Wirtschaft
Eiskalte Spekulation mit den Madoff-Opfern
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 15.12.2010 3 Kommentare
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Madoff trauert in Haft
Bernard Madoff wird nicht an der Beerdigung seines Sohnes Mark teilnehmen. Er wolle aus Rücksicht auf die Privatsphäre seiner Schwiegertochter und seiner Grosskinder darauf verzichten, sagte sein Anwalt Ira Lee Sorkin. Madoff werde in Erinnerung an seinen Sohn eine eigene Abdankung im Gefängnis abhalten, wo er derzeit eine 150-jährige Haftstrafe verbüsst. Mark Madoff hatte letzten Samstag – dem zweiten Jahrestag von Madoffs Verhaftung – Suizid begangen. Mark und sein Bruder Andrew hatten für ihren Vater gearbeitet, der sich im März 2009 des vielfachen Betrugs schuldig bekannte. Beide Söhne wurden mit Zivilklagen des Madoff-Liquidators eingedeckt, der behauptet, auch sie hätten vom Schneeballsystem ihres Vaters gewusst. Laut Schätzungen beträgt die Deliktsumme insgesamt 20 Milliarden Dollar.
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Die Schadenersatzforderungen gegen den Madoff-Clan und die Komplizen von über 50 Milliarden Dollar wirken wie ein Magnet auf Wallstreet-Spekulanten. Opfer des Betrügers werden von Hedgefonds bestürmt, ihre Forderungen für billiges Geld zu verkaufen und potenziell weit höhere Entschädigungen abzutreten. Das Vorgehen ist selbst an der Wallstreet umstritten: Einzelne Banken und Fonds-Manager lehnen das Vorgehen als unmoralisch ab.
Verlockende Angebote
Mehrere prominente Hedgefonds haben den Opfern von Madoff in den letzten Wochen detaillierte Angebote unterbreitet oder prüfen einen solchen Schritt. Zu den interessierten Investoren gehören laut der «New York Times» die Fortress Investment Group, Perry Capital, Silver Point Capital, die Baupost Group und die Farallon Capital Management. Konkrete Offerten liegen von der Contrarian Capital Management in Connecticut, den Fulcrum Credit Partners in Texas und der Hain Capital Group in New Jersey vor. Das Vorgehen ist immer dasselbe: Die Geschädigten des Betrügers Madoff erhalten eine schriftliche Offerte, wonach sie ihre Forderungen an den Hedgefonds abtreten und dafür einen kleinen Teil – zwischen 20 bis 35 Prozent des Nominalwerts – erhalten; und zwar sofort und in bar.
Solche Angebote sind vor allem für jene Opfer verlockend, die in finanziellen Nöten stecken und nicht warten können, bis ihre Forderung geklärt und ausbezahlt ist. Wie lange der Rückerstattungsprozess dauert, ist noch unklar, doch ist Sachwalter Irving Picard mit Hochdruck daran, Vergleiche zugunsten der Madoff-Opfer abzuschliessen. Erste Zahlungen sollten bereits zu Beginn des kommenden Jahres fliessen.
Keine Offerten für Madoff-Opfer
Die Hedgefonds haben eine längere Perspektive. Sie können warten. Sie gehen davon aus, dass am Ende nicht nur 20 bis 35 Prozent der Verluste ausgeglichen werden, sondern mindestens 50 bis 60 Prozent. Ihre Erwartungen sind nicht unbegründet. Die Klagesumme beläuft sich auf über 50 Milliarden Dollar, dem stehen Verluste von knapp 20 Milliarden gegenüber. Wenn es Picard gelingt, nur zehn Milliarden Dollar an Entschädigungen flüssigzumachen, kann er die Forderungen zu 50 Prozent decken.
Einen solchen Ausgleich halten Prozessbeobachter angesichts des aggressiven Vorgehens von Picard für realistisch. Im Oktober wurden die ausstehenden Verlustscheine zwar nur zu 25 Prozent des Werts gehandelt, doch eine Analyse der New Yorker Fondsfirma Third Avenue Management deutete auf eine Auszahlung von 40 bis 80 Prozent der Forderungen hin. Trotzdem entschied sich die Firma gegen Offerten zuhanden der Madoff-Opfer. Aus moralischen Gründen. Auch die Hausbank von Madoff, J. P. Morgan, schreckte vor einem Geschäft mit den Opfern zurück.
Hedgefonds am Totenbett
Ungewöhnlich ist die Spekulation mit Leben, Tod und Opfern nicht. US-Gerichte sind derzeit mit Hunderten von Klagen beschäftigt, die den Rückkauf von Lebensversicherungen betreffen. Auch in diesen Fällen sind es vorwiegend Hedgefonds, die sich mit einer eiskalten Spekulation bereichern wollen. Schwerkranke Patienten wurden dazu überredet, ihre Lebensversicherungen gegen eine kleine, aber rasche Bargeldentschädigung zu überschreiben. Im Todesfall liessen sich die Hedgefonds die ganze Versicherungssumme auszahlen. Zwar untersagten 28 US-Bundesstaaten dieses gezielte, von den Hedgefonds vorangetriebene Übertragen einer Police: Sie schreiben eine zweijährige Wartefrist vor. Doch in einem von der Branche stark beachteten Grundsatzurteil entschied ein New Yorker Gericht vor kurzem, der sofortige Weiterverkauf einer abgeschlossenen Lebensversicherung sei legal. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2010, 11:35 Uhr
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