Bericht

Erdrückend viele Beweise

Der UBS droht in Frankreich ein Verfahren wegen systematischer Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Plötzlich scheinen sich die französischen Justizbehörden zu beeilen.

Die UBS wird in Frankreich einiges an Erklärungen zu liefern haben – sonst droht eine Anklage. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

Die UBS wird in Frankreich einiges an Erklärungen zu liefern haben – sonst droht eine Anklage. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

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Der Wust von belastendem Material wächst, immer mehr Leute reden: Es wird ungemütlich für UBS France, die Tochtergesellschaft der Grossbank. Man wirft ihr vor, während vieler Jahre und mithilfe des Mutterhauses im ganz grossen Stil Geld vermögender Franzosen am Fiskus vorbei in die Schweiz geschafft und heimlich verbucht zu haben. Die Rede ist von einem «massiven System». Es ist eine heikle Geschichte, die stark an den Fall des US-amerikanischen Whistleblowers Bradley Birkenfeld erinnert und die UBS ebenfalls teuer zu stehen kommen könnte. In Frankreich wird nur noch darüber spekuliert, wie viele Wochen es wohl noch dauern wird, bis die Pariser Untersuchungsrichter unter der Leitung von Finanzermittler Guillaume Daïeff ein formales Ermittlungsverfahren gegen die Bank eröffnen. Es scheint zusehends unausweichlich.

Seit einem Jahr ermittelt Daïeff in diesem Fall, lässt Zweigstellen in der französischen Provinz durchsuchen, sammelt Dokumente, beruft Zeugen ein. Regelmässig dringt etwas davon an die Öffentlichkeit, zuletzt in immer kürzeren Abständen. Diese Woche nun kamen zwei Kadermitglieder von UBS France für ihr Verhör in Untersuchungshaft, wie die Zeitung «Le Parisien» herausfand. Am Pariser Hauptsitz der Bank soll dies zu heller Aufregung Anlass gegeben haben. Ebenfalls diese Woche wurde ein brisantes bankinternes Protokoll aus dem Jahr 2004 publik, unterzeichnet von vier Spitzenleuten aus der damaligen Führung von UBS France, in dem die ganze Substanz der Vorwürfe bestätigt erscheint – schwarz auf weiss.

Inkognito auf Akquise

Wenn man alle bisherigen Erkenntnisse von Kontrollbehörden und Recherchen zusammenfügt, sie mit den Zeugnissen ehemaliger Kaderleuten kreuzt, verdichtet sich das Material zu folgendem Gesamtbild: Die UBS setzte offenbar über Jahre alles daran, reiche Franzosen für sich zu gewinnen und ihnen, wenn sie besonders begütert waren, einen Transfer ihres Vermögens in die Schweiz schmackhaft zu machen. Dafür wurden Vermögensverwalter aus der Schweiz in geheimer Mission nach Frankreich geschickt, wo sie an eigens dafür organisierten mondänen Anlässen sogenannte «Key Clients», Kunden mit zweistelligen Millionenvermögen, anwarben.

Dies geschah illegal, da die Akquise in Frankreich nur französischem Personal mit den nötigen Lizenzen erlaubt ist. Für ihre möglichst unauffällige Ein- und Ausreise gab man ihnen auch rudimentäre Anweisungen, zum Beispiel, wie sie im Fall einer Zollkontrolle ihr Handy durch das Eingeben von drei falschen Codes blockieren sollten.Eine der Zeuginnen von UBS France, die frühere Marketingchefin Stéphanie Gibaud, erzählt von gigantischen Summen, die für solche Veranstaltungen etwa am Rande von Tennis- und Golfturnieren ausgegeben worden seien. Sie sagt heute, sie habe lange nicht gewusst, wozu die Events, die sie da organisierte, in Wahrheit dienten.

Der Praxis widersetzen

Das anfängliche Unwissen der lokalen Bankangestellten rührte daher, dass die Gesandten aus der Schweiz ihre Geschäfte in sogenannten Milchbüchlein registrierten – «carnets du lait», wie sie nun auch die Franzosen nennen. So schienen die Transaktionen nie im Computersystem der Bank auf. Involviert waren aber bald auch Kaderleute in Frankreich. Gegen drei läuft jetzt ein Verfahren, unter anderem auch gegen den langjährigen Generaldirektor der französischen Filiale, Patrick de Fayet.

Einige Mitarbeiter versuchten, sich der Praxis zu widersetzen – und wurden dafür bestraft. So etwa Nicolas Forissier, einst Chef des internen Audits, den man nach seiner Kritik an der okkulten Rechenlegung offenbar zunächst mobbte und dann entliess. Vor Gericht, wo er seine unfaire Entlassung beanstandete, bekam er recht. Nun erzählt Forissier, wie er erst nach und nach verstanden habe, wie massiv der verdeckte Teil des Eisbergs tatsächlich war, wie eindringlich und systematisch also die Kunden zur Steuerhinterziehung ermuntert worden seien.

«Exact»

Eindrücklich sind die Zitate des früheren Chefjuristen von UBS France, wie sie im nun aufgetauchten Protokoll von 2004 niedergeschrieben sind. Eric Dupuy beklagt sich da vor seinen Kollegen in der Geschäftsleitung, dass er gezwungen werde, vor «verwerflichen Machenschaften» die Augen zu verschliessen: «Es gibt neue Beweise dafür, dass Teams von Schweizer Vermögensverwaltern in Frankreich aktiv französische Topkunden angeworben und ihnen hier nicht zugelassene Finanzprodukte verkauft haben. Auch in diesem Fall», führte der Chefjurist aus, «macht sich die Spitze von UBS France zur Beihelferin des Steuerbetrugs mit Grenzüberschreitung, was, strafrechtlich betrachtet, als Akt der Geldwäscherei gilt.»

Deutlicher geht es nicht. Im selben Protokoll, 14 handgeschriebene Seiten insgesamt, liest man auch, wie Dupuy den damaligen Generaldirektor von UBS France, Jean-Louis de Montesquiou, fragt, ob das alles so korrekt sei, wie er es ausgeführt habe, worauf der sagt: «Exact.» Der Chefjurist wurde nach dem ominösen Gespräch entlassen. De Montesquiou verliess die Bank kurz darauf. Heute bestätigt er die Echtheit des Protokolls und sagt, die illegale Praxis sei der Grund gewesen für seinen Rücktritt. Er habe erfolglos versucht, sich dagegen zu wehren.

Alles nur Enttäuschung?

Die neue Leitung von UBS France streitet die Vorwürfe ab. Es möge ja einzelne Verfehlungen gegeben haben, sagt Präsident Jean-Frédéric de Leusse, der seit Frühling 2012 im Amt ist. Doch von einem System zu reden, sei falsch. Man sei bereit, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Die belastenden Aussagen ehemaliger Mitarbeiter schreibt er deren Enttäuschung über die Entlassung zu.

Der Untersuchungsrichter Guillaume Daïeff könnte da anderer Meinung sein. Wenn tatsächlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird (im französischen Justizsystem die letzte Vorstufe vor einer möglichen Anklage), dann hätte die Bank erstmals Zugang zum ganzen Dossier und wüsste im Detail, womit sie im Prozess konfrontiert würde. Der Materialberg jedenfalls ist erdrückend gross. Immer mehr Leute reden. Und plötzlich scheint es, als habe es auch die Justiz eilig, nachdem sie davor lange Zeit nur zögerlich agiert hatte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2013, 08:46 Uhr

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