Wirtschaft
Die Sprachprobleme zwischen Bankern und Kleinaktionären
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 03.05.2010
Artikel zum Thema
- CS-Chef Brady Dougan irritiert selbst an der Wallstreet
- Dougan: Ohne Boni nicht so erfolgreich
- Nationalrat sagt Nein zur Bonussteuer
- Ständeräte wollen nur mit Bonussteuer gegen die Abzocker-Initiative antreten
- Nationalrat will keine Bonussteuer
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
«Nimm das Geld und schweig!», riet vor Jahren ein Kommunikationsfachmann dem Präsidenten einer Grossbank. Obwohl die Beträge damals noch kleiner waren, sah der Experte glasklar, dass Millionenausschüttungen nicht kommunizierbar sind – weil ihnen jede rationale, ökonomische und soziale Logik fehlt.
Lohnsystem nicht verstanden
Kaum ein Banker hat den Rat beherzigt. Immer wieder versuchen sie zu erklären, was nicht erklärbar ist. Neustes Anschauungsmaterial lieferte die Credit Suisse (CSGN 23.9 -0.42%) an ihrer Generalversammlung vom letzten Freitag. Aziz Syriani, Präsident des Vergütungsausschusses im Verwaltungsrat der Grossbank, redete von einem «verantwortungsbewussten und austarierten» Entschädigungsansatz. Eine knappe halbe Stunde lang erklärte er den Aktionären die Vergütungspolitik der Bank – mit dem Effekt, dass anschliessend mehrere Kleinaktionäre bekannten, das System nicht verstanden zu haben.
Es waren kaum die Dümmsten, die das im Hallenstadion zuzugeben bereit waren. Und vermutlich waren sie sich der Doppeldeutigkeit ihres Bekenntnisses bewusst: Die äusserst komplexen Bonuspläne der CS sind technisch kaum nachvollziehbar. Aber auch wer die Mechanismen begriffen hat, begreift eben noch lange nicht, weshalb Konzernchef Brady Dougan für ein einziges Jahr (2004) einen Bonus von 71 Millionen Franken erhält.
1 Dougan 500'000 Näherinnen
Da kann Präsident Hans-Ulrich Doerig seinen Konzernchef noch lange zu verteidigen suchen («Jetzt muss ich Herrn Dougan aber in Schutz nehmen.»). Da kann Doerig noch lange erklären, dass die Credit Suisse verglichen mit andern Banken hervorragend abschneide. Er kann noch lange erzählen, der Verwaltungsrat übernehme Verantwortung und nehme die Aktionäre ernst. Die Aktionäre buhten ihn aus. Sie nahmen ihm die Worte nicht ab. Sie wollten Taten sehen.
Gegen die Rechnung, dass Dougan gleich viel verdient wie 500'000 Näherinnen in der Dritten Welt, ist nicht anzukommen. Doerig schwieg. Gegen den Vorbehalt, dass die Credit-Suisse-Chefs selbst dann noch je 5 Millionen Franken bekommen, wenn sie eine katastrophale Leistung erbringen, gibt es kein Gegenargument. Doerig schwieg. Nach rund 3 Stunden Debatte sagte er leicht resigniert ins Mikrofon: «Natürlich wissen wir um die Befindlichkeit in der Schweiz. Aber wir müssen uns den internationalen Gegebenheiten anpassen.» Die Konkurrenz zahlt hohe Boni. Deshalb müssen alle andern mitziehen.
Das ist das wichtigste Argument der Spitzenbanker. Ein Sachzwang. «Die meisten Sachzwänge», zitierte ein Kleinaktionär den ehemaligen deutschen Politiker Erhard Eppler, «sind Denkzwänge.» Und er rief Doerig dazu auf: «Befreien Sie sich von diesem Denkzwang! Suchen Sie Spitzenleute, die bereit sind, zu anderen Löhnen zu arbeiten. Gehen Sie das Wagnis ein und machen Sie sich zum Vorläufer einer neuen Unternehmenskultur.»
Aneinander vorbeigeredet
Wenn die Debatten über die Millionenboni an den Generalversammlungen der beiden Grossbanken eines gezeigt haben, dann das: Es wurde stundenlang geredet, stundenlang aneinander vorbeigeredet, verstanden hat man sich nicht. «Sie kommen mir vor wie Götter im Finanzhimmel», sagte eine Aktionärin und Pfarrerin zu den CS-Vertretern auf dem Podest. Und sie appellierte an die entrückten Banker: «Sie, die Sie dort oben sind, kommen Sie zurück in unsere Gemeinschaft!»
Doerig hörte stundenlang zu, um nach der Abstimmung über den Vergütungsbericht zu sagen: «Eine verantwortungsvolle Entschädigung ist uns wichtig.» Man werde künftige Bonusprogramme verbessern, «um noch breitere Unterstützung zu erhalten». Die Prognose sei erlaubt: nächstes Jahr ähnliche Boni, gleiche Debatte, keine Annäherung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.05.2010, 23:40 Uhr



