Wirtschaft
Die vermeintliche Rabentochter
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 19.10.2011 7 Kommentare
Artikel zum Thema
- Milliardärin Bettencourt wird entmündigt
- «Wenn sich meine Tochter um mich kümmert, werde ich ersticken»
- L'Oréal-Milliardärin verklagt Tochter
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Man neigt in dieser Familiengeschichte, die Frankreich bis in die obersten Etagen der Macht umtreibt, irgendwann dazu, Partei zu ergreifen: für die Mutter oder für die Tochter. Unweigerlich.
Das ist die dramatische Familiengeschichte der Bettencourts, der Erben von L’Oréal, dem Marktleader für Kosmetik & Co, Sitz in Paris, Filialen überall. Es geht um ein Vermögen von Milliarden. Die Medien berichten seit einigen Jahren so ausführlich über den Streit zwischen der lebensfrohen Mutter Liliane (88) und ihrer reservierten Tochter Françoise (58), Einzelkind, dass es wie in einer Fernsehserie ist: Die Rollen sind verteilt, die Sympathien auch. Die Tochter hatte stets die undankbare und vielleicht völlig überzeichnete, ja gar ungerechte Rolle der Bösen, der Grimmigen, der Ungeduldigen – der Rabentochter sozusagen.
Sie erinnert sich zuweilen nicht an ihren Enkel
Nun hat ein Gericht entschieden, dass Mutter Liliane, wie es die Tochter immer beteuerte, nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei. Dass sie also nicht wisse, was sie mit ihrem vielen Geld anstelle. Und dass sie deshalb unter Vormundschaft gehöre. Ihren Alltag soll künftig ihr Enkel Jean-Victor bestellen. Der ist 25, hat mal eine Weile in den USA studiert und sagt, seine Grossmutter erinnere sich zuweilen nicht, wer er sei. Um die Geschäfte, um den Konzern und die Finanzen kümmert sich fortan Françoise Bettencourt-Meyers. Das gefällt natürlich vor allem jenen nicht, die bisher in der mütterlichen Villa im schicken Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine verkehrten und das Anwesen mit einem Couvert verliessen. Die Tochter nennt sie «die Bande». Sie hat diesen Profiteuren, zu der auch eine ganze Reihe bürgerlicher Politiker gehören soll, lange zugeschaut. Einer von ihnen, der Fotograf und Hausfreund François-Marie Banier, hatte sich über die Jahre «Geschenke» für 1 Milliarde Euro erschlichen: Immobilien, Bilder, Lebensversicherungen, eine Insel.
2007, nachdem Vater André gestorben war, traute sich Françoise dann, die Justiz einzuschalten. Weil sie ihre Mutter schützen müsse, wie sie sagte. Sie forderte ein ärztliches Gutachten, strebte die Vormundschaft an. Die Mutter wehrte sich gegen die Untersuchung und brach den Kontakt ab. In der Öffentlichkeit sagte sie, ihre Tochter sei «gestört», «unglücklich» und «gierig», obschon sie doch schon reich sei, obwohl das Erbe schon lange geregelt sei und sie nur warten müsse. Sie dagegen liebe das Leben und das Geben, lustige Menschen und fröhliche Feste. Wahrscheinlich wurden ihr diese Dinge von der «Bande» eingeflüstert.
«Ich werde nie aufhören, sie zu lieben»
Die Tochter schwieg, mied die Medien, versteckte ihre Augen hinter einer Sonnenbrille. Sie ist eine stille Person. Nach ihrer Heirat mit dem Unternehmer Jean-Pierre Meyers, dem Sohn des ehemaligen Rabbi von Neuilly, schrieb sie Bücher über das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum, Exegesen der Bibel, ein Werk über griechische Götter.
Nur einmal brach sie ihr Schweigen. In einem Interview mit dem «Figaro» erklärte sie ihre töchterliche Sorge, ihr finanzielles Desinteresse, ihre Treue zu L’Oréal und ihren Schmerz: «Ich will», sagte sie, «dass meine Mutter weiss, dass ich nie aufhören werde, sie zu lieben.» Trotz der bösen Unterstellungen in den Medien. Trotz der Entfremdung. Szenen wie aus einer TV-Serie mit wechselnden Sympathieträgern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2011, 07:44 Uhr
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