Wirtschaft
Ehre und Abenteuer des Hauses Vontobel
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 21.01.2010 5 Kommentare
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Der Patron ist 93 und fährt noch jeden Morgen mit dem Tram zur Arbeit, ein magerer, wacher, eleganter Mann. Sein Büro ist voller Antiquitäten, einen Bildschirm sucht man vergeblich: «Ich erlaube mir die Bemerkung, dass mein wichtigstes Arbeitsinstrument nicht der Computer, sondern der Papierkorb ist.»
Hans Vontobel ist ein Privatbankier alter Schule: konservativ in seinem Charme und in seiner Skepsis. Er rät zu den Tugenden, welche die Schweiz gross werden liessen: «Fleiss, Korrektheit, Gründlichkeit». Die Exzesse seiner Branche sind ihm tief verdächtig. Echtes Glück ist für ihn, dessen Familienvermögen auf 1,5 Milliarden Franken geschätzt wird, eine Bratwurst nach einer langen Wanderung im Regen. Und: «Der zweitgrösste Luxus ist das Gespräch mit anderen Menschen.»
Ruhe und Weitsicht
Er ist ein Banker, der Ruhe und Weitsicht preist – gerade im modernen Banking: «Es geht um Menschen, nicht nur um Zahlen», sagt er. Und: «Ein gewisses Tempo darf nicht überschritten werden, sonst ist man nicht mehr seriös.»
Dabei ist der Patron kein Melancholiker. Noch mit 93 schätzt er trockene Drinks und Scherze, etwa zu seinem abendlichen Wodka Orange: «Vorsicht! Dieser Drink sieht seriös aus, ist es aber nicht – das ist wie bei den Bankiers!»
Hans Vontobel ist ein Privatbankier wie aus einem alten Roman. Und seine Bank Vontobel ist ein Institut, in dem Umgangsformen, Militärkarriere, Augenmass gepflegt werden. Und das die abenteuerlichsten Banker hervorbrachte, die die Schweiz je sah.
Erste Adresse für Wildheit
Konzerne in Panik, Bankrotte, Kriminalaffären, platzende Blasen, sensationelle Gewinne, Karrieren und Abstürze – die Finanzbranche hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur viel Macht, sondern auch viel Abenteuer bekommen. Ohne die Tatkraft derer, die bei der Bank Vontobel ihre Karriere begannen, sähe die Schweizer Wirtschaftsgeschichte vernünftiger, aber ärmer aus: Es waren der Financier und Firmenjäger René Braginski, der BZ-Bank-Gründer Martin Ebner, der gestürzte Kantonalbank-Chef Hans Vögeli, der in endlosen Kämpfen ruinierte Oskar Holenweger, der in Ungnade gefallene Börsenchef Jörg Fischer und der New-Economy-Wunderbanker Hans-Peter Bachmann. Sie machten Vontobel zum Labor für zeitgemässes Banking und zur ersten Adresse für Wildheit.
Väter und Söhne
Die Geschichte der Bank Vontobel ist überraschend kurz: Im Prinzip ist es die Geschichte von zwei ungeliebten Vätern und zwei unglücklichen Söhnen.
Die Bank war winzig, die Jakob «Jacky» Vontobel 1936 übernahm, eher ein Börsenkontor, mit gerade 12 Mitarbeitern. Der Vorabend des Weltkriegs war eine schlechte Zeit für Geschäfte. Aber Kargheit passte zu Jakob Vontobel: Sein Geiz war Legende. Es hiess, er zähle sogar die Büroklammern nach. Der Sohn Hans empfand ihn als «autoritären Patriarchen». Sein Vater zwang ihn zur Bank: zum Hand-in-den-Mund-Gehalt von 495 Franken. Lob gab es nie: Der Vater tadelte oder schwieg. Hans träumte jahrzehntelang von Flucht, aber er blieb. Als der Vater ihm das Chefbüro räumte, war der Sohn 60 Jahre alt.
Nicht denselben Fehler machen
Hans Vontobel wollte es besser machen. Er übergab seinem Sohn Hans- Dieter den Sessel fünf Jahre später. «Ich wollte nicht denselben Fehler machen wie mein Vater. Der Sohn sollte nicht bis ins hohe Alter an den Vater rapportieren müssen.» Das erste Problem war: Der Sohn wollte die Bank gar nicht. Hans-Dieter Vontobels Herz schlug für Pferde und ein Leben nach der Bibel. Das zweite Problem war: Hans Vontobel wiederholte den Fehler doch: Er blieb.
Denn als Verwaltungsratspräsident war der Patron – wie später auch als Ehrenpräsident – jeden Werktag im Büro. Zwecks Empfang der besten Kunden und zum Plaudern mit den Mitarbeitern. Sein Lieblingsbeginn für ein Gespräch wurde: «Ich frage mich . . .» Dann muss man höllisch aufpassen, was man sagt. (Als ein Kader zugab, dem Sohn nicht zu widersprechen, «weil man den Träger des Namens Vontobel nicht kritisiert», wurde er prompt entlassen: aus «falsch verstandener Loyalität».)
Ein stilles, freundliches Geschäft
Ein Sprichwort heisst: «Frei ist, wer mehr als drei Herren dient.» Bei Vontobel genügten zwei. Die wilde Zeit begann Mitte der 80er-Jahre, als Vater und Sohn gleichzeitig herrschten. Und das Banking, zuvor eine Sache für Beamte in Ärmelschonern, neu erfunden wurde. Bis dahin erledigte Vontobel das gleiche Geschäft wie alle Zürcher Banken: Man empfing vermögende Schwarzgeldkunden, machte Konversation und molk dicke Kommissionen. Es war ein stilles, freundliches Geschäft.
Doch Hans-Dieter Vontobel holte hungrige junge Männer, die nach Amerika sahen. Dort ermöglichte der Computer neue Finanzinstrumente. Und neue Kunden wurden lukrativ: Pensionskassen, prall voller Spargelder aus 30 Jahren Wirtschaftswunder. Die Kassen hatten ein Problem: Die auch prallen, trägen Konzerne warfen nur kleine Rendite ab. Die Lösung: Entweder finanzierte man Raider, die die fetten Konzerne aufkauften, filetierten und die stillen Reserven verflüssigten. Oder man machte ihnen mit der Drohung, dies zu tun, Angst und Beine und zwang sie zur Schlankheitskur.
Fehlbare Analysten gedemütigt
Mit den institutionellen Kunden beschäftigten sich bei Vontobel zwei junge Banker, René Braginski und Martin Ebner. Braginski ging vier Jahre später, während Ebner die erste moderne Analyseabteilung aufbaute: mit Computer, Rund-um-die-Uhr-Recherche und Ellbogen: Er hielt gefürchtete Runden ab, wo er faule oder fehlbare Analysten demütigte.
1984 fühlte sich Ebner fit genug, um seinen Chef Hans-Dieter Vontobel abzusetzen: Er verlangte von dessen Vater Hans das Urteil. Der überlegte und sagte: «Ich habe eine bessere Idee. Nicht er, sondern du wirst uns verlassen.»
Noch härter traf Hans-Dieter, der noch immer flüchten wollte, das Ende seines Militärkameraden Oskar Holenweger: Der zackige Gesellschaftslöwe Holenweger übernahm von ihm die Geschäftleitung, setzte dort aber eine teure Expansion ins Beratungsbusiness in den Sand und musste 1995 gehen: Und Hans-Dieter war wieder Chef.
Sohn eines Offiziers
Als nächster Ehrgeiziger kam der begeisterte Militär Hans Vögeli, in der Bank «Zwitscherer» genannt, der eine Expansion nach Hongkong versiebte.
Dann, Mitte der 90er, erwachte ein gelangweilter junger Mann bei Vontobel: Hans-Peter Bachmann. Der ehemalige Farbspritzpistolenverkäufer hatte seinen Job aus einem einzigen Grund bekommen: Er war der Sohn eines Offiziers. Bei Vontobel war das Militär Tradition: Sämtliche Chefs waren Oberst – selbst der Pressesprecher. In diesem feldgrauen Milieu begann Bachmann das heisseste Business der 90er-Jahre aufzubauen: Börsengänge für Internetfirmen mit unmilitärischen Namen wie Day, Fantastic oder Think Tools. Die Firmen waren teilweise ohne Produkt, Umsatz, Gewinn, aber versprachen einen Claim in der Goldmine der Zukunft: Das Business brummte: Wirtschaftspresse, Grossinvestoren, Kleinanleger waren begeistert. Bald brachte das Internet-Börsenbusiness die Hälfte des Vontobel-Gewinns.
Die wilde Karriere endete, als die Blase platzte
In der steifen Bank hasste man Bachmann: sein Duzen, sein ewiges Handy, seine wilden Pullover. Man schätzte aber die hohen Boni und die Steuersparvehikel auf den Cayman Islands: Allein von 1997 bis 2000 sparte man 100 Millionen Franken Schweizer Steuern.
Bachmanns fröhliche, wilde Karriere ist in Roger Schawinskis Buch «Wer wird Milliardär?» nachzulesen. Sie endete, als die Blase platzte. Die Börse war tot, und Bachmann war es auch. Am 15. März 2001 wurden Hans-Peter Bachmann und sein Chef Jörg Fischer von Hans-Dieter Vontobel entlassen und danach öffentlich hingerichtet. Er sprach finster von Unregelmässigkeiten und sagte: «Vertrauen verspielt man, indem man nicht zu Fehlern steht, wenn man unaufrichtig handelt, wenn man andere hintergeht oder gar lügt.»
Der Fluch über Vontobel
Damit hatte Bachmann und Fischer das Ende getroffen. Es war, als ob ein Fluch über den Karrieren der Vontobel-Banker lag: Sie alle scheiterten mit nur einer Ausnahme. Der Einzige, der davonkam, war René Braginski: Bewaffnet mit den Geldern dicker Pensionskassen, kaufte er Firmen auf. Sein spektakulärster Angriff allerdings scheiterte: 2000 griff er Sulzer an. Aber dieses Scheitern erwies sich als Glück. Kurz nachdem er seine Aktien enttäuscht verkauft hatte, stürzte der Kurs in den Abgrund.
Martin Ebner gründete mit noch mächtigeren Pensionskassen eine mächtige Bank. Er kaufte auf Kredit von wenigen Unternehmen riesige Aktienpakete auf, auf die er wieder Kredit nahm, um weitere Pakete zu kaufen: Er tat dies, teils um das Management unter Druck zu setzen (und verbreitete Panik etwa bei ABB, Roche, UBS, Winterthur), teils um den Markt zu kontrollieren. Beim Internet-Börsencrash 2001 knickte das Imperium zusammen. Ebner überlebte nur durch einen 200-Millionen-Privatkredit seines Freundes Christoph Blocher und den Notverkauf der zentralen Pakete an die ZKB.
Ein runinierter Mann
Auch Oskar Holenweger hatte seine Bank gegründet: Tempus. Im Dezember 2003 brachen schwer bewaffnete Polizisten die Wohnungstür auf. Ein Ex-Drogenbaron hatte ihn als Geldwäscher denunziert. Seitdem lebt Holenweger ein Kafka-Leben in einem endlosen Verfahren ohne klare Anklage : ein ruinierter Mann, getrieben von der einzigen Hoffnung, irgendwann als Greis eine riesige Entschädigung zu kassieren.
Hans Vögeli kaufte von Ebner und baute die ZKB um: zu einer der grössten Derivathändlerinnen. Zum Verhängnis wurde ihm, als er die Braginski entkommene ZKB-Kundin Sulzer dem russischen Oligarchen Viktor Vekselberg auslieferte: indem die ZKB über Optionen in unzähligen kleinen Tranchen Sulzer zusammenkaufte. Als bekannt wurde, dass Vögeli auch privat Sulzer-Optionen gekauft hatte, wurde er gefeuert und entehrt. Der Gewinn aus seinem Privatdeal: 75 000 Franken.
Ein Patron wie aus einem Roman
Hans Vontobel kommentierte das Scheitern seiner Zöglinge knapp: «Wir bedauern nicht, uns von diesen Herren getrennt zu haben.» In Susanne Gigers Biografie* sagte er: «Das Problem, glaube ich, ist immer dasselbe. Ein Unternehmen wird grösser, die Betreffenden nicht. Es ist die Frage, ob der Charakter mitkommt. Diese Leute waren fachlich sehr gut, aber sie haben gemeint, sie seien kleine Herrgötter.»
Und er fügt an: «Das ist für mich als Unternehmer sehr tragisch.» Er selbst sei eben noch «alte Schule». Er lege Wert auf Integrität. Nicht umsonst stehe bei Vontobel im Leitbild: «Wir sind kompromisslos in der Redlichkeit.»
Flucht aufs Gestüt in Südfrankreich
Die Vorwürfe an Bachmann und Fischer sind nie belegt worden. Auch ein Prozess gegen beide endete gestern mit Freisprüchen.
Hans-Dieter Vontobel entfloh bald auf sein Gestüt in Südfrankreich zur Pferdezucht. Sein Vater feuerte danach mehrere Chefs. Zuletzt liess er drei Verwaltungsräte gehen. Diese hatten die Risiken in Bilanz und Derivatgeschäft kritisiert. Dort fahren junge Vontobel-Banker einen aggressiven Kurs.
Hans Vontobel fährt mit 93 weiter jeden Morgen mit dem Tram zur Arbeit. Er liebt philosophische Interviews, wo er sich für Mass, Tugenden und Bescheidenheit ausspricht. Tatsächlich: Er ist ein Bankier wie aus einem Roman.
*Susanne Giger: Hans Vontobel - Bankier, Patron, Zeitzeuge; Römerhof Verlag, Zürich (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.01.2010, 09:04 Uhr
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5 Kommentare
Herr H. Vontobel spricht von Mass,Tugenden und Bescheidenheit. Schöne Worte, doch wer in der heutigen Zeit als CEO/VR auf solche Werte setzt,wird leider sehr schnell ausgewechselt. Die Erfolgerwartungen sind riesig,nicht zuletzt auch von den Aktionären die immer noch mehr Milliarden-Gewinne erwarten, da kommt man mit Bescheidenheit nicht sehr weit. Heute müssen alle "dynamisch" sein. Arme Welt. Antworten
Diese Bank hat unzählige Menschen ruiniert oder geschädigt, ganz zu schweigen von den hunderten Millionen, die Pensionskassen mit ,kundiger Hilfe' der oben erwähnten Personen in den Sand gesetzt haben. Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für all die Fehlleistungen ? Dieser gierige,skrupellose (von Staat und Gerichten geschützte) Kasinokapitalismus dürfte in der finalen Katastrophe enden. Antworten



Yannick Hagmann
Ein paar naive Turbokapitalisten scheinen ihm diesen Euphemismus sogar abzukaufen. Ein guter Redner glänzt durch Widerspruchsfreiheit. Hans Vontobel ist keiner. Man kann nicht innert besagter Zeit auf seriöse Weise 1.5 Mia. Franken Vermögen ansammeln. Mit konkreten Beispielen, wem das Geld unter seiner strategischen Leitung weggenommen wurde, hält sich der Artikel glücklicherweise nicht zurück. Antworten