Die Strombranche büsst für eigene Sünden

Nur der tiefe Strompreis sei schuld an ihrer Misere, sagen die Schweizer Energiekonzerne. Das ist Unsinn.

Die Branche leidet, Stauwerke wie Grande Dixence stehen zum Verkauf. Foto: Andrée-Noëlle Pot (Keystone)

Die Branche leidet, Stauwerke wie Grande Dixence stehen zum Verkauf. Foto: Andrée-Noëlle Pot (Keystone)

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Milliardenabschreiber, Entlassungen, Schuldenberge, Teilverkäufe: Bei den Schweizer Stromkonzernen ist der Ausnahme- zum Normalzustand geworden. Wieder einmal muss ein Energieunternehmen den Wert seiner Anlagen korrigieren, wieder einmal sind die Jahreszahlen tiefrot. Mit dem Entscheid von Alpiq, einen Teil seiner Wasserkraftanlagen zu verkaufen, hat die Krise nun eine neue emotionale Dimension angenommen. Die Probleme von Alpiq, Axpo und Co. waren zwar vorher schon bekannt, sie blieben aber immer mehr oder weniger abstrakt. Jetzt hat Alpiq dazu ein konkretes Bild geliefert: die kostbaren Schweizer Stauseen, die in die Hände von Investoren übergehen.

Verantwortlich für ihre desolate Lage sei, so wiederholen die Konzerne gebetsmühlenartig, der tiefe Energiepreis. Tatsächlich hat der Preiszerfall auf dem europäischen Strommarkt absurde Ausmasse angenommen. Schon einige Male glaubte die Branche, die Talsohle sei nun endlich erreicht. Und musste dann zuschauen, wie es noch weiter bergab ging.

Zu behaupten, es sei nur der tiefe Preis, der die Konzerne vom Himmel in die Hölle beförderte, ist allerdings Unsinn. Denn jahrelang konnte die Branche ihre Geschäfte unter himmlischen Bedingungen betreiben. Nach der Jahrtausendwende verdiente sie viel Geld, indem sie mit billigem, ausländischem Atom- oder Kohlestrom Wasser in die Stauseen hochpumpte und damit zu Spitzenzeiten eigenen, teuren Strom produzierte. Seit der Jahrtausendwende hat sich der verteilbare Gewinn der Strombranche so mehr als verachtfacht. Anstatt mit den Milliarden die Energiewende nachhaltig zu planen, investierten gerade die grossen Konzerne aber in den Bau von Kohle- und Gaskraftwerken im Ausland – bis diese wegen der sinkenden Strompreise zum Verlustgeschäft wurden.

Frohen Mutes auf zu neuen AKW

Zugegeben: Dass es zu einem Preiszerfall in diesem Ausmass kommen würde, war nicht vorhersehbar. Dass die Energiewende ansteht und den Markt von Grund auf verändern wird, aber schon – und zwar bereits vor dem Unglück in Fukushima 2011. In Deutschland etwa wurde die Energiewende nicht wie fälschlicherweise oft behauptet nach der Atomkatastrophe eingeleitet, sondern bereits in den Jahren zuvor. Die Schweizer Stromkonzerne hingegen planten 2011 immer noch frohen Mutes neue Atommeiler. Als hätte sich seit 1969, als in Beznau das erste Schweizer AKW in Betrieb ging, nichts geändert. Ebenfalls unsinnig ist es, für den Absturz des Strompreises allein die Subventionen für erneuerbare Energien verantwortlich zu machen. Namentlich die hohen Einspeisevergütungen für Wind- und Solarenergie in Deutschland führten zu einem Stromüberschuss und reduzierten das europäische Preisniveau, monieren viele. Doch erstens werden nicht nur Wind- und Solarenergie subventioniert, sondern indirekt auch Kohle- und Atomkraft, weil ihre Produzenten nicht für die langfristigen Kosten aufkommen müssen, die sie verursachen. Zweitens gibt es noch andere, weit wichtigere Faktoren, die den Energiepreis nach unten drücken. So ist der Stromverbrauch in Europa gesunken, und die Amerikaner setzen heute auf Fracking statt Kohlekraft. Die Folge: Der Preis für Kohle ist eingebrochen, weshalb dreckige Kohlekraftwerke zu enorm tiefen Preisen Energie produzieren können und länger am Netz bleiben als geplant.

Ausserdem ist nicht nur die Kohle zu billig, sondern auch die Umweltverschmutzung durch CO2, weil der Emmissionshandel nicht funktioniert. In der Schweiz werden die CO2-Abgaben zudem nur auf Brennstoffe erhoben, nicht aber auf Strom. Ein CO2-Preis auch für Dreckstrom, also ein Aufschlag auf Strom aus nicht erneuerbaren Quellen, hätte eigentlich in die Energiestrategie 2050 einfliessen sollen. Er wurde dann aber von den Räten wieder gekippt.

Vom Tisch ist die Idee aber nicht, sie kann in der zweiten Etappe der Energiestrategie wieder aufgenommen werden. Das ist dringend nötig, denn tatsächlich könnte die Dreckstrom-Abgabe viele Probleme lösen. Der importierte Kohlestrom verteuerte sich automatisch. Und die einheimische, saubere Wasserkraft wäre wieder wettbewerbsfähig. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2016, 20:55 Uhr)

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