Wirtschaft

Die Superreichen sind anders

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 09.11.2010 28 Kommentare

Bei der Steuerinitiative, die bald vors Volk gelangt, geht es nicht nur um Geld. Es geht auch um den Einfluss einer Geld-Oligarchie auf die Gesellschaft.

Grösstverdiener unter sich: Tennis-Weltstar Roger Federer und Credit-Suisse-Chef Brady Dougan arbeiten zusammen (Archivbild).

Grösstverdiener unter sich: Tennis-Weltstar Roger Federer und Credit-Suisse-Chef Brady Dougan arbeiten zusammen (Archivbild).
Bild: Keystone

«Die Reichen sind anders als du und ich», sagt die Romanfigur Nick Carraway in Scott Fitzgeralds «Great Gatsby». Das veranlasste Ernst Hemingway zur sarkastischen Replik: «Ja, sie haben mehr Geld.» Der Dialog der beiden amerikanischen Schriftsteller hat so nie stattgefunden. Trotzdem wurde er weltberühmt, denn er trifft ins Schwarze. Die Frage «Sind Superreiche ein Fluch oder ein Segen für eine Nation?» treibt derzeit wieder einmal die Schweiz um.

Die Einkommensverteilung eines Landes lässt sich mit einer komplizierten Formel messen. Sie heisst «Gini-Koeffizient», benannt nach ihrem gleichnamigen Erfinder, einem italienischen Ökonomen. Ein Gini-Koeffizient von 0 steht dabei für vollkommene Gleichverteilung, ein Koeffizient von 1 ist würde der maximalen Ungleichheit entsprechen. In der Schweiz steigt der Gini-Koeffizient an, wie auch in den meisten modernen Gesellschaften. Schuld daran ist die Globalisierung. Sie hat zu einer «Gewinner-kriegen-alles»-Wirtschaft geführt.

Millionen-Gagen in immer mehr Branchen

Das «Gewinner-kriegen-alles»-Prinzip lässt sich in seiner reinsten Form im Sport- oder Showbusiness beobachten. Die Stars sind heute Weltstars. Eine Lady Gaga oder ein Roger Federer kennt man von Kasachstan bis in die Karibik. Dementsprechend hoch ist ihr Einkommen. Von Roger Federer konnte man soeben erfahren, dass er dieses Jahr allein mit seinen Werbeverträgen rund 40 Millionen Franken verdienen wird.

In Sport- und Showbusiness ist das «Gewinner-kriegen-alles»-Prinzip besonders ausgeprägt. Es beginnt sich aber auch in allen anderen Branchen durchzusetzen. Manager verdienen ein Hundertfaches des Durchschnittslohnes, Banker erhalten Boni in astronomischen Höhen, etc. Das Resultat ist eine neue globale Geld-Oligarchie.

Ein Segen für die öffentlichen Kassen

Als Steuerzahler sind diese Superreichen sehr begehrt. Rein wirtschaftlich betrachtet ist das auch logisch: Selbst wenn die Superreichen prozentual immer weniger von ihrem Einkommen und Vermögen an den Fiskus abliefern müssen, fällt dabei immer mehr ab. So gesehen scheint auch der Steuerwettbewerb unter den Schweizer Kantonen logisch zu sein. Wem es gelingt, Superreiche anzulocken, der ist seine Sorgen los. Schliesslich zahlen diese Superreichen in Franken und Rappen gemessen überdurchschnittlich viel mehr als wir Mittelständler. Linke und Gutmenschen mögen sich an der Gerechtigkeitsfrage stören. Doch wen kümmert das? Wir sind Realisten. Wer rechnet, der sagt mit der «Weltwoche»: «Reiche und Superreiche – herzlich willkommen».

Superreiche in ihrem eigenen Kosmos

Dummerweise sind die Reichen aber wirklich anders. Das kann man etwa an der Stellung der Bankiers in der Gesellschaft verfolgen. Hans Bär beispielsweise ist bis heute der Inbegriff eines Zürcher Gentleman-Bankers. Sein Vater war ETH-Professor, seine Mutter Naturwissenschaftlerin. Die gleichnamige Privatbank leitete sein Onkel. Bär beschreibt in seiner Biografie, wie unbedeutend die Einkommensunterschiede im gehobenen Bürgertum zu dieser Zeit waren. Es gab so etwas wie eine Gemeinschaft. Im Hause Bär verkehrten Professoren, Banker, Künstler und Politiker auf Augenhöhe. Man kannte sich aus Partei, Sport- oder Kunstvereinen, etc. Schon damals gab es Einkommensunterschiede, aber diese spielten erstens keine Rolle und wurden zweitens vertuscht. Die Bärs hatten beispielsweise zwei identische Autos, damit es nicht auffiel, dass es zwei waren.

Damals verdiente ein Banker möglicherweise doppelt so viel wie ein ETH-Professor, heute kann es auch ein bisschen mehr sein, beispielsweise wenn man Brady Dougan heisst und als Chef der CS im laufenden Jahr über 90 Millionen Franken einstreicht. Die neue Finanz-Oligarchie ist nicht mehr ein Teil des Zürcher Establishments, man kennt sich nicht mehr aus Partei, Sport- oder Kunstverein. Die neuen Superreichen haben sich in eine Parallelwelt abgemeldet. An den Ufern des Zürichsees und rund um Zug entstehen Reichen-Ghettos, aus denen die Einheimischen allmählich vertrieben werden. In Wollerau spricht man von einen «Russen-Hügel», einem noblen Quartier, wo die Läden meist herabgelassen sind, weil niemand zuhause ist. In Zug verlassen bekanntlich mehr Schweizer den Kanton als zuwandern.

Lehren aus der Geschichte des Reichtums?

Superreiche hat es im Lauf der Geschichte immer wieder gegeben. Arnold Toynbee, einer der bedeutendsten Historiker des letzten Jahrhunderts, hat sein Leben lang untersucht, warum Zivilisationen zerfallen. Dabei hat er Aufstieg und Zerfall von 21 Hochkulturen studiert. Toynbee konnte dabei kaum Gemeinsamkeiten feststellen. Ein Merkmal sticht jedoch bei allen untergehenden Hochkulturen hervor: Sie alle hatten eine extreme Konzentration von Reichtum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2010, 11:20 Uhr

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28 Kommentare

Fabian Berger

09.11.2010, 16:11 Uhr
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Da Herr Toynbee nur untergegangene Hochkulturen untersuchte, wäre es doch interessant zu wissen, was das gemeinsame Merkmal noch bestehender Hochkulturen ist. Ansonsten hat die Aussage im letzten Abschnitt keine Bedeutung. Antworten


Andy Vogel

09.11.2010, 16:12 Uhr
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Fakt ist, dass die wirtschaftlich bedeuteten Kanton Genf, Basel und Zürich von der Initative nicht betroffen sind. Fakt is auch, dass die Mehrzahl dieser Besserverdiener in den Kantonen Genf, Basel und Zürich wohnen und auch Steuern bezahlen. Das Argument, dass somit alle aus der Schweiz abwandern ist somit einfach nur lächerlich. Antworten



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