Wirtschaft

Erst das Internet brachte Licht in den Giftmüllskandal

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 20.10.2009 1 Kommentar

Eine Ölfirma mit Schweizer Sitz verpasste einer britischen Zeitung einen Maulkorb – und scheiterte dann doch an der Macht des Internets.

Fachleute versuchen 2006 die kontaminierten Stellen in der Elfenbeinküste zu säubern.

Fachleute versuchen 2006 die kontaminierten Stellen in der Elfenbeinküste zu säubern.

Es war einer der grössten Giftmüllskandale der jüngeren Geschichte. 2006 liess der holländische Rohstoffhändler Trafigura, der von Luzern aus gesteuert wird, eine Schiffsladung Giftmüll in offenen Mülldeponien in der Elfenbeinküste entsorgen. 10 Menschen starben, 100'000 wurden krank.

Bis heute hat Trafigura keine Verantwortung dafür übernommen. Der Konzern sagt, dass die Ladung der Probo Koala nichts enthalten habe, was zum Tod von 10 Menschen hätte führen können. Ein brisantes Gutachten hätte die vor wenigen Wochen erzielte Einigung mit den ivorischen Opfern in letzter Minute verhindern können – bis der Milliarden-Konzern die Veröffentlichung gerichtlich verbot. Ein klassischer Fall David gegen Goliath – nur kämpft David dieses Mal nicht mit einer Schleuder, sondern mit dem Internet.

Verfügung verhindert Artikel

Am 11. September 2009 verbot ein britisches Gericht der Tageszeitung «Guardian», das ihr zugespielte Gutachten zu veröffentlichen. Und nicht nur das: Das Gericht untersagte der Zeitung auch, das Verbot überhaupt zu erwähnen. Trafigura hatte dem Richter offenbar glaubhaft dargelegt, dass es sich bei dem Gutachten um ein vertrauliches Dokument handle, das darüber hinaus nicht dem aktuellen Wissensstand entspreche – und daher irreführend sei.

Der «Guardian» hielt sich an das Verbot – bis Chefredaktor Alan Rusbridger vor einer Woche mit Hilfe des Internets zum Gegenangriff blies. Auslöser war ein Vorstoss des Parlamentariers Paul Farrelly. Er fragte Justizminister Jack Straw, wie es in England um die Pressefreiheit bestellt sei, nachdem Trafigura die Veröffentlichung eines solch brisanten Gutachtens verbieten konnte.

Normalerweise hätte der «Guardian» problemlos über diesen Vorstoss berichten können – gestützt auf ein seit 300 Jahren geltendes Recht, das der britischen Presse die freie Berichterstattung über parlamentarische Diskussionen garantiert. Trafigura beharrte allerdings darauf, dass das wegen der vorliegenden Verfügung nicht möglich sein.

Lawine losgetreten

Auf diesen Maulkorb reagierte der «Guardian» mit einer etwas kryptischen Titelgeschichte. Darin erklärte die Redaktion, sie sei Opfer von Zensur und dürfe nicht über eine brisante Frage schreiben, die ein Parlamentsmitglied gestellt habe. Damit trat der «Guardian» eine Lawine los. Innert Stunden enthüllten findige Blogger, um welchen Parlamentarier und welche Frage es sich handelte – auch dank Hinweisen, die Rusbridger via Twitter platziert hatte. Twitter ist ein Internetportal, auf dem öffentliche Kurzbotschaften – ähnlich den SMS für Handys – platziert werden können. Bis zum Mittag waren «Guardian» und «Trafigura» die am häufigsten verwendeten Begriffe bei Twitter Europa.

Gutachten nun doch öffentlich

Sechzehn Stunden später war klar, dass Trafigura den Maulkorb nicht aufrecht erhalten konnte: Der «Guardian» durfte über Farrelly und seine Frage berichten. Rusbridgers erste Reaktion: Der Chefredaktor bedankte sich bei Twitter und dessen Nutzer für die «fantastische Unterstützung»: «Ein grosser Sieg für die Redefreiheit!» Danach dauerte es immerhin noch einmal mehr als zwei Tage, bis die Anwälte von Trafigura auch das Publikationsverbot des Gutachtens gehoben hatten. Das Papier wurde unmittelbar nach dem Zwischenfall 2006 in Auftrag gegeben, um die mögliche Zusammensetzung des Giftmülls und dessen Folgen abzuschätzen. Es kam zum Schluss: «Mögliche Konsequenzen für die Menschen [die in der Nähe der Deponien leben oder arbeiten] sind Verbrennungen von Haut, Augen und Lungen, Erbrechen, Durchfall, Bewusstlosigkeit und Tod.»

Der Autor des Gutachtens erklärte unmittelbar nach der Veröffentlichung, dass es sich bloss um eine erste Untersuchung vom Schreibtisch aus handle, deren vorläufiges Fazit mittlerweile überholt sei. Nach genauer Analyse hätte sich gezeigt, dass keine der Substanzen tödlich gewesen sei. Mit den Opfern einigte sich Trafigura auf eine Entschädigung von 1500 Franken pro Person. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2009, 06:44 Uhr

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1 Kommentar

gerald gutberlet

20.10.2009, 10:41 Uhr
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"holländische Rohstoffhändler Trafigura, der von Luzern aus gesteuert wird" jaja die CHer verantwortlichkeit wenn was schlimmes passiert. wenn das hauptquartier in der CH ist? ist es dann nicht auch eine CHer firma. oder anders gefragt wo zahlt die firma ihre steuern. mann wird das gefühl nicht los das es in der CH ein problem damit gibt sich seiner verantwortung zu stellen wenn was schief geht Antworten



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