Ein Prediger, von Gott verlassen

Markus Somm war Tettamantis und Blochers Mann in Basel. Nun sind seine Gönner weg. Und Somm muss ums Überleben kämpfen.

Vor 1000 Jahren wäre Markus Somm ein grosser Heiliger geworden: Nun ist er bei der Basler Zeitung plötzlich ziemlich einsam.

Vor 1000 Jahren wäre Markus Somm ein grosser Heiliger geworden: Nun ist er bei der Basler Zeitung plötzlich ziemlich einsam. Bild: Keystone

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Es gibt das Sprichwort: «Geld ist wie ein falscher Freund. Sobald du Probleme hast, verlässt es dich.» Es gilt auch für Multimillionäre.

Nur zehn Tage Protest genügten, damit der superreiche Investor Tito Tettamanti und sein Anwalt Martin Wagner die «Basler Zeitung» nach wenigen Monaten wieder verkauften. Zurück blieb ein geplatzter Traum von der Errichtung eines konservativen Medienimperiums. Und der einsame Mann, der es hätte umsetzen sollen: der Chefredaktor Markus Somm. Somm sagte dazu gestern nicht viel.Nur den trockenen Satz: «Ich werde weiter im Hotel wohnen.» Frau und Kinder seien gegen einen Umzug nach Basel.

Er sah das Licht

Unter den Journalisten – meist Spötter, Zweifler, Routiniers – ist Markus Somm eine Ausnahme. Freunde und Feinde sagen dasselbe über ihn: «Ein Überzeugter», «der geborene Missionar» oder: «Er hat das Licht gesehen.»

Seit fast 20 Jahren ist Somm Journalist: Die erste Hälfte schrieb er linke Kommentare im «Tages-Anzeiger», danach rechte in der «Weltwoche». Er gilt als kaltblütigster Schreiber in der Branche. Als Redaktor des «Tages-Anzeigers» ging er abends um sieben seelenruhig noch kurz ins Café, obwohl er noch keine Zeile seiner drei Artikel geschrieben hatte. Und in der «Weltwoche» erledigte er lange Mahnartikel an FDP oder SP an einem Nachmittag. Seiner Sprache tut das nichts an: Sie ist bruchlos elegant, lebendig, mit Rhythmus, getrieben von einer stets gleich hohen Dringlichkeit.

Immer dieselben Themen

Somms Themen, egal, ob als Linker oder als Rechter, sind stets dieselben: «Schweizer Politik. Deutsche Politik. Amerikanische Politik», so ein Kollege. «Sonst interessiert ihn nichts. Sein Wissen über Wirtschaft? Fast null. Natur? Ganz null. Internet? Null. Essen und Trinken? Null. Kultur? Null. Nicht einmal Sex interessiert ihn. Vor 1000 Jahren wäre er ein grosser Heiliger geworden. Und wie jeder gute orthodoxe Priester hat er auch fünf Kinder.»

Die Leidenschaft für Politik ist, was seine engen Freunde anzieht und viele Untergebene entsetzt: Somm diskutiert endlos wie eine Maschine. Seine (auch linksliberalen) Freunde loben seinen Humor, seinen Charme, seine Energie, seine Geselligkeit. Andere, oft Kollegen, haben weder Humor noch Charme kennengelernt: «70 Mal dieselbe Diskussion! Immer darüber, dass die SVP mehr recht hat, als ich angeblich vermute. Immer Politik! Immer Ideologie! Somms Lieblingswaffe ist pure Zermürbungstaktik.»

Und unermüdlich spricht Somm über den Mann, über den er eine 550-seitige Biografie schrieb, und dessen Erscheinen in Basel ihn fast hat stürzen lassen: Christoph Blocher.

Die hundert Tage von Basel

Als Somm vor drei Monaten nach Basel kam, war das Misstrauen gross. Er galt als unverkäuflicher Ideologe. Man wusste, dass Somm sich zuvor verzweifelt überall beworben hatte: bei der NZZ, bei der «SonntagsZeitung», als Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Dies, weil sein Chef Roger Köppel die «Weltwoche» längst im Alleingang führt: Es gibt keine Diskussionen mehr, kein Brainstorming, nur noch Befehle: auch für Vizechefredaktor Somm.

Für alle überraschend eroberte Somm (der gegen befürchtete Proteste vorsorglich Streikbrecher organisiert hatte) die Redaktion schon am ersten Tag: Dadurch, dass er sofort am Dienstpult stand und Ideen lieferte. Und am nächsten Morgen – anders als seine Vorgänger – «die erste interessante Blattkritik seit Jahren hielt».»

Gefürchteter Chef

Nach einer Woche war die Redaktion begeistert. Doch drei Monate später forderte sie in einem Protestbrief seine Absetzung. Der Grund dafür war zunächst: Als Chef war Somm bereits in der «Weltwoche» gefürchtet. Fast nie da, immer spät, immer improvisierend. Und nur an Politikartikeln interessiert. In einem kleinen Blatt klappte das. In einer Maschine wie der BaZ löste es Katastrophen aus, wenn etwa um halb sieben klar wurde, dass Somm die Bestellung des Frontkommentars schlicht vergessen hatte. Und dann trat Somm als Chef schnell im gleichen Stil wie sein Peiniger Köppel auf. Er änderte im Alleingang per Dekret das Layout und setzte einen rechten Kolumnisten auf die Front: Max Frenkel, den Lieblingskommentator des Investors Tettamanti.

Frenkel beleidigte sofort die Basler als «Volksrepublik», voller «Beamten und Lehrer». Dazu, nun meistens abwesend, pflasterte Somm die BaZ mit Kommentaren im Dutzend zu: alle SVP pur. Gleich dreimal etwa gegen die SP-Steuerinitiative. Er begründete das damit, die Redaktion habe «ja eine Kampagne für die SP» geführt. Da habe er Gegensteuer geben müssen. Die Redaktion war verblüfft, dass Somm sie pauschal für links hielt. Und sich als Chef in der Rolle ihres politischen Gegners sah.

Schliesslich flog auf, dass Tettamantis BaZ-Berater Christoph Blocher hiess. Das Basler Publikum tobte: 1600 Abonnemente wurden abbestellt. Somm sagte der Redaktion kühl, er müsse sich «nicht von Blocher distanzieren», da er mit Blocher «die gleiche Meinung» teile. Also bestehe keine Gefahr, dass Blocher Einfluss nehme: Er selbst sei ja der «Statthalter Blochers». Danach hatte er sogar den unpolitischen Sportbund gegen sich.

Ein Mann mit Brille

Nun sind Tettamanti und Blocher Geschichte. Der neue Besitzer heisst Moritz Suter ebenfalls ein Rechtsbürgerlicher, aber sonst in allem das Gegenteil von Somm: ein Gesellschaftslöwe, Bonvivant und trickreicher Pragmatiker, so ideologisch wie eine Katze.

Somm wird sich für Suters Basel neu erfinden müssen. Das hat er schon mal: Um 2003, als er sich vom Linksliberalen in einen Nationalkonservativen wandelte. Sehr radikal war Somm zwar nie: Eine Sendung bei Radio Lora war der Höhepunkt seiner Subversion. Und auch als «Weltwoche»-Publizist blieb Somm zivil. Durch seine Neigung zum Exkurs war seine propagandistische Kraft immer beschränkt: Zur Blocher-Biografie etwa stellte Blocher selbst fest, dass der Leser sich oft frage, «wo der Blocher geblieben ist». Und auch Christoph Mörgeli kritisierte, man hätte mehr am «Beispiel Blocher» bleiben sollen, statt kapitelweise über die FDP oder die amerikanischen Neokonservativen zu schreiben.

Somms Konversion geschah nach einem Semester in Harvard, wo er feststellte, dass die smarte Avantgarde dort rechts stand. Zur Neuerfindung genügte dann, «mit glühenden Ohren» Hayek zu lesen. Und, so die Legende, enorme Taxispesen zwischen Redaktion und Herrliberg zu machen.

Die lebenslange Politik-Brille

Nur diesmal wird es schwieriger. Denn links-rechts war nur eine Frage des Inhalts. Somms Stil blieb aber seit dem Gymnasium härtnäckig derselbe: Damalige Freunde schildern ihn als blitzschnell, mit grosser Lust am Ärgern der Leute, die er für zu weich hält, dabei oft dozierend. Er war und ist ein Lehrerkopf der unablässigen Zensuren.

Somms Problem für einen erfolgreichen Journalimus in Basel liegt genau darin: die lebenslange Politik-Brille. Wie Kollegen erzählen, sieht er sämtliche Artikel als politische Handlungen. Einer über Biostrom ist links, einer über Atomstrom rechts. Einer über alleinerziehende Mütter links. Einer über Scheidungsväter rechts. Die Folge ist ein politischer Dauerkrieg, den eine «Weltwoche» knapp lukrativ führen kann eine Stadtzeitung aber nicht.

Im Prinzip bleibt Somm, nachdem Tettamanti und Blocher ihn verlassen haben, nur eine Chance: Priesterrobe und Brille abzulegen. Nicht zu urteilen. Sondern nur hinzusehen. Und zu schreiben, was man dann sieht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.11.2010, 14:23 Uhr)

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