Dieser Urzeit-PC steuert die Atomraketen der USA

Das Verteidigungsministerium der USA kontrolliert Atomraketen, Bomber und Tanker mit einem System, das mehr als 50 Jahre alt ist. Daten werden auf Floppy Discs gespeichert.

Topmodern – vor vierzig Jahren: IBM Series/1.

Topmodern – vor vierzig Jahren: IBM Series/1. Bild: IBM

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Wer an die amerikanische Armee denkt, denkt an futuristische Hightech-Lösungen. Er irrt. Das Verteidigungsministerium der USA setzt mitunter hoffnungslos veraltete Technologie ein. So basiert das Kommandosystem, das unter anderem die interkontinentalen Raketen steuert und überwacht, auf fünfzig Jahre alter Computertechnik. Das kritisiert der US-Rechnungshof in einem 80-seitigen Bericht.

Das Strategic Automated Command and Control System des Verteidigungsministeriums ist das Gehirn der Atomstreitmacht USA. Insgesamt 175 Menschen haben auf den hochsensiblen Bereich Zugriff. Sie erteilen damit im Ernstfall Befehle an die Armee-Einheiten. So werden Interkontinentalraketen, Bomber, Tankflugzeuge, Munitionsdepots und Aufklärungssysteme gesteuert, wie der Rechnungshof festhält. Das System wurde ab 1963 entwickelt. Sein Kern ist also 53 Jahre alt.

Speicherplatz für ein PDF

Gewisse Teile des zentralen Armeesystems sind etwas jünger. Etwas. So laufen die Eingaben über IBM-Computer des Typs Series/1. Das Gerät kam 1976 auf den Markt. Es war die Antwort des Konzerns auf die damals aufkommenden Minicomputer der Konkurrenten Digital Equipment Corporation, Data General und Hewlett-Packard. Die Series/1 kostete zwischen 10'000 und 100'000 Dollar – je nach Konfiguration. Sie wurde vor allem zur Steuerung von Grosssystemen benutzt. «Für damalige Zeiten war sie sehr leistungsfähig», sagt Computerexperte Robert Weiss. Im Vergleich zu einem heutigen Smartphone ist die Series/1 aber eine lahme Ente. Ein iPhone 6 arbeitet mindestens zehn Millionen Mal schneller als das Urzeit-IBM-Gerät.

Daneben liess die Series/1 minimale Datenspeicherung zu. Der interne Speicher betrug 16'384 Bytes oder 0,01 Megabyte. Zusätzlich konnte man Daten auf Floppy Discs festhalten. Diese Datenträger hatten einen Durchmesser von 20 Zentimeter und konnten ursprünglich bis zu 180 Kilobyte an Daten aufnehmen – so viel braucht heute ein normales PDF. Für damals war es indes ein riesiger Fortschritt, konnten doch so die unhandlichen Lochkartenstapel ersetzt werden. Verbesserte 8-Zoll-Floppy-Discs können bis zu 1 Megabyte an Daten speichern. Sie sind beim Verteidigungsministerium bis heute im Einsatz. «Wir halten ganz einfach am System fest, weil es noch läuft», so eine Sprecherin.

Eine IBM-Series/1-Anlage mit Server aus den Siebzigerjahren.

Unterhalt wird immer teurer

Laufen tut das System noch. Doch es ist anfällig, wie der US-Rechnungshof in seinem Bericht festhält. Der Unterhalt sei teuer, weil «Ersatzteile kaum mehr zu bekommen sind». Zudem wurde Assembler – eine hardwarenahe Programmiersprache – verwendet, die heute nur noch wenige Experten beherrschen. Rund 5,6 Millionen Dollar wendet das Verteidigungsministerium jedes Jahr auf, nur um das Urzeitsystem zu warten – Tendenz steigend. Nun naht aber das Ende. Bis 2020 sollen die IBM-Minicomputer und das 50 Jahre alte System durch moderne Computeranlagen abgelöst werden.

Das US-Verteidigungsministerium ist nicht die einzige Organisation, die noch so alte Informatiksysteme einsetzt. «Auch bei Schweizer Grossfirmen gibt es das durchaus noch», sagt Weiss. Eine Ablösung der veralteten Technik sei aber oftmals schlicht zu teuer. «Das ist ein Riesenproblem.»

IBM-Werbespot aus den Siebzigerjahren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.05.2016, 15:05 Uhr

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