Dieser Mann kann tote Firmen wieder zum Leben erwecken

Der Management-Berater Fredmund Malik warnte schon vor Jahren vor dem Finanzcrash und dem Scheitern des neoliberalen Modells. Nun ist er der Mann der Stunde.

«Die grössten Feinde des Kapitalismus sind die leidenschaftlichen Befürworter», sagt Management-Guru Fredmund Malik.

«Die grössten Feinde des Kapitalismus sind die leidenschaftlichen Befürworter», sagt Management-Guru Fredmund Malik. Bild: Keystone

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Der Saal war rundherum getäfert und vollgepackt mit murmelnden Businessleuten. Plötzlich stockten die Gespräche, und eine Welle von Blicken wanderte durch den Raum wie ein Schauder über einen nackten Rücken.

Der Schauder folgte dem erstaunlich zarten Mann mit dem berühmten Krokodilsgesicht, der zu einem Tisch geführt wurde: Oswald Grübel, dem Chef der UBS.

«Grübel ist tatsächlich da», sagte mein Gegenüber, ein sonnengebräunter, asketischer Ex-CEO: «Das beweist, wie ernst man in der Krise Professor Malik nimmt!»

Professor Fredmund Malik redete an einem Lunch des Business Club Zürich im Zunfthaus zum Rüden. Und als er zum Podium schritt, sah er aus wie die perfekte Besetzung des Alpendoktors in einer Vorabendserie: ein tief gebräunter Mann mit grauweisser Haartolle, mit dem drahtigen Gang und den energischen Gesten eines Chefarztes.

Er wurde vom Business-Club-Vorstand angekündigt mit den Worten: «Wir erleben den Untergang der McKinsey-Kultur und den Aufstieg der Malik-Kultur!» Danach redete Malik mit tiefer Stimme und österreichischem Akzent, ganz als Arzt: «Meine Damen und Herren», sagte Malik, «die Ökonomen haben die Krise nicht kommen gesehen, nicht die Politiker oder die teuren Topmanager. Und sie unterschätzen sie selbst heute. Die Krise, das ganze Schlamassel, betrifft nicht den Blutkreislauf des Patienten – diesen könnte man heilen. Das Nervensystem ist zusammengebrochen! Billiges Geld stand am Anfang der Krise. Wenn Zentralbanken und Regierungen immer neues Geld in den Kreislauf pumpen, ist das wenig hilfreich. Die Politik behandelt nur Symptome. Man kuriert einem Alkoholiker das Zittern, indem man ihm Schnaps verabreicht!»

Dieselben Daten, anders gelesen

Malik wartete die nervösen Lacher im Saal ab. Dann sagte er: «Ich habe diese Krise vor Jahren vorhergesagt. Das war keine Hexerei. Ich hatte dieselben Daten wie alle anderen auch. Nur habe ich sie anders interpretiert! Warum aber hat unsere ganze Elite versagt? 60 Prozent aller Lehman-Banker hatten ein Diplom von Harvard! Da waren keine dummen Leute am Werk! Warum also dieses Versagen – von Politik, Universität, Wirtschaftselite?»

Stille.

«Meine Damen und Herren, was meist nicht gesehen wird: Eine alte Welt bricht zusammen, weil eine neue Welt entsteht. Nicht umgekehrt! Die Raupe muss sterben, wenn der Schmetterling geboren wird!»

Gestern Silber, heute Gold

Malik bedeutet auf Arabisch König, und in der Managementberatungsbranche nennen ihn seine Feinde und Kollegen (was meist dasselbe ist) «König Silberzunge». Der Übername ist eine kleine, böse Verbeugung vor Maliks Talent, gut und in scharfen Slogans zu reden.

Malik sagt Sätze wie: «Die grössten Feinde des Kapitalismus sind seine leidenschaftlichsten Befürworter.» Oder: «Die Koppelung von Börsenkursen und Managementeinkommen hat zu einer gefährlichen Geldgetriebenheit geführt.» Oder: «Man sagt, es habe nicht das System versagt, sondern die Moral. Das System sei richtig, nur die Menschen seien schlecht. Wer so argumentiert, argumentiert wie die Verteidiger des Sozialismus von gestern.»

Zehn lange Jahre der Kritik

Das Interessante an solchen scharfen Sätzen ist, dass sie nicht neu sind. Fredmund Malik wiederholt seit über zehn Jahren seine Kritik am Neoliberalismus: Er redet gegen «primitiven Wirtschaftsdarwinismus», gegen Managerboni, die zu falschen Entscheiden und geschminkten Buchhaltungen führen, gegen den «Personenkult» von Managern.

Das sind heute mehrheitsfähige Gedanken. Sie waren es vor zehn Jahren nicht: Und so gilt Malik, der Chef eines 300-köpfigen Wirtschaftsberatungsinstituts, als kommender Mann in der Beratungsbranche. In den Worten seines PR-Managers Klaus Stöhlker: «Die Managementtheorien der Amerikaner sind am Boden. Wir haben hier in der Schweiz einen Weltstar. Und merken es noch nicht einmal.»

Im bis zum letzten Platz besetzten Zunfthaus erklärte Malik, was zu tun wäre:

1. Stop doing the wrong things! Schwören Sie Shareholder-Value und Ihrem Corporate-Governance-Code ab – öffentlich!

2. Lassen Sie im Verwaltungsrat nachdenken, was richtiges Management ist!

3. Schmeissen Sie sofort Ihre Berater raus! Es gibt keine grossen Unternehmenskollapse, bei denen nicht Heerscharen von Beratern beteiligt waren!

4. Aber nicht alle: Nicht die Berater des Malik-Management-Zentrums!

5. Machen Sie die Headhunter arbeitslos. Teure Manager sind nicht automatisch gut. Auch billigere Leute hätten das Milliarden-Desaster anrichten können!

6. Schaffen Sie nicht die Boni, aber die Boni-Systeme ab! Die jetzigen führen nur zu Kursmanipulationen.

7. Wie wäre es mit einem Schweigejahr für alle Wirtschaftsinstitute mit ihren konstant falschen Prognosen?

8. Stellen Sie sofort Ihre Ausbildungsprogramme für Kader ein! Lassen Sie alle MBA-Leute brainwaschen: Sie haben nur Unfug gelernt. Für eine Reorientierung bei uns genügt ein Tag! Zur Sicherheit fünf Tage. Und nach zehn Tagen kann Ihr Mann schon wieder holprig Auto fahren!

Zusammengefasst sagte Malik also: «Die Produkte meiner Konkurrenten sind Dreck.» Und kam zur Vision einer neuen Welt: «Meine Damen und Herren, wir haben in unseren Firmen gute Köpfe, aber die falschen Instrumente. Ich habe aus denselben Daten, die allen vorlagen, beweisbar schon vor Jahren den Crash vorhergesagt. Firmen werden heute mit mittelalterlichen Sextanten geführt. Wir brauchen Managementtools für das Zeitalter der Satellitennavigation!»

Der Mode unterworfenes Business

Frauen haben, wenn sie Halt brauchen, die Möglichkeiten der Schminke und der Kleidung. Männer haben das nicht – besonders nicht in Kaderfunktionen: Norm-Anzüge, Norm-Schuhe, Norm-Haarschnitt. Vielleicht findet deshalb hier die Mode im Kopf statt: Saison für Saison flutet eine Welle von Management-Literatur durch Buchhandel und Business-Zeitschriften: Management by Objectives, Management by Walking Around, by Exceptions, by Delegation, by Results, Lean Management, One-Minute-Management, Change-Management, Shareholder-Value, Stakeholder-Value...

Die Wellen an Theorien, Büchern, Artikeln ist beeindruckend. Sie sind die Werbung für das wirkliche Geschäft: Seminare und Beratungen. Topmanager und ganze Abteilungen von Firmen buchen Erweckungsshows mit Stimmen von Bekehrten, ihren Erfolgsberichten und todsicheren Rezepten am Ende.

In dieser unsteten Branche ist Malik einer der wenigen langfristig Erfolgreichen: Seine zahlreichen Bücher sind in ihrer Mehrzahl Bestseller, seine Produktepalette beinhaltet abonnierbare Malik-Briefe, Malik-DVDs, Malik-E-Learning-Programme, Malik-Kurse, Malik-Vorträge und Malik-Seminare und Malik-Beratungen von Einzelpersonen und ganzen Firmen. Der ehemalige Managementprofessor Fredmund Malik hat in St. Gallen erst im Nebenjob, dann als Besitzer eine beeindruckende Firma aus dem Boden gestampft: mit 300 Beratern, die samt und sonders die Malik-Philosophie vertreten.

Soja, Schweine und Orangen

«Meine Damen und Herren», erklärte er am Rednerpult, «ich hatte sechs Jahre Industriepraxis in einem Unternehmen, bevor ich Betriebswirtschaftslehre studierte. Ich brauchte dazu vier Semester – mehr Zeit wäre Verschwendung gewesen. Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, wie wenige Professoren Erfahrung in der Praxis haben! Ich stehe an der Spitze einer Firma mit 300 Malik-Managementexperten, die weltweit eine, EINE Doktrin vertreten – in einer Konsequenz, die ich von keiner vergleichbaren Firma kenne. Seit Jahren bin ich jeden Tag auf den Märkten an der Börse. Und zwar auf dem heissesten Markt: im Futures-Handel. Normale Anleger erfahren den Zyklus von Up and Downs zwei-, dreimal im Leben. Ich habe bei den Rohstoff-Futures zwei bis drei Zyklen pro Jahr – Soja, Schweine, Silber, Orangen –, ich weiss: Jeder Bullenmarkt kehrt zu seinem Startpunkt zurück. Investoren werden bei lebendigem Leib gesotten! Ich bin Alpinist in extremsten Höhenlagen. Ich berate Unternehmen in extremster Komplexität. Das können Sie heute mit herkömmlichen Managementmethoden gar nicht mehr bewältigen!»

Und dann sagte Malik den einzigen Satz, der seine Aufzählung noch steigern konnte. Der Satz fiel mit atemberaubender Direktheit: «Meine Damen und Herren, wir können buchstäblich tote Unternehmen wieder zum Leben erwecken!»

Komplexität meistern!

In drei Sätzen ausgedrückt, sieht Maliks Hauptbotschaft wie folgt aus: Kennzeichen unserer neuen Welt ist enorme Komplexität, die jede Zentrale, also nicht zuletzt die Politik, überfordert. Dadurch wird der gute Manager zum wichtigsten Berufsmann der ganzen Welt. Und gutes Management ist ein Handwerk, dass sich lernen lässt – korrekt eigentlich ausschliesslich bei Malik.

Warum dort? Weil Malik ein Leben lang an der Synthese von Kybernetik (der Wissenschaft komplexer Systeme) und Managementpraxis geforscht hat.

In fünf Stunden Interview erklärt er dazu allerdings verblüffend wenig: wenig mehr als die gestanzten Sätze der Kritik an den Irrtümern der schlechten Manager und ihrer noch schlechteren Berater.

Professor Malik ist ein höchst wacher Mann, der fünf Stunden fugenlos in seiner Rolle bleibt: als Arzt, Berater, unerschütterlich Kompetenter. Seine Eitelkeit ist von entwaffnendem Ernst. Er ist zudem einer der wenigen Menschen ohne sichtbaren Funken Humor, der Pointen formuliert. Spricht Malik über sein Leben, erinnert er sich an keinen Fehler in einer These, Entscheidung, Prognose. Jede seiner Erinnerungen von Jugend an handelt von Energie und Erfolg.

Krise und Komplexität

Die Fugenlosigkeit verblüfft bei einem Mann, dessen lebenslange Interessen melancholische Themen sind: Krise und Komplexität. Und dessen leidenschaftlicher Ratschlag an seine Kunden waches Misstrauen ist – gegen Berater, Banken, alle Autoritäten (ausser Malik selbst). Und dessen wichtigster Rat an Unternehmer Wettertauglichkeit ist, also die stete Vorbereitung auf das Worst-Case-Szenario.

Malik rät den Managern zur selbstbewussten Bescheidenheit guter Handwerker, während in seinem Institut sämtliche Schilder mit dem Königs-Namen beschriftet sind.

Ein wenig funktioniert der Professor wie ein Magier, der ungern über seine Tricks redet. Er traut seinen Management-Erfindungen nichts weniger als die Neuorganisation der Welt in der Finanzkrise zu. Aber er redet ungern darüber.

Gefragt, wie man tote Unternehmen wieder zum Leben erwecke, sprach Malik über seine Methode der «Syntegration». Diese besteht darin, dass die wichtigsten 30, 40 Leute einer fast bankrotten Firma quer durch die Hierarchien ein paar Tage zusammenkommen und unter der Anleitung von Malik-Beratern zu vorher ungedachten neuen Lösungen gelangen. Inklusive eines soliden Business-Plans.

«Wie funktioniert das genau?», fragte ich. Der Professor sah mich aus stahlblauen Augen an. «Es funktioniert. Wir haben eine Syntegration über 300-mal durchgeführt. Und es gab keinen einzigen Fehlschlag. Ehrlich. Keinen einzigen!»

«Aber wie funktioniert es genau?»

«Das kann man nicht beschreiben», sagte Fredmund Malik. «Das kann man nur erleben.»

Angst vor Aufständen

Malik hatte seinen Vortrag beendet. Der jüdische Financier neben mir klatschte. Dann grinste er mir zu. Und sagte: «In einem Satz gesagt: Management rettet die Welt und Malik das Management.» Ich fragte: «Und wird er sie retten?» Er sagte: «Der Professor ist sicher ein gescheiter Mann. Aber gescheit sind einige. Und ich brauche den eigenen Kopf. Deshalb zwinge ich mich, nicht zu oft zu irgendwelchen Lunches wie dem hier zu gehen. Man rennt sonst mit der Herde.»

Über dem Dessert sagte mein Tischnachbar plötzlich: «Was meine besten Kunden an der Finanzkrise wirklich fürchten, sind die Aufstände.» – «Aufstände? Das ist nicht Ihr Ernst», sagte ich. «Doch», sagte er. «Sie würden sich wundern, wie viele reiche Leute sich kleine Zweitwohnungen in Mittelklassquartieren gekauft haben. Damit sie dort untertauchen können, wenn die Villenviertel brennen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.05.2009, 22:22 Uhr)

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