Wirtschaft

«Die Rezession ist bereits seit dem vergangenen Sommer vorbei»

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 27.01.2010

Der Chefökonom der Swiss Re beurteilt die Risiken der USA und Präsident Obamas Krisenmanagement.

«Obama hat seinen Job nicht schlecht gemacht»: Kurt Karl.

«Obama hat seinen Job nicht schlecht gemacht»: Kurt Karl.

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Ein kühler Kopf

In der schweren Rezession von 2008/09 behielt Kurt Karl kühlen Kopf. Der Chefökonom der Swiss Re lag mit seinen Prognosen für die US-Wirtschaft deutlich besser als die meisten Kollegen, wie eine Auswertung von Bloomberg zeigt. Von 65 Ökonomen lieferte er die präziseste Voraussage für die Inflation und die Leitzinsen der Notenbank ab. Insgesamt erreichte er mit seiner Trefferquote den dritten Platz, übertroffen nur vom Goldman-Sachs-Team um Jan Hatzius und der United Overseas Bank in Singapur um Thomas Lam.

Der 57-jährige Karl stiess 2000 zur Swiss Re, nachdem er unter anderem als Ökonom in Grossbritannien, Südafrika und Thailand tätig gewesen war. Bei der Swiss Re ist er verantwortlich für eine monatliche Wirtschaftsprognose für die USA, für die preisgekrönten Sigma-Analysen der Versicherungsbranche sowie für die Risikoberatung der internen Investmentabteilung. (wn)

In Ihrer globalen Risikoanalyse für 2010 rangieren wirtschaftliche Bedrohungen ganz oben. Wie gross ist die Gefahr, dass die USA in eine zweite Rezession zurückfallen?
Der Aufschwung ist in vollem Gang, wir erwarten ein Wachstum von 2,8 Prozent in diesem Jahr und von 3,7 Prozent im nächsten. Das Risiko einer erneuten Rezession nimmt ab, wir sehen es nicht höher als bei 15 Prozent. Positiv dürfte überraschen, wie viele neue Stellen die US-Wirtschaft schaffen wird: übers ganze Jahr wahrscheinlich rund 1,5 Millionen neue Jobs.

In der Rezession wurden aber mehr als sieben Millionen vernichtet.
Wir müssen uns auf eine langsame Erholung einstellen. Es wird mindestens fünf Jahre dauern, bis die verlorenen Stellen wettgemacht sind.

Wie lange dauert die Rezession in den USA noch?
Die Rezession ist gemäss unserer Analyse bereits seit dem vergangenen Sommer vorbei.

Teilen sie die Kritik an Präsident Obama, dass er zu wenig gegen die Folgen der Krise getan habe?
Gemessen daran, welch schlechte Karten er zu Amtsbeginn erhielt, hat er seinen Job nicht schlecht gemacht. Ich finde es bemerkenswert, wie es ihm gelungen ist, uns aus der Krise – immerhin einer Beinahe-Depression – herauszuführen. Das Vertrauen an den Finanzmärkten kehrt zurück, und die Kurse steigen auf breiter Front. Die USA wachsen, China noch schneller, und auch Europa setzt langsam zur Erholung an. 2010 ist ein Übergangsjahr.

Bill Gates erklärte, dass die USA Jahre bräuchten, um die Wirtschaftsschwäche zu überwinden, und dass es Steuererhöhungen brauche, um das Budget zu sanieren. Gleichzeitig schlug Obama einen Ausgabenstopp für drei Jahre vor. Wie riskant ist die Finanzlage der USA?
Die steigenden Schuldenberge sind nicht nachhaltig, weil sie über kurz oder lang zu höherer Inflation führen können und das Wirtschaftswachstum belasten. Es ist uns allerdings schon einmal gelungen, das Budget zu sanieren. In den 1990er-Jahren konnte dank grosser Disziplin ein Minus von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung in ein Plus von zweieinhalb Prozent gedreht werden. Heute gibt es ausreichend Spielraum, die Ausgaben zu senken; anderseits ist die Steuerlast wegen der Krise deutlich gesunken. Der Gedanke von Bill Gates ist nicht abwegig, auch wenn ich kein Freund von höheren Steuern bin.

Der Senat tut sich schwer, Notenbankchef Ben Bernanke zu bestätigen. Welches wäre die Risiken einer Abwahl?
Sollte er abgewählt werden, würden die Finanzmärkte einen Riesenschock erleiden. Allerdings deuten die Märkte darauf hin, dass er bestätigt wird.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich der US-Dollar weiter entwertet?
Nur bei fünf bis zehn Prozent. Die Logik spricht sogar dafür, dass sich der Dollar erholt. China und andere asiatische Länder haben ihre Währungen an den Dollar angebunden und sich abgesichert. Das grösste Risiko sehe ich für den Euro und den Schweizer Franken, sollte der Dollar erneut absinken. Dann wird es für Europa fast unmöglich, zu exportieren.

Seit den Bretton-Woods-Verträgen von 1944 ist es das erste Mal, dass die führenden Regierungen eine umfassende Reform des globalen Finanzsystems anpeilen. Was sind die Risiken, wenn diese scheitert?
Ich glaube, dass die Reformen anlaufen und dass sie nicht allzu schnell angegangen werden. Das Risiko zu rascher Reformen liegt immer darin, dass sie überborden und die Kapitalkosten der Finanzindustrie zu stark erhöhen. Gerade in den USA gibt es bereits eine Menge von Kontrollbehörden und Vorschriften. Das Problem sind nicht die Regelwerke, sondern dass sie nicht durchgesetzt wurden und niemand die Gesamtsicht wahrnimmt. Wir fordern, dass die Staaten eine Risikoabschätzungsbehörde schaffen. Sie soll neben Finanz- und Wirtschaftsrisiken auch Bedrohungen durch Naturkatastrophen, Terrorismus sowie technologische und und soziale Umwälzungen beurteilen und verbinden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2010, 04:00 Uhr

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