Dieser Laden verkauft nur abgelaufenes Essen

In Dänemark wurde der weltweit erste Supermarkt eröffnet, der Lebensmittel nach dem Verfalldatum weiterverkauft. Was es damit auf sich hat.

Sogar die Prinzessin von Dänemark findet es gut: Marie bei der Eröffnung von Wefood in Kopenhagen. (22. Februar 2016, Facebook/Wefood)

Sogar die Prinzessin von Dänemark findet es gut: Marie bei der Eröffnung von Wefood in Kopenhagen. (22. Februar 2016, Facebook/Wefood)

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1,3 Milliarden Tonnen, ausgeschrieben: 1'300'000'000 Tonnen – das ist eine fast unvorstellbar grosse Menge. Genau diese fast unvorstellbar grosse Menge an Esswaren wird weltweit weggeworfen, und zwar in jedem einzelnen Jahr. Das sei «lächerlich» viel, findet die dänische Umwelt- und Lebensmittel-Ministerin Eva Kjer Hansen. Sie hat sich deshalb in Dänemark für die Eröffnung des ersten Supermarktes weltweit eingesetzt, der nur abgelaufene Esswaren verkauft. Oder solche mit beschädigten Verpackungen. Jedenfalls Essen, das noch problemlos geniessbar wäre, von normalen Supermärkten aber weggeschmissen werden würde.

Wefood heisst der Laden, der vor einigen Tagen in Kopenhagen offiziell eröffnet wurde. Er will nicht nur gegen die Verschwendung von Lebensmitteln ankämpfen, sondern auch Menschen mit wenig Einkommen anziehen. Denn er verkauft die Produkte bis zu 50 Prozent billiger als andere Supermärkte.

Mit dem neuen Konzept zementiert Dänemark seine Vorreiterstellung bei der Bekämpfung von Food-Waste. In den letzten fünf Jahren konnte das Land seinen Lebensmittelabfall um rund ein Viertel reduzieren. Laut dem Handelsmagazin «Dansk Handelsblad» ist Dänemark das Land mit den meisten Initiativen gegen die Verschwendung von Esswaren in der ganzen EU. Doch auch andernorts wurde das Engagement gegen das grosse Wegwerfen verstärkt.

Wegwerfen per Gesetz verboten

In Frankreich etwa ist es den Supermärkten seit einigen Wochen per Gesetz verboten, ihre unverkauften Esswaren wegzuwerfen. Stattdessen werden sie dazu angehalten, die Lebensmittel an wohltätige Organisationen und «food banks» zu spenden, also lokale Essensausgaben. Verstossen die Läden dagegen, können sie mit Bussen von bis zu 3750 Euro belegt werden. Das Gesetz geht auf eine Initiative des republikanischen Politikers Arash Derambarsh zurück. In Europa müssten viele Menschen darum kämpfen, ihre Familien ernähren zu können, «und trotzdem wirft jeder europäische Supermarkt pro Tag im Schnitt mehr als 40 Kilo unverkaufte Esswaren weg», kritisiert Derambarsh. Deswegen habe er seine Initiative lanciert, die er nun in Form einer Petition auf die ganze EU ausweiten will. «Dieser Kampf hat gerade erst begonnen.»

Ähnliche Ziele verfolgt in Grossbritannien der Onlinedienst Approved Food. Er verkauft auf seiner Website Lebensmittel, die kurz vor oder nach ihrem Ablaufdatum stehen. Die Kunden können bis zu 70 Prozent sparen. Gegründet wurde die Initiative vom Ehepaar Dan und Nichola Cluderay, die einst als Markthändler arbeiteten und dann in den Grosshandel wechselten.

In Deutschland scheinen viele Supermärkte das Problem von selbst erkannt zu haben. Fast alle deutschen Supermärkte und Discounter seien bereits als Spender und Sponsoren für Verbände tätig, die Lebensmittel an Bedürftige weitergeben. Das sagt Jochen Brühl, ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, zur Nachrichtenwebsite Huffingtonpost.de. Als «Hauptübeltäter bei der Lebensmittelverschwendung» identifiziert die Zeitung denn auch jemand anderen: die Verbraucher selbst.

Schweizer kämpfen mit Kühlschränken

Auch in der Schweiz wird ein Drittel der Lebensmittel nicht gegessen, sondern weggeworfen. Zwei Millionen Tonnen einwandfreie Nahrung landen laut dem WWF jedes Jahr im Kehricht, im Kompost oder im Abwasser. Nur ein Bruchteil werde an karitative Organisationen gespendet. Und 100'000 Tonnen werden gar nicht weiterverwertet, sondern direkt verbrannt. Das sei «weder ethisch noch ökologisch noch wirtschaftlich vertretbar», findet die GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley. Sie reichte im letzten Sommer deshalb eine parlamentarische Initiative ein (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Ihre Forderung: Die Verbrennung von Lebensmittelabfällen soll verboten werden, oder es soll branchenweise verbindliche Ziele geben, die zu einem langfristigen Ende der Verbrennungen führen. Stattdessen sollen die Lebensmittel an Menschen abgegeben, als Tierfutter oder zur Gewinnung von Biogas verwendet werden. Die Kommissionen für Wissenschaft, Bildung und Kultur beider Räte haben der Initiative zugestimmt, nun wird ein entsprechendes Gesetz ausgearbeitet.

Während die Parlamente das Thema erst debattieren, sind gemeinnützige Organisationen und Private schon viel weiter. In den letzten Monaten und Jahren wurden mehrere Aktionen ins Leben gerufen, die Food-Waste auf die eine oder andere Weise bekämpfen wollen. Dazu gehört etwa der 2014 gegründete Verein «RestEssBar» in Winterthur. Er sammelt in Geschäften, bei Händlern oder in Bäckereien Nahrungsmittel ein, die sonst weggeworfen würden, und stellt sie in öffentlichen Kühlschränken zur Verfügung. 2014 kam in Winterthur der erste Kühlschrank zu stehen, weitere folgten vergangenes Jahr in Luzern, Frauenfeld, Kreuzlingen, Schaffhausen und Olten. Das Konzept funktioniere, sagt Mitgründerin Sarah Weibel zur Nachrichtenagentur SDA. «Innerhalb von zwei Stunden ist der Kühlschrank normalerweise leer.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.02.2016, 19:34 Uhr)

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