Wirtschaft

Die Sorge vor dem grossen Kater

Von Oliver Meiler und David Nauer. Aktualisiert am 06.01.2010

2009 profitierte Europas Autoindustrie von staatlichen Zuschüssen. Für 2010 sind die Prognosen weniger gut.

Rekordverkäufe dank Abwrackprämie: Gepresste Autoteile auf einem Schrottplatz in Deutschland.

Rekordverkäufe dank Abwrackprämie: Gepresste Autoteile auf einem Schrottplatz in Deutschland.
Bild: Keystone

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Mag die Wirtschaft insgesamt auch froh sein, dass das Jahr 2009 vorüber ist: Die europäische Autoindustrie hofft nichts inständiger, als dass sich 2010 etwa so gut anlasse wie 2009. In allen drei grossen Produktionsländern Europas registrierten die Autobauer stattliche Absätze, einige gar Rekordverkäufe. Die Überraschung mitten in der grössten Krise seit Jahrzehnten ist höchstens eine halbe. Die andere Hälfte des Erfolgs ist den staatlichen Abwrackprämien geschuldet.

In Frankreich betrug die Prämie während eines ganzen Jahres 1000 Euro. Vor allem darum, so schätzen Analysten, wurden im letzten Jahr 2,27 Millionen Neuwagen immatrikuliert – ein Plus von 11 Prozent. In absoluten Zahlen ist das das beste Resultat seit 1990. Um Weihnachten stieg der Absatz gar um 40 Prozent.

Skoda und VW sind beliebt

Für einige Genugtuung sorgt in Frankreich, dass sich die heimischen Häuser am besten hielten. Das liegt auch daran, dass Peugeot, Citroën und Renault im Segment der in Krisenzeiten gefragten sparsamen Kleinwagen traditionell stark sind. Die drei Marken steigerten ihren Marktanteil auf knapp 54 Prozent. Citroën allein kontrolliert 15 Prozent des Marktes – so viel wie seit 1966 nicht mehr. Nun hat der Staat aufs neue Jahr den Zuschuss um 300 auf 700 Euro verringert – und die Autokonzerne bangen um ihre Rekorde. Renault will den Ausfall bis Ende Februar aus der eigenen Kasse ausgleichen. Citroën verdoppelt die Prämie gar auf 1400 Euro.

Auch in Deutschland herrscht nach dem Hochgefühl die Angst vor dem grossen Kater. Rund 3,8 Millionen Neuwagen sind 2009 verkauft worden – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Fast zwei Millionen Automobilisten haben die Prämie von 2500 Euro kassiert. Die meisten kauften sich kleinere Autos. Besonders beliebt: Modelle des Wolfsburger VW-Konzerns sowie der VW-Tochter Skoda.

Deutschland: «Es wird grausam»

Seit das Programm Anfang September auslief, berichten einzelne Händler von Absatzeinbrüchen. Auch fürs kommende Jahr sieht Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer schwarz: «Das Jahr 2010 wird grausam.» Die Verkaufszahlen könnten um bis zu 50 Prozent zurückgehen. Mehrere Tausend Autohändler stehen vor dem Aus, glaubt der Duisburger Professor. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet mit einem Rückgang von bis zu einer Million.

Doch nicht alle Fachleute sind so pessimistisch. «Der Markt fällt 2010 bei Weitem nicht so tief, wie er 2009 ohne die Abwrackprämie gefallen wäre», sagt der Münchner Autoexperte Helmut Becker. Die staatliche Hilfe habe den deutschen Autobauern einen Vorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz gebracht. Sie hätten nun die nötige Kraft für neue Strukturen und Produkte. Dies werde sich bald auszahlen.

Italien: Jedes dritte Auto ein Fiat

In Italien, wo der Staat strengere Bedingungen an die Verschrottungsprämie geknüpft hatte, konnte der Automarkt 2009 lediglich das Resultat von 2008 halten: 2,16 Millionen Auto wurden neu immatrikuliert; 900'000 Wagen, die über zehn Jahre alt waren, wurden dafür aus dem Verkehr gezogen. Erfolg hatten methanbetriebene und elektrische sowie kleinere Autos, deren Verkauf besonders gefördert wurde. Recht zufrieden ist man auch in Turin: Die Fiat-Gruppe vermeldete am Montag, dass sie ihren Absatz im letzten Jahr um knapp 3 Prozent steigern konnte und wieder ein Drittel des nationalen Automarktes halte. Dem Titel bescherte das an der Mailänder Börse schöne Sprünge. Noch wirkt wohl der Überraschungseffekt der guten Zahlen – aus dem Krisenjahr 2009.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2010, 04:00 Uhr

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