Er musste zusehen, wie sein Lebenswerk zerbröselte
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 20.10.2009 37 Kommentare
Wunderwerk: Eine Revox A 700...
... erschaffen von Willy Studer.
Artikel zum Thema
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Der Name Studer, der vom Industriegebäude in Regensdorf prangt, ist in der Fachwelt der Tonstudios ein Begriff. So wie Revox bei Musikliebhabern und ambitionierten Tonbandfans. Dabei war Willi Studer, Gründer, Chef und Alleinbesitzer des Unternehmens, 1912 noch unter einem anderen Namen in Zürich geboren worden. Als Verdingbub Wilhelm Mosimann kam er zu einer Familie Studer ins Bernbiet und konnte später deren Familiennamen tragen.
Er schloss nur die Grundschule ab und arbeitete dann als Radioelektriker. Der junge Mann war von der jungen Technik begeistert, demontierte und montierte alle Apparate in seiner Reichweite und las jeden Fachartikel in den Zeitschriften, die seine Chefs abonniert hatten. Kühn gründete er mit 19 Jahren eine Firma und baute Radioapparate der Marke Tell. Doch der Konkurs liess nicht lange auf sich warten.
Hervorragender Ruf
Nachdem er für einen Importeur amerikanische Tonbandgeräte anpassen musste, sagte er sich, eigentlich könnte er das besser, und konstruierte ein eigenes Tonbandgerät. Zunächst unter dem Namen Dynavox, ab 1951 unter der Marke Revox entwickelte Studer nun einen Typ nach dem andern. Neben den für (zahlungskräftige) Privatkunden bestimmten Revox-Tonbandgeräten baute er für professionelle Tonstudios die Studer-Tonbandmaschinen.
In der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre blühte Studers Firma auf. 1958 beschäftigte sie 120 Leute und kaufte in Regensdorf Bauland für ein richtiges eigenes Fabrikgebäude. Studer baute Zweigwerke auf, gründete Vertretungen in aller Welt. 1969 arbeiteten 700 Personen im Unternehmen, 1980 bereits 1600. Die Tonbandgeräte, Plattenspieler und Lautsprecher der Marke Revox hatten einen hervorragenden Ruf. Tonbandmaschinen und Mischpulte der Marke Studer waren überall im Einsatz, wo Musik aufgezeichnet wurde. In den Abbey Road Studios in London nahmen die Beatles ihre Platten mit einer Studer-Ausrüstung auf, Studios in Hollywood, Nashville, Paris, Rom und Winterthur schwörten auf Studer, sämtliche SRG-Studios ebenso, in Opernhäusern und an Olympiaden kamen die Anlagen zum Einsatz.
Unternehmen wurde zu gross
Der Autodidakt wurde 1978 doch noch mit einem akademischen Titel ausgezeichnet, die ETH ernannte ihn zum Ehrendoktor der Technischen Wissenschaften. Als Entwickler war Studer ein Genie, als Mensch hochanständig und sehr bescheiden. Doch dann tappte er in die Falle, die schon manchem Selfmademan zum Verhängnis wurde: Das Unternehmen, das er mit riesigem Fleiss und Engagement führte, wurde zu gross. Mit 2000 Angestellten und einem weltumspannenden Vertriebs- und Servicenetz war die Firma nicht mehr geeignet, von einem Patron im Alleingang dirigiert zu werden.
Die Elektronik machte in den 80er- Jahren gewaltige Fortschritte, Studer konnte nicht immer mitziehen, die grossen Konzerne gaben den Ton an. Tragisch endete Studers Versuch, sein Lebenswerk zu retten. Übernahmeofferten von Multis wie Alcatel, Siemens, Sony und Philips schlug er aus, weil seine Firma schweizerisch bleiben sollte. So kam Studer-Revox in den Besitz der damaligen Motor-Columbus, die (mit wenig Geschick) versuchte, von der Elektrizitätswirtschaft weg zu diversifizieren. Der Personalbestand wurde massiv verringert, die Firma zweigeteilt und verkauft. Revox fristet heute ein Nischendasein, Studer landete beim amerikanischen Harman-Konzern, der inzwischen selber in Schwierigkeiten steckt und Sparkampagnen durchführt. Willi Studer starb 1996; bis zuletzt hatte er mit eigenem Geld versucht, Teile seines Unternehmens zu retten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.10.2009, 06:49 Uhr
WRITE A COMMENT
37 Kommentare
Ich erinnere mich an die Mitarbeit da, als alles gut lief. Als ich später gehört habe, dass die Firma an Motor Columbus, (Ernst Thomke) verkauft werden soll, war für mich sofort klar, dass das nicht gut kommen konnte. Herr Dr. Studer wollte die Firma eben nicht "diesen Japanern" verkaufen... die, wenn sie nicht selber Restrukturierungen unterworfen waren, die Firma bestimmt gepflegt hätten. Antworten
Willi Studer war ein Patron wie es nur wenige gab oder noch gibt. Nakolas Hayek ist noch einer davon. Mit seinem Weitblick baute er ein Produkt auf das weltweit führend war. Ich habe 9 Jahre bei Willi Studer gearbeitet und es war die schönste Zeit in meiner Berufslaufbahn. Ich erinnere mich noch gerne zurück, als er mir für einen Verbesserungsvorschlag, einen Discplayer als Belohnung schenkte. Antworten
Seltsam die reaktionen hier. Es is doch klar dass die firma technisch zwar gut war, aber für eine weltweite tätigkeit braucht es mehr als nur das. Ausserdem ist die technische entwicklung zum glück rasant gewesen, sonnst würden wir heute für "cd qualität" nicht 100 sondern 100'000 franken zahlen. Wer würde das tun? Revox hätte besser and sony oder philips verkaufen sollen. Antworten
Ruft eine Bank, springt der Bundesrat auf Komando. Ist es eine kleine Firma, kommt ein müdes Gähnen von unserer Tagesstätte der Lakaien. Leider hat in solchen Situationen kein Bundesrat den Mut einem KMU unter die Arme zu greiffen. Schade, aber der ausverkauf der Schweiz hat schon längst angefangen. Antworten
seit 28 Jahren habe ich Revox-Geräte, die nun sogar im Tropischen Ecuador funktionieren..... und sie laufen tadellos!! So kann ich wohl sagen, dass sich der höhere Preis in der Anschaffung gelohnt hat. Bei einem Mercedes hoffe ich auch auf eine längere Funktionsdauer, als bei einem Lada..... Ich bin auf jeden Fall sehr begeistert von der Tonqualität, die bisher nicht von anderen erreicht wurde. Antworten
Studer ist heute wieder eine hochprofitable und innovative Firma, welche weltweit für absolute Hightech-Produkte "Made in Switzerland" steht. Trotzdem soll Studer von amerikanischen Managern zerschlagen werden, rund ein Drittel der Belegschaft wurde bereits entlassen. Dagegen wehren sich die Angestellten mit aller Kraft, mehr Infos unter www.studer-muss-bleiben.ch Antworten
Schade, sehr schade, dass Herr Studer den Moment verpasst hatte, rechtzeitig die Leitung der Firma in gute Hände von fähigen Angestellten weiterzugeben, die eine organische Weiterentwicklung der Firma ermöglicht hätten... dadurch kam er in Zugzwang. Fremde Hände, keine Ahnung von der Firmengeschichte, kein Herzblut, Manager von der Schulbank... dann ist die Ueberlebenschance leider nur gering Antworten
Lenco, Thorens, Revox/Studer, Velectra/Biennophone, Sondyna, Komet Radio AG etc..... Die Liste der inzwischen ins Ausland verkauften oder geschlossenen ehemaligen Schweizer Firmen wird leider immer länger. Warum wird alles eigentlich ins Ausland verkauft? Profitgier? Aus Geldnot? Wir müssen DRINGEND aufhören, alles zu verscherbeln! Das muss die Politik auch mal begreifen oder zu verstehen lernen! Antworten
@susanne susi: Die Philosophie "Adapt or die" führt zu Produkten und Werten, die zur kurzsichtigen, von Trendhektik getriebenen und oberflächlichen Konsumgesellschaft passen. Hätte Studer so gehandelt, wäre dieses Unternehmen nie entstanden, nie wären diese eigenständigen, wegweisenden Produkte und Technologien realisiert worden. Solch einfache Management-Theorien taugen maximal für Gartenstühle. Antworten
Seit 1994 sind der Profibereich unter dem Markennamen Studer (Rundfunk-/Studioausstatter) und der Consumer-Bereich Revox (gehobene Unterhaltungselektronik) rechtlich zwei ganz verschiedenene Körperschaften. Studer, Teil der Harman-Gruppe hat mit der heutigen, und auch sehr erfolgreichen Revox weder technisch, rechtlich und kommerziell eine Verbindung, ausser, dass beide in Regensdorf residieren. Antworten
Der Trend der Masse lautet: Regelmässiges konsumieren, immer die neuesten Gags, Trends und Features besitzen müssen. Die Produkte von Studer/Revox standen für das Gegenteil: Solide Qualität, Langlebigkeit, und, irgendwie fast nebenbei, noch das ebenso hochstehende optische Design: cool, klassisch, zeitlos. All diese Werte sind offensichtlich nicht überlebenstauglich. Schade. Antworten
Die Lebensdauer von Organismen ist beschränkt, wieso sollte dies bei Unternehmen anders sein? Es scheint als ob ein Industriebetrieb, sei er noch so erfolgreich (gewesen) so ungefähr nach 100 Jahren darnieder liegt. Die Gründe hierfür sind vielfältig - für mich der schlimmste: Fehlender Nachwuchs. Antworten
Was früher galt gilt heute nicht mehr: Man kann REVOX nicht mit Studer gleichsetzen. Es handelt sich um zwei verschiedene und voneinander unabhängige Firmen. Während Studer (leider) zu Harman Kardon gehört, ist REVOX im Besitz von Privatinvestoren. Diese haben aus der einst maroden REVOX wieder ein innovatives und erfolgreiches Unternehmen gemacht. Antworten
Seit der Digitalisierung der Tontechnik und beispielsweise deren hierdurch vermeintlich viel einfacheren Handhabung sind Tonbandgeräte nur noch bei Liebhabern zu finden. Ich bedaure dass Revox, ehemals DER Name für beste Tonaufnahme- und Wiedergabemaschinen (später auch weitere Tontechnikgeräte), diese Entwicklung machen muss. Aber der Name steht auch für eine Zeit, die heute vergangen scheint. Antworten
Mir kommt die Wut hoch - die Schweiz hat alles veräussert was echt und innovativ ist, inkl. ganze Industrien, die Natur, die Zukunft - alles um des Geldes Willen und die Politik macht nicht mal mehr Schadensbegrenzung. Die Bürger sagen auch nichts dazu - Hauptsache gesicherter Wohlstand. Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Immobiliengesellschaften und reiche Investoren werden es schon richten Antworten
Schade wenn auch diese Schweizermarke verschwindet. Es gab und gibt Qualitative keine Besseren Geräte als die von Studer - Revox. Es war nie Schnickschnack dabei den man nicht brauchte. Das Design war Zeitlos und die Tonqualität von allen geräten Unschlagbar. Antworten
Willy Studer ist zweifellos eine Vorbildfigur, Hut ab! Ich kenne Leute, deren Revox-Verstärker heute noch in Betrieb ist- nach über dreissig Jahren! Nur schon das archaische Design mit den aus dem Vollen gefrästen Aluminiumreglern machte Revox zur unverkennbaren Qualitätsmarke! Antworten
Es gibt tausend solcher Geschichten. Hochintelligente Menschen haben eine Idee, setzen sie mit Engagement und unter viel Veruzicht. Wenn das Produkt "reif" ist für den Markt, kommen Investoren, Oekonomen und Juristen, um das Genie zu sekundieren, als "Freunde" das geschäftliche zu erledigen. Verträge werden unterschrieben, die Idee ist gestohlen, der Kleinbetrieb tot und der Erfinder frustriert. Antworten
Revox; ein Name der in den Ohren klingt! Geräte die mit dem Namen schon Qualität ausstrahlten! Tonbandgeräte, welche mich durch die ganze Dienstzeit begleiteten und von denen ich nicht eines mit einer Reparaturetikette gesehen hab. Von den Geräten aus den 50er Jahren über die A77, bis zu den B77. Ein Traum eines jeden Musik- und Tonliebhabers. Schade, dass Revox aus der Szene verschwinden soll. Antworten
Beste Qualität,aber zeitlich immer relativ spät mit Neuerungen war REVOX.Es ging sehr lange bis das erste Kassetten-Tape-Deck von REVOX auf den Markt kam.Auch mit der Digitalisierung z.B. CD ging es relativ langsam. Schade jetzt gibt es sie alle nicht mehr,Autophon,Sondyna und Biennophone.Auch deutsche Marken sind verschwunden.Grundig,Graetz,Nordmende SABA und Telefunken sind verschwunden. Antworten
Wie viele Firmen sind in der zweiten Verantwortungsgeneration durch "hochintelligente Studierte" schon an die Wand gefahren worden? Berater über Berater die ja nicht ihr eigenes Geld verlieren durch ihre Beratung. Banken die zweitrangige Betreuer haben, und keine Ahnung vom Geschäft haben ausser, Geld muss zurückfliessen. Da hat ein anständiger Handwerker und Unternehmer keine Chance mehr. Antworten
Willy Studer war immer als Mensch und Ingenieur ein Vorbild. Sein Werk wird nie "zu Ende" sein. Er hat gezeigt, wie Technik sein muss. Er ist heute je länger je mehr das positive Vorbild für Ingenieure. Vasella, Brabeck? Der Vergleich ist gar nicht möglich. In der Geschichte der Technik wird Studer Revox immer als zentraler Entwicklungsschritt festgehalten sein. Antworten
Wahrhaftig ein Trauerspiel. Die Geräte von Revox waren/sind von hervorragender Qualität. Meine Anlage inkl. CD Spieler ist seit 1985 im Einsatz und immer noch von bester Klangqualität. Da wir in einer schnelllebigen Welt, mit immer neuen Produkten die schnell kaputt gehen "müssen", leben, ist leider ein Firma wie Studer/Revox nicht mehr zeitgemäss - schade! Antworten
Eine sehr traurige Geschichte. Eigentlich ist die Firma schon lange tot. Ich hatte zweimal beruflich mit dieser Firma zu tun und schon bereits vor sieben Jahren hat man gemerkt, dass das Management sehr stark gelitten und wie ein Leichenbestatter unter der Harman-Leitung gewirkt hat. War für mich ein schrecklicher Eindruck! Sowas hätte man besser gleich vor 20 Jahren geschlossen oder modernisiert. Antworten
Herr Studer hat mit Fleiss und Integrität eine Weltfirma geschaffen, die dann - zwar schon in der Krise - von Motor Columbus Managern vollends an die Wand gefahren wurde. Wenn man diesen hochanständigen Firmenlenker und Unternehmer neben Vasella, Brabeck und Co stellt, wird einem erst richtig bewusst, wie sich die Zeiten geändert haben. Antworten
Wirtschaft
Wirtschaft
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Umfrage
Gesetzt den Fall, Geld spielt für Sie eine untergeordnete Rolle. Würden Sie in Andermatt eine Ferienwohnung kaufen?
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 votes au total









































Charles Widmer
Aus wehmütiger Distanz erscheint mir das heute nicht nur aus einer anderen Zeit, sondern auch aus einer völlig anderen, separaten, schönen, alten Welt. Wir zeichnen heute mehrkanalig auf "Briefmarken" auf. Was wäre, wenn WST, STI und Revox "normal" weiterexistiert hätten? - Wohl etwa auch das, was wir heute haben, stimmts? Beim Anblick meines B77 läuft es mir kalt den Rücken runter, es existiert! Antworten