Die verhängnisvolle Lücke im Lebenslauf

Wer wegen einer Depression seinen Job aufgeben muss, hat es danach schwer bei der Stellensuche. Wann eine Lücke im CV zum Stolperstein wird und wie man den Wiedereinstieg trotzdem schafft.

«Betroffene werden als Weicheier abgestempelt»: Ein Bewerber wartet auf sein Vorstellungsgespräch.

«Betroffene werden als Weicheier abgestempelt»: Ein Bewerber wartet auf sein Vorstellungsgespräch. Bild: Reuters

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Noch selten hat ein hochrangiger Angestellter so offen über psychische Probleme gesprochen wie Daniel Göring: Der Ex-Sprecher des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) und der ägyptischen Geschäftsgruppe Orascom stand Ende 2012 am Rande des Abgrunds: Er war ausgebrannt, ignorierte die Anzeichen, geriet in eine tiefe Depression und beging einen Selbstmordversuch. Der 47-Jährige überlebte und begab sich in Therapie.

Eineinhalb Jahre später hat Göring sich erholt und einen neuen Job gefunden, doch der Weg zurück ins Arbeitsleben war steinig. Er habe seine Krankheit bei Vorstellungsgesprächen thematisiert, sagt Göring in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag», «das hat auch zu Absagen geführt». Burn-outs und Depressionen sind zwar ins öffentliche Bewusstsein gerückt – aber für Personalchefs offenbar immer noch Grund genug, einen Bewerber abzulehnen.

Das Burn-out wird zum «Sabbatical»

Diese Erfahrung macht auch Karriere- und Organisationsberater Heinz Léon Wyssling. Von einer Enttabuisierung des Themas will er deshalb nicht sprechen. «Nur weil heute offener darüber geredet wird, heisst das nicht, dass die Arbeitgeber besser damit umgehen können.» Gerade mit der Finanzkrise habe der Druck aufs Management und die Mitarbeiter in vielen Branchen nochmals zugenommen, der Stresspegel sei gestiegen. Dies belegt laut Wyssling eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco: Demnach ist die Zahl der Arbeitnehmer, die sich häufig oder sehr häufig gestresst fühlen, zwischen 2000 und 2010 um 7,8 Prozent gestiegen.

Der Fall Göring ist laut Wyssling der Beweis, dass eine überstandene Depression noch immer eine Vorverurteilung zur Folge hat, «Betroffene werden als Weicheier abgestempelt». Die Ehrlichkeit, die Göring bei der Suche nach einer neuen Stelle an den Tag legte, sei darum zwar mutig, könne aber auch kontraproduktiv sein. Vor allem in sehr leistungsorientierten Branchen könne sie Ängste produzieren: «Die Personalverantwortlichen fürchten einen Rückfall und die damit verbundenen Kosten, die für das Unternehmen entstünden.» Deshalb ist es laut Wyssling oft klüger, den wahren Grund der Auszeit zu verschweigen – und sie zum Beispiel als Sabbatical zu bezeichnen, sofern sie nicht länger als ein halbes Jahr dauerte. «Im Idealfall hat der Betroffene während der Therapie persönlichkeitsbildende Angebote genutzt oder Seminare besucht. Das kann er im Lebenslauf so vermerken, ohne ins Detail gehen zu müssen.»

«Lücken im CV werden immer erkannt»

Anderer Meinung ist Susann Mösle-Hüppi, Geschäftsleiterin beim Verein FAU – Fokus Arbeit Umfeld. Sie rät den Betroffenen in jedem Fall zur Ehrlichkeit: «Lücken im Lebenslauf werden immer erkannt und hinterfragt. Besser also, wenn der Stellensuchende sie im Bewerbungsprozess von sich aus thematisiert und anbietet, darüber Auskunft zu geben. Und vor allem erklärt, was er daraus gelernt hat.»

Der Erfolg dieser Strategie hängt laut Mösle-Hüppi allerdings stark von der Branche und der Hierarchiestufe ab, die angepeilt wird. Das Problem bestehe vor allem in leistungsorientierten Bereichen, «in denen die Angestellten keine klassische ‹nine to five›-Struktur kennen, sondern die Arbeit mit nach Hause nehmen». Und gerade in diesen Jobs werde den Betroffenen der Wiedereinstieg am schwersten gemacht – egal ob hinter dem Ausfall ein Burn-out steckt, eine Weltreise oder eine längere Krankheit.

Darum empfiehlt Mösle-Hüppi, sich für den Wiedereinstieg professionelle Hilfe zu suchen – bei Berufscoachs, Sozialdiensten wie dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) oder bei arbeitsmarktlichen Diensten wie dem FAU. Denn ein Ausfall biete immer auch die Chance für eine Standortbestimmung. «Es ist die Gelegenheit, sich auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen: Was mache ich gern, was kann ich gut? Soll ich eine neue Richtung einschlagen oder will ich wieder in den alten Job zurück? Auf dieselbe Hierarchiestufe? Will ich weiterhin 100 Prozent arbeiten oder wäre weniger besser?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.03.2014, 19:30 Uhr)

Stichworte

Susann Mösle-Hüppi ist seit 2008 Geschäftsleiterin beim Verein FAU – Fokus Arbeit Umfeld. Der FAU ist ein nicht gewinnorientiertes Kompetenzzentrum zur Steigerung der Arbeitsmarktfähigkeit hoch qualifizierter Stellensuchender.

Heinz Wyssling ist privater Karriere- und Organisationsberater.

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