«Entscheidungen waren ein Albtraum»

Wer wusste wie viel im Libor-Manipulationsskandal? Heute knöpfte sich London ehemalige UBS-Führungsleute um den Ex-Chef Marcel Rohner vor. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die Diskussion mitverfolgt.

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Wer Untote weckt, braucht dafür gute Gründe. Der Grund der britischen Parlamentskommission für Bankenstandards heisst Libor: Drei, vier, fünf Jahre ist es her, seit in den Handelsabteilungen der UBS (UBSN 16.35 -0.67%) und weiteren Banken Absprachen über den weltweit wichtigsten Referenzzinssatz getroffen wurden – und einzelne Händler durch Verschiebungen von Hundertstelprozentpunkten Gewinne von Millionen einfahren konnten. Heute wollen es die Politiker aus England genauer wissen. Wer wusste damals wie viel über die Manipulationen beim Libor? Auskünfte soll ihnen Ex-UBS-Boss Marcel Rohner geben. Er erscheint im Tandem mit der versammelten Armada ehemaliger Investmentbankchefs der grössten Schweizer Bank.

Huw Jenkins, Jerker Johansson und Alex Wilmot-Sitwell: Es sind schillernde Namen, die mit etwas Verspätung das Kommissionszimmer betreten. Von der Bildfläche sind die Gestalten inzwischen praktisch verschwunden, obwohl ihr Abgang gemessen am Finanzzyklus gar nicht so lange zurückliegt. Jenkins ist heute Managing Partner der brasilianischen Investmentbank Pactual – Johansson arbeitet als Teilhaber des Private-Equity-Fonds Blue Water Energy. Wilmot-Sitwell ist Europa-Verantwortlicher der Bank of America. Die gefallenen Topshots geistern noch immer durch die Finanzwelt. Sie wissen: Wenn einen das Parlament der City ruft, dann hat man dem Begehren Folge zu leisten. Auch Marcel Rohner, gebeutelter Krisenmanager der UBS, ist gekommen.

Verspielte Glaubwürdigkeit

«Ich war beschämt, als ich von den Manipulationen hörte», sagt Rohner eingangs der Befragung. Der Aargauer hat Erfahrung im Darlegen von Missgeschicken: Unvergessen ist Rohners «Arena»-Auftritt im Oktober 2008. Nur einen Tag, nachdem die UBS von Bund und Nationalbank Rettungsgelder in Milliardenhöhe entgegennehmen musste, liess Rohner damals die Politikerkritik in Leutschenbach über sich ergehen. Wie erklären, dass die UBS nur Wochen zuvor in Abrede gestellt hatte, jemals Staatshilfe zu brauchen? Die Dramaturgie der Finanzkrise hat es mit Rohner wahrlich nicht gut gemeint. Ähnlich wie heute liessen die Ereignisse für den Mann, der möglicherweise wirklich unschuldig am Libor-Skandal ist, stets nur die Rolle eines Buhmanns zu. Englands Parlamentarier empfangen den ehemaligen UBS-Chef kühl.

Rohner spricht in bedächtigen Worten zu den Politikern. Ist er erkältet, stockt es ihm in der Kehle? Schon bei seinen Interviews als UBS-Chef blieb stets dieser etwas irritierende Eindruck eines Kindes, das jetzt dann gleich zu weinen beginnt. Wirkt er heute vertrauenswürdiger als damals? In der Schweiz war Rohners Glaubwürdigkeit in der Finanzkrise schnell verspielt. Gerade einmal vier Milliarden Franken hatte die UBS im Oktober 2007 abgeschrieben, als Rohner den Fernsehzuschauern sagte: Klarheit sei nun geschaffen, die Probleme mit Subprime-Hypotheken seien rigoros adressiert worden. Egal, was Rohner später in die Kameras sprach: Nachdem sich die Verluste im Verlauf der nächsten Monate in die Dutzende von Milliarden gesteigert hatten, nahm die Öffentlichkeit dem CEO längst nichts mehr ab.

Libor und der Überlebenskampf der UBS

Auch die britischen Politiker sind skeptisch, und dies nicht nur gegenüber Rohner. «Ich habe die Wichtigkeit dieses Themas nicht erkannt», sagt Johansson der Kommission. Die Fragen drehen sich um die Verantwortlichkeit: Dem Schweden zufolge wäre es an der Compliance gelegen, das Management auf die möglichen Libor-Probleme aufmerksam zu machen. Vieles sei zu dieser Zeit schiefgelaufen: Risiken seien unterbewertet, Profite überbewertet worden. «Ich habe Fehler gemacht», gesteht Johansson ein. Auch Rohner bemüht ähnliche Worte: Er übernehme die Verantwortung, habe zur Zeit sein Bestes gemacht. «Ich war mit der UBS in einem permanenten Überlebenskampf», erzählt Rohner von der hektischen Zeit.

Drei Kapitalerhöhungen habe er durchziehen, acht Gewinnwarnungen ausgeben müssen, sagt der ehemalige Bank-CEO. Heute schlägt sich der 48-Jährige als Mandatesammler durch: Seit seiner Entlassung hat sich Rohner etwa bei Ulrich Giezendanners Transport AG, bei Thomas Matters Neuer Helvetischer Bank, bei der Genfer Investmentgesellschaft CBI Holding und der Schwyzer Active Alpha als Verwaltungsrat eintragen lassen. Rohners Erinnerungen an die Krisenzeit weisen Löcher auf. «Warum haben Sie an einer Investorenkonferenz Ende 2007 ausgerechnet den Bereich ‹Structured Libor› als Wachstumsbereich mit extrem hoher Profitabilität angepriesen?», will die Kommission von ihm erfahren. Rohner müsste dies wissen, kann es aber – wie seine Begleiter auch – nicht sagen: Beinahe tragisch, wie hier eine Riege ehemaliger Topbanker vorgeführt wird.

Der berüchtigte Artikel im «Wall Street Journal»

Unerbittlich reiten die Politiker auf den Versäumnissen der Banker herum. Dass das Thema Libor in der Chefetage während der Finanzkernschmelze schlicht kein Thema war, will die Untersuchungskommission nicht akzeptieren. Unglaublich findet Baronin Susan Kramer, dass ein «Wall Street Journal»-Artikel im Frühjahr 2008 nicht die Aufmerksamkeit der UBS-Oberen erregte. Im mittlerweile berüchtigten Beitrag wurde die These geäussert, dass mehrere Banken – darunter die UBS – den Libor nach unten zu drücken versuchten, um ihre Kreditwürdigkeit vorteilhafter darzustellen. Da kann sich Rohner noch so Mühe geben, die damalige Subprime-Dramatik in der Investmentbank zu schildern: In den Augen der Politiker haben die Banker bei der Aufsicht über ihre Libor-Produkte und Aktivitäten versagt.

War es nur die UBS – oder war die ganze Bankenindustrie zur Zeit der Krise inkompetent? Diese Frage stellt die Kommission der Gruppe um Marcel Rohner. Noch kein Wort hat bisher Alex Wilmot-Sitwell gesagt, der als ehemaliger Investmentbankchef nach London angereist ist. Rohner spricht an seiner Stelle: Die «Ich auch»-Strategie der UBS sei klar ein Fehler gewesen, dies habe man bereits während der Krise realisiert. Viele Finanzinstitute hätten denselben Pfad eingeschlagen, sagt Rohner, und hätten zu viel Komplexität aufgebaut. Zentrales Anliegen ab dem Jahr 2008 sei gewesen, die Bilanz zu reduzieren und Risiken abzubauen. «Boni sollten als Kollektivübung ausgezahlt und nur ans Gesamtergebnis gekoppelt werden», sagt Rohner.

Englands Politiker interessieren sich auch für Fragen der Corporate Governance. Besonders das Schweizer System, bei dem die zwei Organe Verwaltungsrat und Geschäftsleitung über ein Unternehmen bestimmen, scheint den Briten ein Dorn im Auge; im angelsächsischen System werden Unternehmen von einem einzigen Organ geleitet. Auch Marcel Rohner bezeichnet die Organisationsform als Schönwettersystem. «Währende der Krise waren Entscheidungen ein Albtraum», sagt er zum Komitee. Stets habe er in höchster Eile handeln müssen, sei aber durch die nötigen Rücksprachen mit dem Verwaltungsrat aufgehalten worden. Rohner erklärt sich bereit, den britischen Politikern im Anschluss ans Hearing eine Skizze seiner organisatorischen Ideen zukommen zu lassen.

Zurück in die Krisenzukunft

«Ich kann das nicht verstehen, ich kann das nicht nachvollziehen, ich kann nicht antworten.» Nach beinahe zwei Stunden Diskussionszeit öffnet auch Alex Wilmot-Sitwell endlich den Mund. Viel Aufschlussreiches kommt dabei aber nicht heraus. Obwohl der Libor-Trader Thomas Hayes eine der «Handvoll» Personen war, welche der Investmentbank Profite über hundert Millionen bescherten, will sich Wilmot-Sitwell nicht an dessen Abgang bei der UBS erinnern. Wie ein Schulbub steht der Investmentbanker vor der Kommission um Bischof Justin Welby da. Das Muster wiederholt sich nun im Viertelstundentakt: Vorwürfe der Politiker werden entgegengenommen, halbherzig beantwortet, auf die philosophische Metaebene gehoben. Und zu vielem wird schlicht geschwiegen.

Man fühlt sich in Krisenzeiten zurückversetzt. «Strengere Kapitalregeln machen mehr Sinn als ein Aufbrechen der Grossbanken» – «Banken müssen den Kunden ins Zentrum stellen» – «Unternehmensethik muss von ganz oben vorgelebt werden»: All die Sätze, die Rohner und seine ehemaligen Arbeitskollegen zu Protokoll geben, klingen irgendwie zeitlos. Trat Rohner gestern in der «Arena» auf oder war es vor vier Jahren? Auch an der «Ungläubigkeit» und «Fassungslosigkeit» der Politik hat sich offensichtlich nicht viel geändert. Die Hearings machen jedenfalls eines klar: Untoten Bankern öffentlich die Leviten lesen befriedigt auf die Dauer nicht. Wie die Bankbranche auch, wird die Politik dereinst nur an den Fakten gemessen werden, die sie geschaffen hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.01.2013, 10:58 Uhr)

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Kalifornische Städte klagen

Acht kalifornische Städte haben eine Klage gegen die UBS, Barclays und 20 weitere Banken deponiert. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Als Kläger vor Gerichten in Los Angeles, San Francisco und San Diego treten unter anderem öffentliche Körperschaften aus San Diego, San Mateo und der Stadt Riverside auf. Sie machen Verluste aus den Libor-Manipulationen der Grossbanken geltend.

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