Diese Unternehmen kämpfen gegen Kinderarbeit

Das Kürzel BSCI steht für eine internationale Initiative für bessere Arbeitsbedingungen bei Lieferanten. Sie wächst rasant. Schweizer Firmen wie Coop, Migros, Calida, PKZ, Schild, Strellson oder die SBB sind mit dabei.

Der 8-jährige Dinesh schneidet Rosen in Gauhati, Indien.

Der 8-jährige Dinesh schneidet Rosen in Gauhati, Indien. Bild: Keystone

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Erst vor sechs Jahren gegründet, zählt die Business Social Compliance Initiative (BSCI) heute bereits 420 Mitglieder weltweit. Jeden Monat kommt ein gutes Dutzend Unternehmen hinzu. Ihr Ziel: die Arbeitsbedingungen in der Beschaffungskette verbessern - und Schlagzeilen über Kinderarbeit und andere Missstände bei den Lieferanten der eigenen Produkte verhindern.

Die Migros gehörte mit dem Modekonzern Charles Vögele zu den Gründungsmitgliedern der Initiative - unterdessen sind ihr 16 Firmen aus der Schweiz beigetreten (siehe Box). BSCI ist kein Label, das man beim Einkaufen antrifft, sondern eine Initiative zwischen Unternehmen. Kritiker bemängeln, dass die bei Lieferanten durchgeführten Kontrollen nicht extern verifiziert werden. «Zudem haben Stakeholder, also etwa Gewerkschaften, nur eine beratende Funktion», sagt Christa Luginbühl von der Erklärung von Bern. Und: Es fehle eine Beschwerdestelle, an die sich unzufriedene Mitarbeiter wenden können.

Nun hat BSCI diese Kritik zum Teil aufgenommen und in Peking (China) sowie Gurgaon bei New Delhi (Indien) unlängst je eine Repräsentanz eröffnet. Diese Vertretungen sollen als Beschwerdeinstanz für Arbeitnehmende dienen, das Management lokaler Firmen schulen und Gespräche mit Regierungsstellen, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen anstossen.

Sibyl Anwander Phan-huy leitet die nationale Arbeitsgruppe von BSCI in der Schweiz und ist Leiterin Qualität/Nachhaltigkeit beim Detailhändler Coop. Eine externe Verifizierung der von BSCI in Auftrag gegebenen Überprüfungen hält Anwander weiterhin für unnötig.

Frau Anwander, weshalb will BSCI keine externe Verifizierung?
BSCI vergibt diese Aufträge an anerkannte Auditfirmen wie die Genfer SGS oder Bureau Veritas, die vom jeweiligen Standardgeber oder vom Staat akkreditiert sind. Wenn wir uns auf ihre Arbeit nicht mehr verlassen können - und das tun unsere Mitglieder auch in anderen Bereichen -, dann haben wir ein Problem. Eine zusätzliche Überprüfung finde ich unnötig.

Wie prüfen Sie, ob die Betriebe die Standards von BSCI einhalten?
Eine erste Überprüfung erfolgt immer angekündigt: Man muss mit dem Management reden, man muss Zugang haben zu Buchhaltung, Produktions- und Schlafstätten. Ein Zweit-Audit könnte auch überraschend erfolgen. Dann muss man nicht mehr alles sehen, sondern nur noch kritische Bereiche.

Weshalb reden Sie im Konjunktiv?
Wir können uns vorstellen, dass lokale Nichtregierungsorganisationen die Zweit-Audits übernehmen. Trotz Angeboten unsererseits hat sich bisher aber nichts Konkretes ergeben. Das Interesse scheint also nicht allzu gross zu sein. Das finden wir schade.

Wie läuft die Überprüfung konkret ab?
Am Anfang steht die Selbsteinschätzung des Lieferanten. Oft schlagen wir bereits vor dem Audit Korrekturmassnahmen vor, denn es macht keinen Sinn, dass Firmen 2000 bis 3000 Franken ausgeben, bevor sie wirklich darauf vorbereitet sind. Bei der Überprüfung kommen einheitliche Raster und Kriterienkataloge zum Einsatz. Findet man Schwachstellen, werden Korrekturmassnahmen beschlossen und auch mit dem interessierten BSCI-Mitglied, also dem Abnehmer, abgesprochen. Nach drei, sechs oder zwölf Monaten wird das Audit dann wiederholt, bei Bedarf mehrmals, und irgendwann ist das Unternehmen auf einem guten Weg. Oder wir als BSCI-Mitglieder merken, dass kein wirkliches Interesse an einer Verbesserung der Produktionsbedingungen besteht. Dann überlegen wir uns gut, ob eine Firma für uns noch der richtige Geschäftspartner ist.

BSCI hat neu eigene Vertretungen in Indien und China. Was hat der bewusste Konsument davon?
Der Konsument soll eigentlich gar nichts davon spüren. Er geht ja davon aus, dass er Produkte kaufen kann, die so produziert werden, dass er kein schlechtes Gewissen haben muss. Dass das de facto nicht immer der Fall ist, ist uns bewusst - nicht zuletzt dank dem Druck von Nichtregierungsorganisationen. Von den Vertretungen vor Ort erhoffen wir uns bessere Kenntnisse - nicht zuletzt für die Diskussionen, die wir hier in Europa zu führen haben. Wir sind ja in einem Dilemma zwischen unserem kulturellen und politischen Umfeld, das schon ein anderes ist als in vielen Produktionsländern.

Als Vertreterin des Handels sehen Sie diesen Druck also positiv?
Der Druck war wichtig. Es fällt aber auf, dass er stets dieselben Produktegruppen betrifft, während sich die gleichen Organisationen nicht darum kümmern, ob Bohrer oder Gartenschaufeln aus China auch unter anständigen Bedingungen produziert werden.

Arbeitnehmer sollen bei BSCI vor Ort klagen können. Wie muss ich mir das vorstellen?
Wir haben telefonische Hotlines eingerichtet und verteilen in den Betrieben Kärtchen mit einer Gratisnummer, welche die Angestellten unter Wahrung der Anonymität anrufen können. Die Mitarbeiter der Hotline machen sich ein möglichst genaues Bild vom gemeldeten Missstand und übermitteln die Angaben an unsere Zentrale in Brüssel, wo sich jemand der Sache annimmt.

Gibt es in Indien und China Unterschiede in Ihrer Arbeit?
In China sind Überstunden das grösste Problem. Wanderarbeiter sind 10 bis 12 Monate von zu Hause weg und möchten in dieser Zeit möglichst viel arbeiten und verdienen. Wer weiss, wie es um ihre Wohnräume steht, versteht das. Dort geht man nach getaner Arbeit nicht nach Hause zur Familie und hat ein Sozialleben. Die Leute wollen viel sparen und Überstunden machen, um dann ein bis zwei Monate zu Hause verbringen zu können.

Was schreibt denn das chinesische Arbeitsrecht vor?
Dieses ist zum Teil strenger als der Kodex von BSCI und die Anforderungen der internationalen Arbeitsorganisation ILO. Um fortschrittlich zu sein, hat China die 42- oder 43-Stunden-Woche eingeführt, aber das hält fast niemand ein. Unser Kodex lässt eine Maximalarbeitszeit von 48 Stunden zu, was realistischer ist.

Wo liegt in Indien der Fokus?
Dort ist Kinderarbeit nach wie vor ein Problem, vor allem in der vorgelagerten Produktion. Oft arbeiten verschiedene Subunternehmer für einen Auftraggeber, das ist kaum in den Griff zu bekommen. Da kann sich ihr Vertragspartner vertraglich verpflichten, dass alles sauber und korrekt zu und her geht, und die Kontrollen bestätigen das auch. Aber wenn Teilschritte der Produktion ausgelagert werden an Dritte, die dann vielleicht den Auftrag nochmals zerstückeln, hat keiner mehr den Überblick. Und anders als in China ist der Gesetzgeber in Indien in vielen Regionen sehr large.

Was heisst das für Sie?
Wir müssen bescheidener sein und schrittweise vorgehen, aber uns auch nicht nur auf die Audits verlassen. Wichtiger ist es, Unternehmer davon zu überzeugen, dass sich eine gute Behandlung der Arbeitnehmer auch in einer höheren Produktivität niederschlägt. Wir bringen so weit als möglich Transparenz und Konstanz in die Lieferkette. Aber wir können nicht behaupten, das Problem vollständig im Griff zu haben. Im Dekorationsbereich zum Beispiel ist es weitaus schwieriger, gewisse Sozialstandards durchzusetzen. Das Geschäft ist sehr arbeitsintensiv und saisonabhängig, die Zahl der Subunternehmer deshalb noch grösser als etwa im Textilbereich.

Wie sieht es anderswo aus? Beim Schmuck müsste man in der Lieferkette relativ weit zurückgehen, bis zur Produktion der Edelsteine, um wirklich Gewissheit zu haben, dass alles fair produziert wird. Aber wir dehnen die Produktepalette ständig aus, in der wir Einfluss ausüben können. Im Textilbereich ist BSCI zumindest in China weit verbreitet und gut bekannt. In anderen Branchen und Ländern beginnt das erst. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.12.2009, 09:42 Uhr)

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