Ems-Chefin zerzaust Energiewende

Magdalena Martullo kritisiert Swisscleantech, den Verband der «grünen Wirtschaft», als Subventionsempfänger. Dieser schlägt zurück und bezeichnet ihre Kritik als Blödsinn.

Findet deutliche Worte für Swisscleantech: Ems-Chefin  Magdalena Martullo. (8. Februar 2013)

Findet deutliche Worte für Swisscleantech: Ems-Chefin Magdalena Martullo. (8. Februar 2013) Bild: Keystone

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Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo weiss, wie man ein grosses Publikum nutzt. An der Präsentation der Jahresergebnisse holte sie zu einem Rundumschlag gegen die vom Bundesrat geplante Energiewende aus. «Das Konzept der erneuerbaren Energie ist technisch wie auch finanziell gescheitert.» Sie sparte dabei nicht mit Kritik an Politikern wie Energieministerin Doris Leuthard. Die von der Bundesrätin in Aussicht gestellte Strompreiserhöhung von 10 Prozent hält Martullo für wenig realistisch.

Ins Visier nahm die Tochter von Alt-Bundesrat Christoph Blocher auch Nick Beglinger, den Präsidenten des Verbandes Swisscleantech. Dieser propagiert die Energiewende und setzt sich für die Förderung der erneuerbaren Energien ein. Die Mitglieder von Swisscleantech seien Profiteure der staatlichen Subventionen für erneuerbare Energien, sagte Martullo weiter. «Wollen wir uns nach diesen Subventionsempfängern richten?», fragte sie rhetorisch. «Ich glaube nicht, dass wir lange mit dieser Strategie in der Schweiz überleben können.»

Martullo: Keine Spaltung der Wirtschaft

Swisscleantech wurde 2009 gegründet und bezeichnet sich selber als Vertreter der grünen Wirtschaft. Darunter befinden sich Solarfirmen, Beratungsbüros, Architekten, aber auch Dienstleistungs- und Industriefirmen. Unter den 300 Mitgliedern befinden sich prominente Unternehmen wie etwa der Warenprüfer SGS, die Autohersteller Renault und Nissan, der Netzwerkausrüster Cisco Systems oder Erdgas Zürich. Zudem sind 20 Branchenverbände vertreten.

Martullo äusserte sich auch zu den unterschiedlichen Positionen einzelner Wirtschaftsverbände in der Frage der Energiewende. Die Ems-Chefin will von einer Spaltung der Wirtschaft nichts wissen. Es gelte, die Proportionen zu wahren. «Wenn Sie die Energie-Agentur von Herrn Beglinger mit Economiesuisse gleichsetzen, dann sind das ganz andere Grössenordnungen», sagte sie. Swisscleantech vertrete nur wenig Arbeitsplätze, Economiesuisse dagegen rund zwei Millionen.

Beglinger: Veraltete Aussagen

Swisscleantech-Präsident Nick Beglinger reagiert auf die Kritik von Martullo verärgert. «Diese Aussagen sind nun wirklich ziemlicher Blödsinn», sagt Beglinger. Wenn Martullo sich als Energieexpertin äussere, dann solle sie sich doch bitte an die Fakten halten und sich auf den neusten Stand bringen. «Die Aussage, dass erneuerbare Energien nicht funktionieren, ist etwa auf dem gleichen Niveau wie jene von IBM aus den 40er-Jahren, wonach es weltweit einen Bedarf an vielleicht fünf Computern gebe.»

Sein Verband habe wohl schon ein grösseres Gewicht, als dies Martullo wahrhaben wolle, sagt Beglinger weiter. Es ginge aber nicht darum, Swisscleantech gegen Economiesuisse auszuspielen. Die Einsicht, dass die Energiewende den richtigen Weg darstelle, werde von einer breiten Allianz getragen. Dazu gehörten Schwergewichte wie der Gewerbeverband oder die Kantone.

«Lächerliche Aussagen»

Auffallend sei, dass die der SVP nahestehende «Weltwoche» in ihrer jüngsten Ausgabe mit ihrer Kritik an Swisscleantech ins gleiche Horn blase, sagt Beglinger. Das Blatt stelle – wie Martullo – Swisscleantech als klein und unbedeutend dar. In der «Weltwoche» wird Beglinger als Einflüsterer von Bundesrätin Leuthard bezeichnet. Seit der Atomkatastrophe in Japan bewege sich der Swisscleantech-Präsident im Departement von Leuthard «wie ein Fisch im überdüngten Seewasser». Die Wirtschaftsführerin in spe predige seither als Industriepolitikerin gemäss den Glaubensätzen von Swisscleantech. Beglinger widerspricht: «Jeder, der Bundesrätin Leuthard kennt, weiss, dass sie ihre Entscheide aufgrund von Fakten trifft und nicht auf einen Einflüsterer hört.» Er sieht in Martullos Aussagen und dem Artikel der «Weltwoche» ein koordiniertes Vorgehen des rechtsbürgerlichen Lagers.

Auch inhaltlich widerspricht Beglinger der Kritik Martullos an den erneuerbaren Energien. Gemäss den Schätzungen der Ems-Chefin lieferten Windkraftwerke gesamthaft nur während zwei Monaten pro Jahr Energie. Dies führe zu enormen Schwankungen in der Stromproduktion. Beglinger findet ihre Aussagen zur Energieproduktion von Windkraftwerken lächerlich. In der Schweiz produzierten Windkraftwerke im Durchschnitt zu rund 70 Prozent der Zeit Strom.

Auch versöhnliche Worte

Gefragt, wie sich denn Martullo die künftige Energiepolitik der Schweiz vorstelle, antwortete sie ausweichend: «Ich glaube, dass wir Strom importieren können.» Dabei stelle sich die Frage, wie wichtig der Schweiz die Eigenversorgung sei. «Wenn wir eine Eigenversorgung anstreben und trotzdem saubere Luft wollen, kommen wir automatisch auf Atomkraftwerke (AKW) zurück», sagt sie. Ein Votum für neue AKW sei dies jedoch nicht. «Wir haben derzeit ja kein Projekt, das bewilligungsfähig wäre.» Die technologische Weiterentwicklung dürfe man aber nicht ausschliessen.

Beglinger findet trotz der harschen Kritik auch versöhnliche Worte: «Ich lade Frau Martullo mit oder ohne Economiesuisse ein, mit uns den Dialog aufzunehmen und uns zu sagen, wo denn genau die erneuerbaren Energien nicht funktionieren.»

Wirtschaftlich gesehen plagen die Ems-Chefin keine Sorgen. Der Umsatz der Chemiefirma stieg um knapp 6 Prozent auf 1,76 Milliarden Franken. Der Nettogewinn kletterte gar um knapp 13 Prozent auf 273 Millionen Franken. Freuen dürfen sich auch die Aktionäre. Neben der um 50 Rappen auf 7.50 Franken erhöhten Dividende kommt eine ausserordentliche Ausschüttung von 2.50 Franken pro Aktie hinzu.

In der Printausgabe des «Tages-Anzeigers» vom 9. Februar erschien eine erste, nicht autorisierte Fassung. Wir entschuldigen uns dafür. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.02.2013, 16:49 Uhr)

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