Wirtschaft

«Die Vollkasko-Mentalität ist hierzulande bei weitem nicht so verbreitet»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 03.11.2011 38 Kommentare

Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht Ökonom George Sheldon über das Erfolgsgeheimnis des Schweizer Arbeitsmarktes: Die alemannische Mentalität und kaum staatlich verordnete Massnahmen.

«Wir wissen ja nicht, ob die Entlassungen konjunkturell oder strukturell sind», sagt Uni-Basel-Professor George Sheldon: Angehörige der Juso Schweiz demonstrieren beim Privatsitz von Novartis-Chef Daniel Vasella am Zugersee gegen den Jobabbau.

«Wir wissen ja nicht, ob die Entlassungen konjunkturell oder strukturell sind», sagt Uni-Basel-Professor George Sheldon: Angehörige der Juso Schweiz demonstrieren beim Privatsitz von Novartis-Chef Daniel Vasella am Zugersee gegen den Jobabbau.
Bild: Keystone

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Arbeitsökonom George Sheldon prognostiziert ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Haben Sie Angst um Ihren Job?

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George Sheldon (63) lehrt an der Universität Basel und ist Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie. Allgemein beschäftigt er sich mit der Funktionsweise der Märkte und der Auswirkung staatlicher Markteingriffe. Seine Untersuchungen erfolgen vielfach im Auftrag öffentlicher und privater Institutionen und tragen zu wirtschaftspolitischen Entscheidungsgrundlagen bei.

Schweizer Jobmarkt besser als die Statistik

Die Arbeitslosenzahlen in der Schweiz sind besser, als es die Statistik ausweist: Die Arbeitslosenquote errechnet sich anhand der Zahl der Arbeitslosen dividiert durch die Erwerbsbevölkerung. Die Schweiz hat zur Berechnung im Nenner die Zahl der Erwerbsbevölkerung aus dem Jahr 2000 stehen. In den vergangenen elf Jahren sind rund 600'000 Erwerbspersonen in die Schweiz zugewandert. Würde man diese Zahl mit einbeziehen, läge die Arbeitslosenquote um 0,5 Prozent unter dem aktuellen Wert von knapp weniger als drei Prozent. So gesehen ist die Schweiz der Musterschüler Europas.

Warum die Schweiz ein sozialer Staat ist

«Das System der AHV gehört zu den sozialsten der Welt», meint Professor George Sheldon. Denn die Beiträge beziehen sich immer auf das volle Einkommen. «Als ich dort Einsicht in Unterlagen und Stichproben nehmen durfte, gab es den Fall, dass jemand pro Monat eine Million Franken verdiente.» Mehr als acht Prozent davon sind Beitragsleistung und das ist nicht gedeckelt. Derjenige habe aber nur Aussicht auf Auszahlung eines Maximalbetrages von 28'000 Franken, erklärt Sheldon. «So etwas gibt es nicht einmal in Schweden, das ist eine enorme Umverteilung.» In allen anderen Staaten gibt es Beitragsgrenzen. Der Eindruck, in der Schweiz ginge es kalt zu, stimme daher einfach nicht.

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Die Entlassungen häufen sich, die Konjunktur schwächelt. Müssen sich Schweizer Arbeitnehmer Sorgen machen?
Seit Ende August sieht man, dass sich die Situation am Arbeitsmarkt verschlechtert. Die Lage ist noch nicht dramatisch, aber die Arbeitslosenquote dürfte auf knapp über drei Prozent in den nächsten drei Monaten ansteigen. Etwa drei Prozent ist bei ausgeglichener Konjunktur die übliche Arbeitslosenquote. Aber der Trend zeigt nach oben und wir wissen noch nicht, wie lange der Trend anhalten wird. Im Sommer war die Situation noch wie am Anfang der Finanzkrise 2008. Das wiederholt sich jetzt wieder, diesmal ist die Hauptursache aber der Schweizer Franken.

Die Schweiz kann nichts dafür, schuld ist die Eurozone?
Ja, die Faktoren sind extern. Der Export ist dabei am stärksten betroffen. Das Zinsniveau in der Schweiz wiederum ist sehr niedrig, was in der Baubranche einen Boom bedeutet. Denn Investitionen werden durch niedrige Zinsen unterstützt. Das belegt, dass die Auslandsnachfrage das Hauptproblem ist.

Macht diese Argumentation es der Industrie nicht allzu leicht, Mitarbeiter zu entlassen, wie das derzeit der Fall ist?
Wir wissen ja nicht, ob die Entlassungen konjunkturell oder strukturell bedingt sind. Ich kenne die Interna beispielsweise der Pharmaindustrie nicht. Es ist unklar, ob es sich um Produktionsverlagerungen handelt oder ob das die Fortsetzung eines Trends ist, der seit 30 Jahren anhält. Und zwar, dass Dienstleistungen aufgebaut und Produktionen abgebaut werden. Nun werden im Fall von Novartis auch Dienstleistungen, also der Forschungsbereich, ins Ausland verlagert. Aber das kann auch mit einzelnen Produkten zu tun haben, für die man keine Zukunft mehr sieht und die Kapazitäten dafür deshalb nicht mehr braucht. Unglücklicherweise fällt das mit den schlechten Konjunkturaussichten zusammen.

Was kann die Schweiz tun?
Nun ja, jeder zweite Franken wird im Ausland verdient. Die Schweizer Wirtschaft ist absolut offen. Wenn Sie in so einer Situation, sei es vom Staat oder von einzelnen Unternehmen, alles Geld in den Erhalt von Arbeitsplätzen pumpen, ist das so, wie wenn Sie im Winter einheizen wollen, aber gleichzeitig das Fenster aufreissen. Dass der Konjunkturmotor in der Schweiz ins Stottern geraten ist, liegt am nach wie vor überbewerteten Franken. Zudem gibt es Anzeichen für eine Blasenbildung im Immobilienbereich.

Sollte die Politik im Notfall steuernd in den Arbeitsmarkt eingreifen?
Nein. Ausserdem kann sie das gar nicht, dazu ist die Schweizer Wirtschaft zu offen. Nur zum Vergleich: Das im Sommer angekündigte Konjunkturpaket in der Höhe von zwei Milliarden Franken von Schneider-Ammann ist Peanuts, wenn man bedenkt, dass das die Hälfte aller ausgezahlten Arbeitslosengelder der Schweiz in einem Jahr ist. Nur über das Bildungswesen könnte steuernd eingegriffen werden. Die Abschlussquote ungelernter Arbeitskräfte sollte steigen, um die seit den 1980ern unter den Ungelernten gestiegene Arbeitslosigkeit wieder zu senken. Für die kurzfristige Politik ist das leider eher uninteressant, weil die Ergebnisse erst in 20 Jahren spürbar wären.

Gerät der Schweizer Arbeitsmarkt an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit?
Seit Mitte der 1990er-Jahre rekrutiert die Schweiz eine grosse Zahl der Akademiker im Ausland. Mehr als die Hälfte der zugewanderten Arbeitskräfte sind Akademiker. Die Schweiz bietet gute Rahmenbedingungen: Karrierechancen für junge strebsame Menschen, Lebensqualität und stabile politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie gemässigte Steuern. Das suchen Fachkräfte heutzutage.

Wenn in anderen Ländern ein Stellenabbau durchgezogen wird, fehlen die Mitarbeiter hinterher, wenn die Konjunktur wieder anzieht, und das kann teuer werden. Nun hat die Schweiz auch so schon das Problem, dass Fachkräfte fehlen. Sollte man deshalb die Mitarbeiter, die man hat, in Krisenzeiten nicht um fast jeden Preis behalten?
Dazu muss man sich die Branchen anschauen. Die aktuellen Veränderungen, die Sie ansprechen, sind vorwiegend strukturell. Das Investmentbanking etwa wird nicht mehr die Bedeutung haben, die es in der Vergangenheit hatte. Die Branche ist bekannt für Hire and Fire. Wenn es gut geht, sucht man die Fachkräfte händeringend, wenn es schlecht läuft, schmeisst man sie raus. Die so in Verruf geratenen Bonifikationen für die Banker sind deshalb so etwas wie ein Ausgleich für dieses volatile Berufsumfeld. Im Gesundheitsbereich und in der IT und Telekommunikation wird hingegen expandiert, da ist die Situation stabiler. Es kann natürlich sein, dass etwa im Maschinenbau der eine oder andere Ingenieur weniger gebraucht wird. Aber in komplexen oder technischen Berufen, die in einer stark exportorientierten Industrie nachgefragt werden, denkt man sehr wohl eher längerfristig und setzt die Mitarbeiter nicht gleich auf die Strasse.

Was ist das Geheimnis eines so intakten Arbeitsmarktes wie jenem in der Schweiz? Etwa die Abwesenheit der Gewerkschaften?
Das ist vielmehr eine kulturelle Frage. Wussten Sie, dass das Land mit der geringsten Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern Frankreich ist?

Nein...
Nur acht Prozent der arbeitenden Bevölkerung Frankreichs sind Mitglied eines Arbeitnehmervertreterverbands und gewerkschaftlich organisiert. Dabei ist Frankreich seit der Erstürmung der Bastille bekannt für seine Streikkultur. Das Volk solidarisiert sich mit dem kleinen Mann. In der Schweiz werden Tarifverhandlungen hingegen im Betrieb verhandelt.

Warum wirkt das besser?
Weil nicht eine ganze Branche den Arbeitgebern konfrontativ gegenübersteht, sondern in jedem Betrieb kann individuell die beste spezifische Lösung gefunden werden. Das macht die Unternehmen unterm Strich auch wettbewerbs- und damit handlungsfähiger. Das wiederum stabilisiert die Beschäftigung.

Die umliegenden Länder machen also alles falsch und kommen nicht drauf?
Ich sage nur, es fällt auf, dass in Frankreich, Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz ausgerechnet die alemannischen Teile die geringste Arbeitslosenquote haben, sprich Südbaden, Vorarlberg oder das Elsass. Diese Regionen gehören nicht unbedingt zu den wirtschaftsstärksten Regionen, sind aber aufgrund der Mentalität und des Verhältnisses Arbeitnehmer-Arbeitgeber gegen höhere Arbeitslosenquoten offensichtlich eher gefeit.

Was verstehen Sie unter alemannischer Mentalität?
Das fragen Sie einen Amerikaner?

Insbesondere Sie als Amerikaner…
Zum Beispiel das Gemeinschaftsgefühl und die Verantwortung für die Gesellschaft. In Deutschland und Österreich sind die Regeln für den Bezug von Arbeitslosengeld vergleichbar gesetzlich geregelt. In der Schweiz muss der Arbeitssuchende aber öfter persönlich beim Arbeitsamt vorstellig werden. Im Endeffekt ist die Quote in der Schweiz niedriger. Ich vermute deshalb, weil in Republiken wie Deutschland oder Österreich weniger das Bewusstsein vorherrscht, dass auf diesem Weg das Geld der Steuerzahler in Anspruch genommen wird, sondern von der anonymen Republik. Das steht im Gegensatz zum Verständnis der kantonalen Strukturen in der Schweiz, die mehr bürgerbezogen sind.

Woran wird die grössere Verantwortung der Wirtschaftsteilnehmer deutlich?
Die Selbstverantwortung hierzulande geht in Richtung des US-amerikanischen Modells. Jeder ist für sein Glück verantwortlich und bejammert nicht seine Situation. Die Vollkasko-Mentalität ist hierzulande bei weitem nicht so verbreitet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2011, 14:00 Uhr

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38 Kommentare

Ursi Brock

03.11.2011, 14:39 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Frechheit und Arrogant! Vollkasko für Aktionäre und Investoren aber für den Rest setzt man auf Eigenverantwortung. Antworten


Frank Zuffnik

03.11.2011, 15:30 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Also ich find, die Bauern haben bei uns sehr wohl eine Vollkasko-Mentalitaet. Antworten



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