Wirtschaft

«Dringend zu lesen, betrifft unmittelbare Finanzprobleme»

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 08.04.2010

Aktuelle Befragungen zur Krise bei Citigroup zeigen: Das Topmanagement der US-Grossbank wurde frühzeitig über Gefahren in ihren riskanten Strategien gewarnt.

War früh über die Risiken informiert: Robert Rubin (rechts), einst oberster Citigroup-Chef und ehemaliger Finanzminister der USA, zusammen mit Alan Greenspan (links), ehemaliger Notenbankchef.

War früh über die Risiken informiert: Robert Rubin (rechts), einst oberster Citigroup-Chef und ehemaliger Finanzminister der USA, zusammen mit Alan Greenspan (links), ehemaliger Notenbankchef.
Bild: Keystone

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Geht die Finanzkrise auf allgemeine Mängel im Gesamtsystem zurück, dem einzelne Institute bloss zum Opfer gefallen sind? Oder steht am Ursprung das verantwortungslose Verhalten Einzelner? In aktuellen Befragungen des Managements von Citigroup durch einen Untersuchungsausschuss der US-Regierung zeigt sich, dass die hoch bezahlten Topmanager nicht die Opfer sind, als die sie sich gerne selber präsentieren. Citigroup musste in der Krise über 100 Milliarden Dollar abschreiben und galt unter Experten als Zombie-Unternehmen, da die Bank nur dank einer staatlichen Unterstützung von 45 Milliarden Dollar und gelockerten Buchhaltungsvorschriften nicht sofort Bankrott anmelden musste.

Vor dem Untersuchungsausschuss erklärte Richard Bowen, ein ehemaliger Spitzenmanager von Citigroup, dass er schon Mitte 2006 erkannt habe, dass rund 60 Prozent der durch die Bank angekauften Hypotheken nicht den Standards entsprochen haben, die Citigroup selbst als Voraussetzung für solche Käufe aufgestellt hat. Im Jahr 2007 sei die Quote der aufgekauften mangelhaften Kredite sogar auf 80 Prozent angestiegen.

Opfer statistischer Modelle

Andere Spitzenkräfte der Bank haben dem Untersuchungsausschuss dagegen erklärt, sie hätten sich bei ihren Geschäften auf statistische Modelle verlassen, die sich im Nachhinein als unzureichend erwiesen hätten. Tatsächlich gilt es heute unter Finanzexperten als unbestritten, dass die finanzmathematischen Methoden, mit denen Risiken und Anlagepreise berechnet wurden, entweder untauglich oder zumindest falsch angewendet wurden. Würde das Problem allerdings bloss hier liegen, wären die Spitzenbanker ebenfalls Opfer. Das Beispiel Citigroup zeigt jetzt, dass das Argument auch zur Verschleierung der eigenen Verantwortlichkeiten verwendet wird.

Die Bank hat die aufgekauften, nicht den eigenen Standards entsprechenden Hypotheken teilweise weiterverkauft, aber auch selbst behalten. Bowen war ein führender Manager in der Kreditabteilung von Citigroup. Laut seinen Aussagen habe er die Spitze der Bank wiederholt auf die Risiken hingewiesen. Eine E-Mail betitelte er sogar in Grossbuchstaben mit der alarmierenden Zeile: «Dringend zu lesen, betrifft unmittelbare Finanzprobleme.» In seinen Meldungen warnte er ausdrücklich vor «möglicherweise nicht erwarteten hohen finanziellen Verlusten». Empfänger seiner Warnungen waren unter anderem der Risikochef der Bank, der Finanzchef und Robert Rubin, der zwischenzeitlich als Verwaltungsratspräsident gewirkt hat.

Machtfaktor Rubin

Bekannt ist Rubin als ehemaliger Finanzminister der Clinton-Administration. In dieser Zeit fiel die wichtigste Regulierung der Finanzbranche, die ein Zusammengehen von Investmentbanken und Depositenbanken untersagt hat. 26 Jahre hat Rubin auch als Spitzenmanager bei Goldman Sachs gearbeitet. Heute will die Obama-Administration den Depositenbanken erneut den Eigenhandel untersagen. Damit haben die Investmentbanking-Abteilungen in den Jahren vor der Krise ihr grosses Geschäft gemacht – und hier sind sie die letztlich untragbaren Risiken eingegangen.

Rubin liess Bowen damals indirekt kurz ausrichten, seine Warnungen würden ernst genommen, doch tatsächlich hat sich am Risikoverhalten der Bank nichts geändert. Rubin und Charles «Chuck» Prince, CEO von Citigroup bis 2007 werden heute vor dem Ausschuss aussagen müssen. Es würde nicht überraschen, wenn auch sie erzählen, sie hätten beim besten Willen nicht ahnen können, welche Risiken im Geschäft gelauert haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.04.2010, 13:33 Uhr

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