)

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