Wirtschaft

Druckaufträge der Migros sorgen für rote Köpfe

Migros-Chef Herbert Bolliger kritisiert den grenznahen Einkaufstourismus, der Arbeitsplätze gefährde. Dabei druckt die Migros für viel Geld im Ausland. Aus Preisgründen, wie sie selbst sagt.

Erhebt oft den moralischen Zeigefinger: Migros-Chef Herbert Bolliger. Bild: Keystone

Erhebt oft den moralischen Zeigefinger: Migros-Chef Herbert Bolliger. Bild: Keystone

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Am Freitag, dem 9. Dezember, publizierte Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Artikel «Druckaufträge der Migros sorgen für rote Köpfe». Nach der Publikation wünschte die Migros zwei Arbeitstage Zeit, um die im Artikel genannten Zahlen zu prüfen. Die Redaktion entschied sich, den Artikel vorübergehend vom Netz zu nehmen und der Migros die Möglichkeit zu geben, sich präziser zu äussern. Die Präzisierungen sind im Artikel neu zu finden.

Die Migros schreibt zudem: «Die auf Basis von Gerüchten verbreitete Posse, dass die Migros ihre Druckaufträge zunehmend ins Ausland vergibt, ist komplett falsch. Die Migros lässt den grössten Teil ihres Volumens im Inland drucken. Zudem gab es in den letzten Jahren keine zunehmende Verschiebung von Druckaufträgen von der Schweiz ins Ausland, schon gar nicht nach Asien/China. Die wenigen Aufträge, die die Migros ins Ausland vergibt, können von Schweizer Druckereien nicht ausgeführt werden, da die grossen Auflagen nicht zeitgerecht geliefert werden können oder die technischen Voraussetzungen fehlen. Das unter grösstem wirtschaftlichem Druck stehende Reiseunternehmen Hotelplan lässt seit Jahren aus Kostengründen im Ausland drucken.»

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest und will verstanden wissen, dass sie die Migros gewissenhaft mehrfach mit allen Vorwürfen und Zahlen konfrontierte. In der nachgereichten Stellungnahme bleibt weiter offen, wie hoch die konkreten Beträge sind, welche die Migros im Ausland ausgibt.

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In der Werbung zeigt sich der Detailhändler Migros gern von seiner volksnahen und regionalen Seite. Es ist eine Welt geprägt von Bauern, die ihre Kartoffeln noch selbst in die nächste Filiale karren. Schweizer Tradition und regionale Verbundenheit werden in der Werbung üppig zelebriert.

Im knallharten Geschäftsalltag sieht die Realität anders aus. Für rote Köpfe sorgt die Migros in der Schweizer Werbe- und Druckindustrie. Wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus Migros-nahen Kreisen erfuhr, vergibt der grösste Schweizer Detailhändler angeblich Druckaufträge in Millionenhöhe an ausländische Firmen. Offenbar aus Preisgründen, wie verschiedene Branchenvertreter sagen. Weil die Kosten im Ausland deutlich tiefer lägen, würde die Migros zunehmend im grenznahen Ausland drucken. Hartnäckig hält sich gar das Gerücht, dass der Detailhändler jüngst vereinzelt Aufträge nach China vergeben habe.

Nanomania-Figuren aus China

Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet dementiert die Migros Geschäftsbeziehungen in Fernost. Aufgrund von Informationen aus dem Marketing bestätigt Mediensprecherin Martina Bosshard einzig, dass die Spielfiguren der Nanomania-Aktion Anfang Jahr in China produziert wurden. Das habe die Migros jedoch immer transparent kommuniziert. Im Fall Nanomania bestätigt Bosshard zudem, dass die dazugehörigen Stickerbooklets in Italien gedruckt wurden. Die Wahl wird damit begründet, dass die Migros mit jener Spezialdruckerei zusammenarbeitete, die auch die bekannten Abziehbilder von Panini herstellt.

Und was ist von der Kritik zu halten, dass die Migros mit grenznahen Druckereien in Deutschland zusammenarbeitet? Bosshard bestätigt die Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Auf Anfrage schreibt die Mediensprecherin: «Ein geringer Teil wird im grenznahen Ausland gedruckt, vor allem in Deutschland. Dies betrifft Zeitungsbeilagen für Fachmärkte sowie einen Teil des Cumulus-Versands.»

Wie Druckexperten schätzen, sei der «geringe Teil» nicht zu unterschätzen. Jährlich vergebe die Migros Druckaufträge in der Höhe von 160 Millionen Franken. In gut informierten Kreisen kursieren Beträge zwischen 20 und 30 Millionen Franken, die der Detailhändler im Ausland vergeben haben soll. Zahlen will die Migros nicht kommentieren.

Das Unternehmen teilte nach einer längeren Abklärung (siehe Box links) der Redaktion mit, dass alle Migros-Genossenschaften, alle Industrie-Unternehmen und das Departement Handel sowie die Migros-Medien 100 Prozent ihrer Druckaufträge an Schweizer Druckereien vergeben würden. Das Marketing MGB vergebe 77 Prozent ihrer Druckaufträge in die Schweiz; 23 Prozent hingegen gingen in den EU-Raum (D/A/I). Die Begründung: Keine einheimische Druckerei könne die hohen Auflagen zeitgerecht drucken. Auch im Ausland lässt die Hotelplan-Gruppe drucken. Kataloge und Preislisten würden zu 100 Prozent im Ausland produziert. Die Migros begründet dies mit günstigeren Preisen (um 20 und mehr Prozent). Wie hoch die konkreten Beträge sind, welche die Migros im Ausland investiert, wollte die Pressestelle nicht sagen.

Migros-Chef gegen Einkaufstourismus

Für Irritation sorgt die Sache mit den Druckaufträgen deshalb, weil Migros-Chef Herbert Bolliger in den letzten Monaten immer wieder den zunehmenden Einkaufstourismus seiner Kunden anprangerte. Zwei Milliarden Franken pro Jahr würden inländische Anbieter dadurch verlieren, was Arbeitsplätze in Gefahr bringe. In grenznahen Filialen hat die Migros bereits Arbeitsplätze abgebaut.

Dass der Detailhändler mit seinem Tiefpreis-Versprechen unter Druck steht, macht die Investitionen im Ausland nachvollziehbar, steht das Unternehmen doch im Segment der preissensitiven Kunden mit Lidl und Aldi in harter Konkurrenz. Die Kritik Bolligers am Einkaufstourismus wirkt dagegen unglaubwürdig. Die Migros schreibt dazu: «Wir finden es vertretbar, aus Kapazitäts- und Preisgründen einzelne Aufträge ins grenznahe Ausland zu vergeben. Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir annähernd 100 Prozent in der Schweiz drucken, weiterhin der grösste private Arbeitgeber sind und jährlich über eine Milliarde Franken in den Wirtschaftsstandort Schweiz investieren.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.12.2011, 09:02 Uhr

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