Die gar nicht heile Bio-Welt

Bio ist gut für die Konsumenten und die Natur. Aber den Landarbeitern geht es dreckig wie eh und je.

Wer auf die Toilette muss oder Wasser trinken will, hat fünf Minuten Zeit: Arbeiterinnen in Almería.

Wer auf die Toilette muss oder Wasser trinken will, hat fünf Minuten Zeit: Arbeiterinnen in Almería. Bild: Bodo Marks

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Etwa 20 Prozent der Produkte, die in der Schweiz mit der Bio-Suisse-Knospe verkauft werden, kommen aus dem Ausland. Cherry-Tomaten zum Naschen etwa, in dreieckige Plastikschälchen verpackt und edel präsentiert, garantieren in den Bio-Auslagen der Supermärkte für Absatz. Die Nachfrage reisst auch im Winter nicht ab.

Im südspanischen Almería liegt eines der wichtigsten europäischen Anbaugebiete für Gemüse und Früchte. Die Region war lange Synonym für massiven Pestizideinsatz und ausgebeutete Arbeiter. Seit immer mehr in Bio-Qualität angebaut wird, sind die Pestizide tabu. Aber den Arbeitern geht es deswegen nicht besser. Das zeigt ein Augenschein vor Ort.

40'000 Gewächshäuser

Die Landstrasse von El Barranquete schlängelt sich durch karge Hügel, ein trockener, heisser Wind weht von der Küste herüber. Die spröde Erde des Campo de Níjar macht es den Bauern nicht leicht, da und dort hat es Kakteen. Hinter einer Kurve taucht das grüne Flachdach einer Halle auf. Das breite Tor davor wird neu gestrichen, zwei Marokkanerinnen mit Baseballmützen tauchen den Pinsel in grüne Farbe. «Willkommen in einer ökologischen Welt» steht auf einem Schild, darüber eine gelbgrüne Sonne.

Hier hat Bio Sol Portocarrero seinen Sitz. Vor elf Jahren begann der Bio-Pionier zu exportieren. Deutschland und England sind Hauptabnehmer, in die Schweiz gehen etwa fünf Prozent der Produktion. Mit 120 Hektaren Anbaufläche ist Bio Sol heute einer der grössten Bio-Produzenten der Region. Geschätzte 40'000 Gewächshäuser dehnen sich hier über mehrere hundert Kilometer zwischen Küste und Bergen aus.

30 Kilometer weiter östlich liegt San Isidro. Eine Landstrasse führt durchs Dorf, an ihr liegen grosse Bio-Kooperativen. Hier steht die Zeit still. Auf den Bänken vor der Kirche sitzen arbeitslose Immigranten. Der Inder, in dessen Imbiss die Nachbarn zur Eröffnung für einen Gratis-Döner Schlange standen, sitzt davor und wartet auf Gäste.

«Willst du arbeiten oder nicht?»

In einer Seitenstrasse hat die Landarbeiter-Gewerkschaft SOC ihr Büro. Eigentlich ist geschlossen, aber Abdelkader Chacha schiebt entschlossen das Rolltor nach oben. Hinter ihm stehen acht Frauen, die Kopftücher fest um das Haupt geschlungen, eine hat ein Kind an der Hand, alle sehen wütend aus. Gewerkschafter Chacha, der sich seit vielen Jahren für die Belange immigrierter Arbeiter einsetzt, zieht Klappstühle ran. Man merkt den Marokkanerinnen die Anspannung an. «Die meisten von uns arbeiten seit fünf bis zehn Jahren in der Firma. Jetzt wurden Frauen aus Osteuropa eingestellt, wir sind entlassen.» Wie der Produzent heisst? «Bio Sol.»

Im Vorzeigebetrieb für Bio-Gemüse schrieb man Arbeitsrechte nie gross. «Willst du arbeiten oder nicht?», kriegten jene zu hören, die sich beschwerten. Eine Frau, nennen wir sie Fatima, ärgert sich schon lange über diese Scheinwahlfreiheit. Jetzt ist auch sie entlassen. Acht Jahre hat sie in der Abpackhalle des Bio-Betriebs gearbeitet, sechs Tage die Woche, Überstunden ohne Bezahlung gemacht, am Fliessband Tomaten, Zucchini und Peperoni verpackt. «Oft arbeiten wir von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts.» Wer zur Toilette muss oder Wasser trinken will, hat fünf Minuten Zeit, an der Stechuhr muss man sich dafür ausstempeln. «Braucht man länger, wird automatisch eine halbe Stunde Arbeitszeit vom Lohn abgezogen.» Zeitdruck sei normal, auch am Fliessband. «Schafft man nicht eine bestimmte Menge Gemüse pro Stunde, gibt es eine Abmahnung, nach drei Abmahnungen droht die Entlassung.»

«Eine gut kalkulierte Masche»

Schmerzen haben sie alle, und während Naima (auch sie trägt zu ihrem Schutz einen Fantasienamen) ihr Kind auf den Knien in eine bequemere Position schiebt, zeigt sie auf ihren Rücken: «Eine Kiste Wassermelonen wiegt 20 Kilo», sagt sie, «und Kisten heben wir Frauen täglich. Nicht mal auf Schwangere wird Rücksicht genommen. Noch im siebten Monat hat meine Freundin die schweren Kisten gestapelt. Das hat ihr Baby krank gemacht.»

Gewerkschafter Chacha schüttelt nur den Kopf. «Es ist nicht das erste Mal, dass wir Beschwerden über Bio Sol nachgehen müssen», sagt er, «schon im letzten Jahr lagen uns etliche Klagen gegen das Unternehmen vor. Gelernt hat es offensichtlich nichts.»

Die Frauen sind ernüchtert. «Nach all den Jahren stehen wir jetzt auch noch ohne Job da.» Und eine Abfindung bekommt nur, wer lange genug im Unternehmen gearbeitet hat. Um eine lange Firmenzugehörigkeit zu umgehen, greift Bio Sol auf ein simples, aber bewährtes Prinzip zurück: Bio Sol lässt es gar nicht erst so weit kommen.

«Eine gut kalkulierte Masche», sagt Laura Góngora, Anwältin für Arbeitsrecht in Almería. «Der Produzent profitiert von günstigen Arbeitskräften, der Arbeiter steht am Ende vor dem Nichts.» Auf Góngoras Schreibtisch liegen drei Gehaltsabrechnungen mit verschiedenen Firmennamen, alle gehören derselben Arbeiterin. «Die Unternehmen gehören alle drei zu Bio Sol, auch wenn es auf der Abrechnung anders aussieht. Die Frauen stehen weiter an derselben Maschine in derselben Abpackhalle und tun dieselbe Arbeit wie seit Jahren. Aber sie unterschreiben regelmässig neue Verträge einer anderen Firma, und am Ende sieht es aus, als wären sie jedes Jahr woanders angestellt gewesen.»

Bio Sol verweigert Interview

Geschummelt wird auch bei den Abrechnungen. Naima zeigt einen Briefumschlag mit ihrem Namen. «Darin erhalten wir den Lohn, so um die 1000 Euro im Monat.» Ihre Gehaltsabrechnung sagt etwas anderes: 377 Euro brutto für 30 Tage Arbeit mit Überstunden.

Laura Góngora erklärt: «Es gibt keine Abfindung, kaum Sozialleistungen und im schlimmsten Fall keine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung.» Das sei zwar illegal, aber gemeldet werden die Machenschaften nur selten, zu gross ist die Angst vor Jobverlust. «Bio ist für den Konsumenten sicher gut», sagt Laura Góngora, «aber für die Arbeiter ändert sich nichts. Die Verstösse gegen das Arbeitsrecht nehmen nicht ab. Das Gemüse, für das die Leute schuften, heisst jetzt einfach Bio.»

Auf der Website wirbt Bio Sol für die hohe Lebensqualität der ökologischen Lebensmittel-Produktion. Die Frauen aus San Isidro entscheiden sich aus Rücksicht gegenüber ihrem ehemaligen Arbeitgeber gegen einen öffentlichen Protest. Vielleicht werden sie ja wieder eingestellt. Bio Sol sagte einen Interview-Termin kurzfristig ab. Willkommen in einer ökologischen Welt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.02.2011, 20:43 Uhr)

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Bio Suisse verschärft Kontrollen

Bio Suisse hat laut Sprecherin Sabine Lubow beim betroffenen Betrieb eine Stellungnahme
eingefordert. Bio Sol bestreitet die im Artikel geschilderten Zustände. Bio Suisse nimmt das Thema dennoch ernst und sucht an einer Fachmesse demnächst den Kontakt zum Importeur von Bio Sol. Dieser wird
im März in Spanien Gespräche mit der Gewerkschaft und dem besagten Betrieb führen. Zudem werde das Thema auch Einfluss auf die Planung der Nachkontrollen von Bio Suisse haben, die bei Verdacht unangekündigt erfolgen.
«Es ist eine auch für uns sehr bedauernswerte
Tatsache, dass die Stellung von Arbeitnehmenden
in der Landwirtschaft ganz allgemein – Bio oder konventionell – seit je schlecht ist», schreibt Lubow. Zusätzlich zu den bisher in den Bio-Suisse-Richtlinien festgelegten Sozialanforderungen hat der Bio-Dachverband in diesen Tagen deshalb Ausführungsbestimmungen zur Umsetzung der Betriebskontrollen in den Bereichen Arbeitsrecht und Gesundheit veröffentlicht. Ab Anfang Mai 2011 werden die entsprechenden
Kriterien in einer ersten Phase in Betrieben
ab 20 Mitarbeitenden auch in Spanien
kontrolliert – also auch bei Bio Sol. (meo)

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