Wirtschaft
Die beunruhigende Macht von Goldman Sachs
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 15.10.2009
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Heute Nachmittag präsentiert Goldman Sachs die Zahlen für das dritte Quartal. Kein anderes Wallstreet-Institut erregt die Gemüter mehr. Für viele steht sie für alles Schlechte am amerikanischen Kapitalismus generell und für die Skrupellosigkeit der Finanzbranche im Besonderen. Für andere wiederum ist Goldman Sachs das Paradebeispiel einer äusserst erfolgreichen Investmentbank.
Die Bank gab heute einen Gewinn von 3,19 Milliarden Dollar für das dritte Quartal bekannt, im zweiten belief er sich auf 3,44 Milliarden. Für die Kompensation der Banker hat die Bank im selben Quartal 5,4 Milliarden abgezweigt. Der gesamte Betrag dafür beläuft sich im laufenden Jahr bereits auf 16,8 Milliarden Dollar. Laut dem «Wall Street Journal» werden die 29'000 Goldman-Beschäftigten in diesem Jahr noch mehr verdienen als noch 2007, als im Durchschnitt jeder 661'490 Dollar erhielt. CEO Lloyd Blankfein strich damals etwa 68 Millionen Dollar ein, auch sein Gehalt wird 2009 höher ausfallen.
Goldman Sachs: Ein «geldgieriger, blutsaugender Vampir»
«Die mächtigste Investmentbank der Welt ist ein grosser, vielarmiger Vampir, der die ganze Menschheit im Griff hat und mit seinen Blutsaugern unaufhörlich alles erfasst, das nach Geld riecht». Diese Beschreibung von Goldman stammt vom Journalisten Matt Taibbi von der einflussreichen Zeitschrift «Rolling Stone». Sein Artikel über die Bank – «The Great American Bubble Machine» - ist auf riesige Resonanz gestossen, selbst an der Wallstreet.
Viele halten für glaubwürdig, was der Autor schreibt. Gemäss Taibbi hatte die 1869 gegründete Bank jede der grossen spekulativen Übertreibungen an den Kapital- und Rohstoffmärkten kräftig angeheizt. Das war so, bevor das Ende der Exzesse in die Grosse Depression mündete, bei der Internetbubble in den 90er-Jahren, bei den jüngsten Übertreibungen am US-Immobilienmarkt, die die Finanzkrise auslösten und schliesslich beim Anstieg der Erdölpreise im letzten Jahr, als das Fass beinahe 150 Dollar gekostete. Selbst bei der Billionen-Rettungsaktion der Banken durch die US-Regierung, hatte, laut Taibbi, Goldman Sachs die Finger im Spiel. Die Macht der Bank ist für ihn Ausdruck für «extrem unglückliche Lücken im System des westlichen demokratischen Kapitalismus». In diesem System sei nie vorgesehen gewesen, dass in einer Gesellschaft, die durch freie Märkte und Wahlen dominiert wird, «organisierte Gier immer die schlecht organisierte Demokratie besiegt».
Ex-Goldman-Leute besetzen Schlüsselstellen der Politik
Verschwörungsthesen wie jene von Taibbi stossen auch auf Resonanz, weil viele führende Goldman-Leute nach dem verlassen der Bank höchste Regierungsämter besetzt hielten oder noch immer halten. Hank Paulson und Robert Rubin sind bloss die bekanntesten unter ihnen. Ersterer war Finanzminister unter George W. Bush und Vorgänger von Lloyd Blankfein an der Spitze von Goldman. Zusammen mit Notenbankchef Ben Bernanke hat er die Rettungsaktion für die Banken im letzten Jahr eingeleitet. Rubin wiederum war Finanzminister der Clinton-Administration. Beispiele für einflussreiche Ex-Goldman-Mitarbeiter im Ausland sind Mark Carney und Mario Draghi. Carney ist Zentralbankgouverneur von Kanada, Draghi jener von Italien und zudem Leiter des Financial Stability Boards, das international Vorschläge für die Bankregulierung ausarbeiten soll. Um sich politischen Einfluss in den USA zu sichern, hat Goldman Sachs allein im ersten Halbjahr 2009 1,3 Millionen Dollar für das Lobbying bei US-Parlamentariern ausgegeben. Das ist mehr als die Firma im ganzen Jahr 2005 dafür bezahlt hat.
Angesichts der Tatsache, dass Goldman im letzten Jahr noch eine Kapitalspritze von 10 Milliarden Dollar von der Regierung erhalten hat – welche die Bank mittlerweile zurückbezahlt hat – steht das Institut besonders stark in der Kritik. Gewinn macht die Bank zudem vor allem dank dem billigen Geld der Zentralbank und dem Boom auf den Kapitalmärkten, der sich ebenfalls zum grossen Teil wiederum den Anschubmassnahmen der Regierung und der Flut an Schuldpapieren verdankt, die diese herausgibt.
Mittlerweile tut das Unternehmen alles, um sich einen sympathischeren Anstrich zu geben. So tritt nun ausgerechnet Goldman-CEO Blankfein an vorderster Front als Kritiker von Boni-Exzessen auf. Zudem betont er seine bescheidenen Ursprünge. Schliesslich habe sein erster Job darin bestanden, im Yankee-Stadion in New York einst Erdnüsse und Popcorn zu verkaufen. Die Bank diskutiert ausserdem, Beiträge für gute Zwecke zu erhöhen. Auch die eigenen Mitarbeiter hält sie zu höheren Spenden an. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.10.2009, 14:00 Uhr


